B. A. Zimmermanns Lenz-Vertonung "Die Soldaten" auf CD + DVD
Bernd Alois Zimmermann schuf mit seinen "Soldaten" nach dem gleichnamigen Drama von Jakob Reinhold Michael Lenz aus dem Jahr 1775 über ein naives Mädchen, das den Geliebten für einen schmeichelhaften Galan hingibt, zur Hure gemacht und vergewaltigt wird, schließlich unerkannt vom eigenen Vater ein Leben auf der Straße fristet, die vielleicht bedeutendste Oper der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Zimmermann potenzierte die schon von Lenz propagierte Aufhebung von Ort, Zeit und Handlung in einer "Kugelgestalt der Zeit" und schuf nicht nur ein äußerst vielgestaltiges Werk, sondern komponierte - vor allem in den Vor- und Zwischenspielen - eine unerhört nervöse, dichte, spannungsgeladene Musik, aber auch Szenen von kammermusikalischer Intimität und Durchsichtigkeit. Im Verlauf des (bei den üblichen Strichen im vierten Akt) knapp zweistündigen Werks wird allerdings das Orchestergewebe in den dramatischen Szenen immer diffiziler, bevor es am Ende in einer Schichtung verschiedenster musikalischer Ebenen geradezu explodiert. Verblüffend expressiv klingen trotz strenger 12-Ton-Konstruktion und oft komplizierten Intervall-Sprüngen auch die Gesangslinien.
Bislang war Zimmermanns opus magnum nur als CD und DVD (Arthaus) der Stuttgarter Aufführung aus dem Jahr 1987 greifbar. Jetzt ist fast gleichzeitig die unmittelbar nach der Uraufführung entstandene, exzellente Studioproduktion aus dem Jahr 1965 erstmals auf CD (Wergo) und die aufregende szenische Produktion aus der Bochumer Jahrhunderthalle von 2006 auf DVD erschienen (nur zu beziehen über www.ruhrtriennale.de).
Wer den Text zu Zimmermanns Oper mitlesen möchte und die komplexe, aber unglaublich packende Vertonung gleichsam pur in einer gestochen scharfen, perfekt ausbalancierten, auch technisch untadeligen Aufnahme kennenlernen möchte, ist mit der Kölner Produktion unter Gielen bestens bedient. Wer aber ein packendes Musik-Theater erleben will, sieht und hört auf DVD bei David Pountney (Regie) und Steven Sloane (musikalische Leitung) eine Aufführung in der Stahlkonstruktion einer riesigen Halle in Bochum, bei der die vielen, teils simultan aufzuführenden Szenen auf einem 130 Meter langen Steg einander kontrastieren oder ineinander fließen. Das ist virtuos inszeniert, choreographiert und gefilmt mit musikalisch rhythmisierten Wechseln der Perspektive, in verschiedensten Einstellungen - auch von oben - und teilweise sehr schnell geschnitten. So bekommen die Szenen, wenn Soldaten in der Sauna oder im Kaffehaus Witze reißen und sich aufgeilen, die Duette und Terzette, ebenso die Simultanszenen eine ungeheure, die Musik steigernde Bildmächtigkeit. Sowohl bei Gielen wie in Bochum ist die Marie großartig besetzt: Edith Gabry singt mit leichter, wunderschön timbrierter Stimme, Claudia Barainsky gestaltet dramatischer und expressiver, aber kaum weniger präzise. Claudio Nicolai und Claudio Otelli besitzen beide die noble Bariton-Würde eines zaghaft Liebenden für den Tuchhändler Stolzius; Anton de Ridder und Peter Hoare den zwielichtigen Tenor-Schmelz für Desportes. Maries Vater - Zoltan Kelemen und Frode Olsen - und die anderen zahlreichen mittleren und kleinen Rollen sind hier wie dort gut besetzt.
Klaus Kalchschmid