Nicht geraspelt, sondern gesungen

Grigorij Sokolovs und Valery Afanassiev Fotos: Oehms/AMC Artists

Bach und Beethoven als Nicht-Entspannungsmusik - Grigorij Sokolovs und Valery Afanassievs außergewönliche Klavier­abende im Wiener Konzerthaus

(Wien, im Januar 2012) Nicht allzu oft trägt sich im Konzertsaal das Nicht-Alltägliche zu, auch in Wien nicht, das ganz selbstverständlich den Ruf für sich in Anspruch nimmt, die geheime Musikhauptstadt der Welt zu sein. Manchmal aber geschehen die kleinen Wunder, und es wird eingelöst, was versprochen war. So geschehen jüngst im Wiener Konzerthaus, und beide Male mit russischen Pianisten, die sich abseits der ausgetretenen Karrierepfade auf jenem künstlerischen Ausnah­me-Plateau bewegen, das zu betreten nur wenigen vergönnt ist.
Und doch ist keiner wie der andere. Grigorij Sokolov, der im Westen so spät erst bekannt Gewordene, kam im Dezember in Wien vorbei, um - unter an­derem mit Johann Sebastian Bach - auf höchstem Niveau eine kleine Kost­probe seiner Virtuo­sen-Feuer­werks-Kunst zu geben. Ein solches Plädoyer gegen das Cembalo­-Zirpen kann man selten hören. Sokolovs reiche An­schlags­kultur macht das Tasteninstrument zum Orchester. Er führt eine veritable Lektion der Invention vor, lässt keine Wiederholung aus, ohne sich zu wiederholen. Unterlegt das Andante des Italienischen Konzerts BWV 971 - wie oft hat man das nicht schon vorgeraspelt bekommen - mit einer "ge­sun­genen" Baßstimme und ruft in der selten gespielten Französischen Ouver­türe BWV 831 ganz selbst­ver­ständlich - der machtgebietend langen einleitenden Ouverture zum Trotz - die Sarabande zum Zentrum aus. Zum Ausgleich läßt er in deren letzten Satz die Echo­stellen so zart und entfernt klingen, als kämen sie von anderswo her.

Tatsächlich von anderswo her kommen die letzten drei Beethoven-Klavier­sonaten. Wenn der für seine auf den ersten Blick eigenwilligen Tempi bekannte russische Ausnahmepianist, Schriftsteller und seit jüngstem auch Dirigent Valery Afanassiev einen Beethoven-Abend gibt, geht einem sofort die alte Frage nach den "richti­gen" Zeitmaßen von Beethovens Symphonien durch den Kopf. Wie bei Schubert scheint Afanassiev auch bei Beethoven einer der "Langsamsten" zu sein. Seine virtuosen Qualitäten verbirgt er hin­ter einem unwirschen Inter­pretationsansatz, in Artikulation und Phrasierung lotet er alle Extreme aus, die man sich nur vorstellen kann. In der Variation der Tempi geht er - auch wenn das Grundzeitmaß ein langsames ist - weiter als andere. Und die dynami­schen Spannungen, die er aufbaut, setzen die Musik wahren Zerreissproben aus.

Ein Innehalten, Momente (er)lösender Ruhe, kennt er nicht, schon gar nicht, wenn - wie am letzten Mittwoch im Wiener Konzerthaus - die drei letzten Klavier­sonaten Beethovens (opus 109 bis 111) auf dem Programm stehen. Die permanente Unruhe, die Afanassievs Spiel durch­zieht, kommt von der linken Hand, die jede melodische Beschwichti­gung vereitelt. Sie begleitet und kontrastiert nicht, sondern drängt sich gera­dezu (ver)störend zum Vor­der­grund hinzu. Und mehr als andere nimmt sich der Pianist Rubatofrei­hei­ten, ohne je den Eindruck eines willkürlichen Zusatzes zu erwecken.
Zuwei­len bleibt die Musik stehen oder bohrt sich - wie im 3. Satz der As-Dur-Sonate op. 110 - in einem Ton fest, der immer wieder verzwei­felt ange­schla­gen wird, ohne weiter zu wissen. In solchen Momenten stockt die Musik: Pausen sind in Afanassievs Spiel ein wichtiges Element, so als hätte der taube Beethoven schon vorausgeahnt, welche Rolle die Stille in der Musik des späten 20. Jahrhunderts spielen würde.

Afanassiev scheint die Fähigkeit zu besitzen, sich in die verschlossene Welt eines Komponisten versetzen zu können, der, als er die Sonaten schrieb, ganz in "seiner" Welt lebte, in einem Kosmos von akustischen Zeichen, in den keine Geräusche der Außenwelt mehr drangen. Die Melodien, zu denen sich diese Musik zuweilen aufschwingt, wirken bei Afanassiev wie schatten­hafte, zufällig auftauchende Lichtinseln in einem wilden improvisato­rischen Ozean, in dem das Dunkle regiert. Das stille, weit aussingende "Schöne", das in den Interpretatio­nen anderer großer Pianisten den Gegenpol zu den verzweifelten Aus­brüchen bildet - bei Afanassiev dringt es nur in kurzen Ausnahmemomenten an die hörbare Oberfläche.
Selbst in den Akkorden sucht Afanassiev die dunkle Seite. Entspannung findet die Musik nur dort, wo sie in strenge Form gebannt ist, wie in der Fuge der As-Dur-Sonate. Aber der Weg dorthin ist steinig, von wilden Läufen, Arpeggien und aberwitzigen Akkordzusammenballungen gesäumt.
Gewiss, das ist alles in Beethovens Noten angelegt. Und Pianisten wie Swjatoslaw Richter haben uns schon vor langer Zeit die Wahrheit dieser Musik gezeigt. Ohne sie wäre das, was Afanassiev an diesem Abend im Wiener Konzerthaus vorgeführt hat, gar nicht denkbar. Aber wie selten sind solche Konzerte im tagtäglichen Musik­betrieb! Und wie wohltuend ist es, wenn nach dem letzten Ton der c-moll-Sonate, der letzten, die Beethoven schrieb, kein hysterisches Gekreische losbricht, sondern das Publikum erst wieder zu sich selbst zurückfinden muss, ehe es dem Pianisten das wohlverdiente und fast schüchterne "Bravo!" zurufen kann.     

Derek Weber

Nächste Konzerte von Grigorij Sokolov in Deutschland:

25.2. Düsseldorf, 27.2. Frankfurt, 29.2. Köln, 5.3. Hamburg


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