Der Wind streicht über den Wüstensand

Wilfried Hillers Opern-Oratorium "Der Sohn des Zimmermanns - Szenen aus dem Neuen Testament" wurde im Würzburger Dom uraufgeführt

(Würzburg, 16. März 2010) Was für ein bewegender Moment, als in die komponierten Glocken hinein das Geläut des Würzburger Doms begann - und schon bald die ganze Stadt durchbraust war von gewaltigen Klangmassen. Denn zum Gedenken des 65. Jahrestags der Zerstörung Würzburgs am 16. März 1945 hatten auch alle anderen Glocken der Stadt eingesetzt! Nach 100 Minuten war damit Wilfried Hillers Opern-Oratorium "Der Sohn des Zimmermanns - Szenen aus dem Neuen Testament" gewichtig mahnend und zutiefst berührend zu Ende gegangen.

Der Münchner Komponist - schon Augustinus hat er ein großes Werk gewidmet, uraufgeführt in der Münchner Lukus-Kirche - ließ sich wieder von Winfried Böhm ein exzellentes Libretto schreiben. Darin treten auf: die zwölf Apostel - kollektiv als Männerchor oder einzeln, Maria Magdalena (intensiv: Mezzosopran Ann Kathrin Naidu), der Versucher (fulminant gesungen von Heidi Elisabeth Meier mit oft in eisige Höhen getriebenen Sopran), Voces coelestes  und Voces mundanae, hier weibliche himmlische und weltliche Stimmen also. Zwölf männliche Solisten, der Würzburger Domchor und die Jugend- und Mädchenkantorei am Dom sangen das unter Domkapellmeister Martin Berger enorm lebendig, farbig und präzise. Aber auch die solistische Viola d'amore der wunderbar warm und innig musizierenden Julia Rebekka Adler spielt eine Hauptrolle: Jesus. Ein ganzer Chor von - manchmal mehrfach geteilten - 33 Bratschen ist zugleich die instrumentale Verlängerung der menschlichen Stimme von Maria Magdalena, spiegelt aber auch die 33 Lebensjahre Jesu wider.

Zahlensymbolik spielt eine wichtige Rolle - wie bei Bach oder Oswald von Wolkenstein, dem Hiller am Ende der siebten Bildes mit der Anspielung auf dessen Lied "Ave Muetter Küniginne" ein (weiteres) musikalisches Denkmal gesetzt hat. Die 34 als geheime Zahl des Quadrats auf Albrecht Dürers Kupferstich "Melancholia" (dort ergibt sie sich an den Seiten, quer und diagonal gelesen aus der Addierung aller Zahlenreihen) prägt Hillers ganzes Stück in sieben Szenen (4 + 3), wie auch die vier Harfen (und vier Schlagzeuger!) durch drei weitere Soloinstrumente ergänzt werden: Klarinette, Diskant-Zither und Hackbrett. Der Harfen-Chor symbolisiert im Übrigen den "Harfensee", also den See Genezareth, der die Form dieses Instruments besitzt.

Am Jordan, In der Wüste, Die Hochzeit, Das Gebet, Nach dem Abschiedsmahl, Im Palast, Am offenen Grabe - das sind die Titel der sieben Szenen aus dem Leben Jesu, oft in fast realistischen Dialogen gefasst, dann wieder philosophisch metaphysisch oder bildhaft expressiv überhöht. Dafür fand Hiller eine oftmals karge, manchmal wunderbar illustrative, immer sehr einprägsame musikalische Sprache. Über weite Strecken - vor allem wenn der Versucher, also Luzifer, singt - wird sie dominiert vom Intervall der übermäßigen Quarte, also dem "diabolus in musica", dem Teufel in der Musik, wie es mittelalterlichem Verständnis entsprach. Oftmals wechselt gesungene und gesprochene Sprache, Mehr- und Einstimmigkeit, betörende Tonalität oder sanfte Dissonanzen, Chromatik, Diatonik oder exotische Pentatonik, also schwebende Ganztonfolgen. Geräuschhafte Reibungen und Glissandi der Harfen, dumpfes Schlagwerk und helles Steineklopfen werden oft grundiert von einem Instrument namens Geophon. Das ist eine Felltrommel, die mit Bleikügelchen gefüllt ist, deren sanftes Bewegen ein das Streichen des Windes über Wüstensand simulierendes Geräusch erzeugt.

Effekte dieser Art durchziehen das ganze musikalische Stationen-Drama, das in der Gethsemane-Szene vier immer entrücktere "Zwischen"-Musiken enthält (die letzte in der Partitur überschrieben: "wie ein ferner schöner Traum"), schon einmal in einen wilden, rhythmisch prägnanten Tanz mündet oder gar in einen kleinen Gospelchor ausbricht - als seltsam aus der Zeit gefallener Fremdkörper inmitten der subtil und farbig gefassten Szenen. Großartig freilich wirkte, wie das Orchester dreimal den von der Zither begleiteten exaltierten Ergüssen des Versuchers antwortete und immer seraphischer zu schweben begann.
Klaus Kalchschmid

Am Ostermontag, 5. April 2010 (20.05 Uhr) sendet BR- Klassik den Mitschnitt dieses Gedenkkonzerts.

 

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Montag, 22-03-10 09:42

B. Meininger aus Ludwigsburg

Was für ein wunderbarer Artikel über dieses bewegende Konzert. Herzlichen Dank.