Bestechendes Musik-Drama

Verdis "Sizilianische Vesper" in Christof Loys Amsterdamer Inszenierung ist auf DVD erschienen - eine Empfehlung

(Dezember 2011) Giuseppe Verdis 1855 für Paris auf Französisch komponierte fünfaktige Oper "Les Vêpres siciliennes" gab es bisher nur als traditionelle Inszenierung der italienischen Fassung auf DVD. Christof Loys spannende, das Aggressionspotenzial von Stoff und Musik tiefenscharf ausleuchtende Version aus Amsterdam vom Herbst 2010 (Opus Arte) schließt eine empfindliche Repertoire-Lücke.

Zur Handlung: Als junger Soldat hat der französische Gouverneur Guy de Monfort (Alejandro Marco-Buhrmester) eine Sizilianerin vergewaltigt. Jahre später leidet die Insel immer noch unter ihren Besatzern, während ein auf dem Totenbett der Mutter geschriebener Brief Monfort offenbart, dass Henri (Burkhard Fritz) sein Sohn ist. Dieser liebt Héléne (Barbara Haveman), deren Bruder von Monfort ermordet wurde. Indem Henri das Attentat Hélénes auf seinen Vater widerwillig vereitelt, wird er zum Verräter. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Christof Loy hat aus Verdis selten gespielter Oper ein bestechend genaues Musik-Drama gemacht, das die Konflikte zuspitzt und ins helle Licht einer abstrakten Bühne zerrt: Wenn die Franzosen die Hochzeit von einem Dutzend sizilianischer Paare sprengen, zwingen sie die Bräute, denen sie das weiße Tütü vom Leib reißen, auf die Knie - in die Scherben ihres Besäufnisses!
Wie immer entsteht bei Loy die Spannung zwischen den Figuren auch aus neutrale schwarz-weißer Abend-Kleidung und der Ver-Kleidung. Hier ist das ganz werkgetreu die Verwandlung zum Maskenball, für den sich Monfort als eitler König Ludwig XIV. kostümiert und wir Zuschauer eines auskomponierten Cancans werden. Die Tanzeinlage zwischen den ersten beiden Akten ist eine lebendige Videogalerie der acht als Solisten auftretenden Sizilianer, die sich im Bild gespenstisch zu Kindern verwandeln; den ermordeten Frédéric eingeschlossen. Er tanzt auch mit in der halbstündigen Ballettmusik im dritten Akt, zu der Thomas Willem (Choreographie) und Thomas Jonigk (Handlung) Héléne, Frédéric, Henri und dessen Mutter herrlich unbeschwert und witzig als eine Familie inszenieren. Halb der Traum Henris, halb seine Erinnerung, zeigt dies bereits spielerisch ausagiertes Gewaltpotenzial.

Paolo Carignani gelingt es oft, den wunderbar geschmeidigen französischen Duktus der Musik trocken und plastisch herauszumodellieren. Dass Chor und Orchester im Eifer des Gefechts manchmal leicht auseinanderdriften, stört kaum. Denn nicht nur die Kollektive der Amsterdamer Oper musizieren auf hohem Niveau, sondern auch die Solisten. Vor allem die drei Protagonisten meistern ihre Aufgaben sängerschauspielerisch mit vielen Facetten in Singen, Mimik und Gestik, zumal dank Christof Loys präzisem Timing und der ausgefeilten Bildregie (Misjel Vermeiren) stets eine enorme Spannung herrscht.

Klaus Kalchschmid

 

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