Spielen, musizieren, kämpfen

Das geplante Zentrum für musikalischen Unterricht in Caracas

José Antonio Abreu, der Gründer des Simon Bolivar Orchestra, und der Dirigent Gustavo Dudamel sprachen in Salzburg über das musikapäadagogische Projekt "Fesnojiv"

(Salzburg, im August 2008) Spielen, musizieren, kämpfen - das ist das erklärte Leitmotiv des derzeit bekanntesten Jugendorchesters der Welt: des "Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela".
Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen war das Orchester, das nach dem Helden des lateinamerikanischen Unabhängigkeitskampfes benannt ist, gleich mit vier Konzerten und einem Symposium vertreten. Zusätzlich hatten die jungen Musiker die Gelegenheit, im Rahmen des Workshops "Die Schule des Hörens" mit Nikolaus Harnoncourt Beethovens 5. Symphonie zu erarbeiten. "Dieses Orchester macht das Unmögliche möglich" schwärmte Harnoncourt.
Und tatsächlich steckt in dem musikpädagogischen System "FESNOJIV", aus dem das "Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela" hervorging, eine außerordentliche Energie und Motivation.

Die verkörpert auch der Dirigent des Orchesters Gustavo Dudamel. Mit seinen 27 Jahren ist er nicht viel älter als die Orchestermitglieder. Und doch hat er eine kometenhafte Dirigier-Karriere gestartet. Nachdem er 2004 den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb gewonnen hatte, folgten unter anderem Einladungen des Londoner Philharmonia Orchesters und der Staatskapelle Dresden. Seit Herbst 2007 ist Dudamel Chefdirigent des Symphonieorchesters Göteborg und wurde kürzlich zum Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic Orchestra ernannt.

Er und José Antonio Abreu, Gustavo Dudamels Mentor und Gründer der "FESNOJIV" und des "Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela", erklärten in einem Pressegespräch in Salzburg den Erfolg und die Zukunftsvisionen dieses Projektes.
Vor mehr als 30 Jahren hatte der Ökonom und Musikliebhaber José Antonio Abreu die Stiftung "FESNOJIV" (Fundatión del Estado para el Sistema National de las Orquestas juveniles e Infantiles de Venezuela) ins Leben gerufen.

Grundlage für das musikpädagogisches System, von den Mitgliedern auch kurz "Sistema" genannt, war das in Venezuela gesetzlich festgelegte Grundrecht auf Musikerziehung, sagt Abreu. Doch weil das Kulturleben immer elitärer wurde, habe Abreus "Sistema" es sich zur Aufgabe gemacht, allen Kindern, unabhängig ihrer Herkunft, die Möglichkeit auf die beste und keine mittelmäßige Musikausbildung zu geben. Mittlerweile kommen fast 90% der "Sistema"-Schüler aus armen und gefährdeten Verhältnissen.
Der Anfang sei schwierig gewesen, gesteht Abreu, doch die langjährige Arbeit habe sich gelohnt und das Konzept der "Sistema" sei aufgegangen. Mittlerweile unterstützen nicht nur der Staat udn viele Sponsoren wie die UNESCO, die OAS und die Internationales Entwicklungsbank das Projekt. Auch Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt und Sir Simon Rattle stehen den jungen Musikern bei ihrer musikalischen Ausbildung zur Seite, und renommierte Orchester bieten ihnen eine Förderung für ihre Entwicklung. Das "Chicago Symphony Orchestra" und "Chicago Brass" zum Beispiel, fahren nach Venezuela um dort Master Classes zu veranstalten.
Durch solch einen hochrangigen Erfahrungsaustausch bietet dieses internationale Musiknetzwerk den jungen Musikern die besten Voraussetzungen für eine ausgezeichnete Entwicklung. Beispiele dafür sind der Dirigent Gustavo Dudamel, der Geiger Alexis Cárdenas und der Kontrabassist Edicson. Ruiz wurde buchstäblich von der Straße zur Musik geholt und ist mittlerweile mit seinen 17 Jahren das jüngste Mitglied der Berliner Philharmoniker.

José Antonio Abreu erhielt dafür 1993 den Internationalen Musikpreis der UNESCO, wurde fünf Jahre später mit dem Titel "Botschafter des Friedens" ausgezeichnet und nahm 2001 stellvertretend für die "FESNOJIV" den alternativen Nobelpreis entgegen.
Auf die Entwicklung ist Abreu stolz und verfolgt schon sein nächstes Ziel: Im kommenden Jahr möchte er zusätzlich mehr als 700.000 Kinder Venezuela für die Musik begeistern und somit insgesamt einer Million jungen Musikern neue Lebensperspektiven eröffnen.
Der Grundstein dafür ist bereits gelegt. Zurzeit beginnt in Caracas der Bau des "CCASM" (Centro Comunitario de Acción Social por la Música), eines Zentrums für musikalischen Unterricht und vielfältige kulturelle Präsentation, denn "materielle Armut kann nur mit geistigem Reichtum bekämpft werden", ist José Antonio Abreu überzeugt.
Mit der Einladung zu den Salzburgern Festspielen hat sich das "Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela" zusammen mit seinem Dirigenten einen großen Traum erfüllt. Für Abreu und Dudamel ist Musik ein Grundelement der menschlichen Entwicklung und zum Abschluss der Pressekonferenz äußerte Abreu den Wunsch: "Es würde mich freuen, wenn das Salzburger Festival unsere Organisation weiter im Kampf zur musikalischen Eroberung des Friedens begleiten würde."

Oktavia Depta