Der Dirigent und Komponist Michael Gielen erhielt gestern in München den mit 200.000 Euro dotierten Ernst von Siemens Musikpreis - und bedankte sich mit einer tiefgründigen Rede
(München, 5. Mai 2010) Seine Dankesrede entnahm der Analytiker unter den Dirigenten, Michael Gielen, - irgendwie passend - einem Klarsichtordner. Darin abgeheftet, Zitate von Adorno zur Einleitung: "Kunst ist die Stimme der Opfer", und: "Ausdruck ist immer Ausdruck von Leiden".
Selbstverständlich kennt Michael Gielen seinen Adorno und er folgte ihm in gewisser Weise dirigierend sogar nach, in Frankfurt, wo Gielen in den Jahren 1977 bis 1987 an der Oper für herausragende intellektuelle Glanzlichter sorgte. Weshalb man dort sogar von einer zweiten "Frankfurter Schule" spricht.
Den Ernst von Siemens Musikpreis - den Nobelpreis der Musik, wie er auch gerne genannt wird (er wird nicht von der Firma Siemens gestiftet, sondern von der Ernst von Siemens Musikstiftung) - habe er erwartet, gestand der solchermaßen Geehrte freimütig ein. Und warum auch nicht, schließlich hat sich Gielen wie kaum ein anderer Dirigent seiner Generation (geboren 1927 in Dresden) für die moderne und zeitgenössische Musik eingesetzt, wichtige Aufführungen von Schönberg, Nono, Boulez, Stockhausen oder Lachenmann geleitet. Und soll dieser Preis nicht gerade Streiter für's Zeitgenössische ehren?
Helmut Lachenmann, ein anderer musikalischer Analytiker - als Komponist - und gewesener bereits Preisträger dieses Preises hielt die Laudatio. Eine gute Wahl, denn zwischen beiden Künstlern herrscht trotz aller charakterlichen Unterschiede zweifellos eine künstlerische Wahlverwandtschaft. So konstatierte Lachenmann quasi als Vorwegnahme von Gielens Dankesrede oder als Hinführung: "Ausdruck geht über die freundliche Bewegung des Geistes hinaus." Musik sei heute oft nur Surrogat und Dienstleistungsobjekt, billige Magie, leicht verfügbar. Dabei könne sie auch eine "subversive Sehnsucht" vermitteln, etwa wenn Gielen sie aufführe. Und das erreiche dieser durch "klingende Transparenz".
Gielen bestätigte in seiner Rede, dass das Entscheidende beim Dirigieren nicht die Bewegung der Hände sei, sondern die Klangidee, die man als Dirigent habe, die Vorstellung von einem Werk. Dabei habe er sich selbst immer als "Korrektiv von Standardinterpretationen" gesehen, so Gielen. Carlos Kleiber habe ihn mit den Worten gelobt, er finde es toll, dass er "nicht mit dem Arsch wackle".
Dass Michael Gielen auch Komponist ist, mag vielen bis zu diesem Abend unbekannt gewesen sein. Er selbst gestand sogar, dass ihm ein vollendetes Stück durchaus mehr Befriedigung verschaffe als ein noch so gelungenes Konzert, das er als Dirigent musiziert habe.
So waren bei der Preisverleihung auch zwei Sätze aus Gielens Mitte der 80er Jahre entstandenem Streichquartett mit dem Titel "Un vieux Souvenir" zu hören. Musik, die das große Vorbild Schönberg nicht verleugnen kann und will, die aber gleichzeitig eindrucksvoll die enorme musikalische Erfahrung Gielens widerspiegelt und auch jede Menge hintergründigen Witz und Ironie versprüht - vom Minguet Quartett lustvoll und kompetent präsentiert.
Die mit Komponistenpreisen bedachten (relativ) jungen Komponisten Pierluigi Billone, Arnulf Herrmann und Oliver Schneller steuerten zu diesem Abend je ein Uraufführungswerk bei, wobei Schnellers "Vier Szenen" für Flöte, Vibraphon und Klavier mit ihrem minimalistischen Vexierspiel ebenso überzeugen konnten wie das witzige Concertare aus Klarinette, Bassklarinette und Horn von Herrmann mit dem Titel "Bagatelle" - während Billones "Blaues Fragment" für Fagott solo über das Stadium der Materialerkundung kaum hinaus kam.
Robert Jungwirth
Die EvS Musikstiftung vergibt 2010 insgesamt 2,3 Millionen Euro Gefördert werden rund 90 Projekte in über 16 Ländern weltweit, die sich allesamt in hohem Maße um die zeitgenössische Musik verdient gemacht haben. Zahlenmäßig den größten Anteil der Förderungen machen die Kompositionsaufträge aus, in 2010 sind es beachtliche 160 Aufträge. Neben Konzerten und Veranstaltungsreihen sind der Ernst von Siemens Musikstiftung auch wissenschaftliche Einzelpublikationen sowie Gesamtausgaben
- wie zum Beispiel die Webern- und die Schönberg-Gesamtausgabe - ein großes Anliegen. Pädagogisch wertvolle Projekte, die Kindern und Jugendlichen den Zugang zur zeitgenössischen Musik ermöglichen und erleichtern, werden ebenso unterstützt wie Akademien und Workshops für Musikstudenten und junge Komponisten, Dirigenten und Instrumentalisten. Einige Festivals erfahren außerdem auch Mehrjahresförderungen
durch die Ernst von Siemens Musikstiftung, um deren Einsatz für die zeitgenössische Musik zu würdigen und eine Nachhaltigkeit zu erreichen. Besonders hervorzuheben sind hier beispielsweise das Lucerne Festival, bei dem die Neue Musik schon lange kein Nischendasein mehr führt, und die Donaueschinger Musiktage, die ihrem hohen Anspruch, Dreh- und Angelpunkt der zeitgenössischen Musik in Europa zu sein, immer wieder aufs Neue gerecht werden.