Wir basteln uns ein Siegfried-Schwert

Zuschauerraum und Graben des Bayreuther Festspielhauses mit Kameras Foto: Doris Franke

"Lohengrin" aus Bayreuth - Siemens-Festspielnacht, Livestream im Internet, Live in Arte - und ein "Ring" für Kinder

(Bayreuth, im August 2011) Bereits zum vierten Mal gibt es am 14. August auf dem Volksfestplatz in Bayreuth vor der Fassade des barocken Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasiums die Möglichkeit, über Großleinwand kostenlos im Freien live dabei zu sein, wenn ab 16 Uhr im Festspielhaus Wagner gespielt wird. Heuer ist der Bildschirm dank moderner Technik sogar doppelt so groß: gigantische 180 Quadratmeter!
Diesmal ist es "Lohengrin", der nach der Premiere im letzten Jahr von Regisseur Hans Neuenfels mit Annette Dasch als Elsa und den neuen Sängerdarstellern Klaus Florian Vogt in der Titelpartie, Petra Lang als Ortrud und Tómas Tómasson als Telramund in der Personenregie weiterentwickelt und auf die neue Besetzung abgestimmt wurde (siehe Kritik auf KlassikInfo). Berührend, wie am Ende Elsa und Lohengrin nun die körperliche Nähe in aller Öffentlichkeit kurz vor Torschluss suchen, was sie im Brautgemach nicht zustande bekommen haben.

Schon während der Generalprobe wurde - zur Sicherheit und für die DVD - mitgeschnitten, bei der Hauptprobe gab es sogar einen Kamera-Kran im Zuschauerraum, um die Chorszenen auch in einem steileren Winkel von oben filmen zu können. Im Festspielhaus wird man am Tag X die neun ferngesteuerten, erstaunlich kleinen Kameras nicht sehen, die am berühmten Schalldeckel versteckt sind oder am linken und rechten Proszenium, schon gar nicht die eine, die im Schnürboden befestigt ist, um das Experiment mit den Ratten von oben filmt, als würde man in einen Käfig schauen. 1064 Einstellungen sind im Klavierauszug markiert, den Bildregisseur Michael Beyer erstellt hat. Er hat im Übertragungswagen die Fäden in der Hand und schwärmt von der großen Klarheit und Kraft einer Inszenierung, die sehr fernsehgerecht sei. 

Bereits am Vormittag des 14. August ist auf dem Volksfestplatz die Filmversion des anderthalbstündigen "Ring für Kinder" zu erleben, eine entzückende Fassung, in der zwar manches im gesprochenen Dialog - sehr witzig - verhandelt wird, aber alle Highlights enthalten sind, im Original gesungen, doch "nur" von 30 Orchestermusikern gespielt - auf der zweistöckigen Bühne in Probebühne 4 des Festspielhauses. Da laufen die Rheintöchter Schlittschuh, verfeuert Siegfried (Norbert Ernst, im Hauptberuf bei den Festspielen der David in den "Meistersingern") im Ofen Noten und eine Geige, um exakt im Takt Wagners nicht sein Schwert zu schmieden, sondern mit zwei Suppenkellen auf Töpfen zu klöppeln. Und wenn Brünnhilde nach furiosem "Hojotoho" plötzlich zu Wotan sagt: "Du wolltest mich sprechen?", grölt das gesamte Auditorium, in dem schon 2-Jährige aufmerksam zuhören und -schauen! Auch das Ende ist grandios: Alberich und Hagen kämpfen in Slow Motion um den Ring, da fällt Schnee und die beiden erstarren zu Eis, während hinter ihnen das Welterlösungsmotiv von einem neuen Anfang kündet.

Am frühen Nachmittag gibt es auf dem Volksfestplatz einen Parcours für Kinder. Da können sie auf fünf Stationen selbst Hand anlegen und unter Anleitung von Theaterprofis und -pädagogen Gesichter schminken, Kostüme oder ein Schwert basteln, mit einem Komponisten, der seine Leitmotive vergessen hat, musikalische Themen erfinden oder ein Bühnenbild malen. Auf dass den Opernhäusern mindestens die nächsten 50 Jahre ein interessiertes, leidenschaftliches (Wagner-)Publikum nachwächst. Wer erlebt hat, wie gebannt die Youngsters beim Kinder-"Ring" zuhörten, macht sich da keine Sorgen.

Unter www.siemens.com/festspielnacht kann man den "Lohengrin" gegen eine Gebühr von 14,90 Euro live im internet verfolgen und 14 Tage lang als Aufzeichnung noch einmal abrufen oder ihn ab 15. August (22 Uhr) als On-demand-Version erwerben. Die Arte-Übertragung beginnt zeitversetzt um 17.15 Uhr. 

Klaus Kalchschmid