Die Pariser Oper ist mit ihrem "Ring" eine Oper weiter, bleibt aber hinter den Erwartungen zurück
(Paris, im März 2011) Um es gleich vorweg zu sagen. Die neue Inszenierung des "Siegfried" an der Pariser Staatsoper, aufgeführt in der Opera Bastille, ist so langweilig, dass man mit dem Einschlafen kämpfen muss. Ein scharfes Urteil, aber es gibt an dieser Aufführung nur wenig zu beschönigen. Leider und schade.
Die Staatsoperndirektion hat Günter Krämer damit beauftragt, den "Ring" Wagners neu in Szene zu setzen. Das Projekt begann in der Saison 2009/2010 und wird im Juni mit der "Götterdämmerung" enden. Jetzt im März war "Siegfried" an der Reihe. Sicherlich kein leichtes Werk, das einem Regisseur viel abverlangt.
Mime und Siegfried leben in einer Art kleinbürgerlichen Gemütlichkeit. Mit Topfblumen und Gartenzwergen. Der Held Siegfried ist alles andere als schlank und rank und dazu auch noch in einem nicht gerade seine rundliche Körperform positiv herausstreichenden Overall gekleidet. Siegfried als Arbeiter, als Proletarier. Mime wirkt nicht gerade männlich, sondern eher wie ein Transvestit. Diese Interpretation funktioniert. Jedenfalls zu Beginn der Oper. Auch die Gegenüberstellung von Siegfried als Arbeiter im Overall und den hochbürgerlich daherkommenden Göttern überzeugt. Doch dann zieht sich die Handlung wegen ihrer statischen Regieelemente in die Länge. Krämers Regieansatz zielt darauf ab, Wagners dramatischer Handlung ein wenig von ihrem Ernst zu nehmen. Mit Hilfe von Kabarett- und Klamaukelementen versucht er die Geschichte Siegfrieds und der Götter zu entmystifizieren.
Ein spannender, ein wagnerkritischer Ansatz, der aber nicht über volle vier Stunden trägt. Krämers Inszenierung zieht sich in die Länge, wogegen die auch die musikalische Interpretation von Generalmusikdirektor Philippe Jordan nicht viel ausrichten kann. Im Gegenteil. Jordan bot eine Interpretation, in der das für Wagner typische Pathos, das Dramatische, das Experimentelle, das orchestrale Licht- und Schattenspiel, das Gefühlvolle und Übertriebene vollkommen fehlten. Der musikalische Fluss zog sich langsam dahin, ein stilles Gewässer, ohne grosse Gefühle.
Hinzu kam, dass die Aufführung am 6. März von Krankheit geschlagen war. Der Protagonist Torsten Kerl konnte den Siegfried nicht singen. Er wurde mehr schlecht als recht durch Christian Voigt ersetzt. Besonders schlimm: Juna Uusitalo, der eigentliche Star der Aufführung, war ebenfalls stimmlich verhindert. Er hätte eigentlich den Wotan interpretieren sollen. An seiner Stelle sang Egils Silins.
Silins und Voigt gaben sicherlich ihr Bestes, aber mit ihren eher kleinen Stimmen kommt man bei Wagner nicht weit. Man muss sich schon fragen, warum die Pariser Staatsoper bei so wichtigen und lange geplanten Produktionen keine zweite Besetzung parat hat. Verständlich also, dass das Publikum erbost reagierte und kräftig buhte.
Ausgezeichnet war die Besetzung Mimes. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke hat nicht nur die richtige Stimme für Mime, sondern verfügt auch über beste schauspielerische Fähigkeiten.
Thomas Migge
Opera de Paris
Richard Wagner: Siegfried
1. bis 30. März 2011