Simon Rattle dirigiert "Siegfried" bei Salzburger Osterfestspielen und der junge Kanadier Lance Ryan empfiehlt sich als Titelheld mit Zukunftspotential
(Salzburg, 4. April 2009) Szenisch reduziert, kammermusikalisch im Orchesterklang und liedhaft gesungen soll er sein, dieser "Siegfried", hat Simon Rattle vorab erklärt. Der Chef der Berliner Philharmoniker setzt Wagner auf Diät. Der Ansatz verdient Sympathie. Die szenische Gestaltung von Regisseur Stéphane Braunschweig jedoch ist ziemlich dünn. Ein metallischer Kasten rahmt die weitgehend leergeräumte Bühne. Während des zweiten, im Wald spielenden Aktes ist sie mit ein paar zahnstocherdürren Bäumen dekoriert. Was sich hier abspielt, ist garantiert ideologiefrei und von entwaffnender Arglosigkeit. Es ist, als hätte sich die zentnerschwere Bedeutungsfracht, mit der Wagner seine Musikdramen beladen hat, plötzlich in Luft aufgelöst. Revolution und Kapitalismuskritik werden für diesmal freundlich, aber bestimmt ignoriert. Der metaphysische Überbau kippt weg, das Wagnersche Pathos von Schöpfung und Weltuntergang ist gestrichen, und die psychologischen Labyrinthe, die der Titelheld auf dem Weg zu sich selbst durchirren muss, interessieren hier nur am Rande. Götter, Zwerge, Drachen - das gesamte Ringpersonal schrumpft auf menschliches Normalmaß. Was dieser großen Entschlackungskur im Weg steht, wird umstandslos beiseite geräumt. Der Kampf mit dem Drachen etwa findet hinter der Bühne statt. Erst wenn Fafner bereits tödlich getroffen ist, taumelt er, zurückverwandelt in einen Mann mit Schlips und Anzug, auf die Bühne.
Nach diesem in jeder Hinsicht preisgünstigen Muster funktioniert die gesamte Inszenierung. Der Goldschatz ist ein Lichteffekt, die Kostüme lassen jeden Zeitbezug im Unklaren, dafür sind die Requisiten hübsch akkurat, und den Rest besorgen die bewährten Flammen-Projektionen.
Die Chance einer solchen Reduktion des szenischen Aufwands läge in der Konzentration auf die Personenregie. Einige Szenen gelingen Stéphane Braunschweig durchaus lebendig - etwa wenn Siegfried, pubertär schwankend zwischen Aufbegehren und Anlehnungsbedürfnis, seinen Kopf in Mimes Schoß legt, als der ihm vom Tod seiner Mutter erzählt. Doch es gibt auch viel Leerlauf und Herumsteherei. Allein Burkhard Ullrich als Mime gewinnt markantes Profil: Er zeichnet diesen verschlagenen Zwerg einmal nicht als dämonische Karikatur, sondern als einen verzweifelt zerstreuten Professor, der sich hoffnungslos in seinen Plänen verzettelt. Wirklich großartig wird dieses Rollenporträt, weil Ullrich auch musikalisch auf alles Chargieren verzichtet: Endlich wird der Mime einmal wirklich gesungen, scharf und bedrohlich, wenn nötig, aber ohne das sonst übliche Kreischen und Winseln.
Die übrigen Sänger haben zwar durchaus Festspielniveau, keiner aber vermag nachhaltig in Bann zu ziehen. Katarina Dalayman als Brünnhilde hat ein interessantes, farbiges Timbre, in der Höhe allerdings mit gewissen Schärfen. Für Willard White scheint die Rolle des Wanderers zu spät zu kommen, sein Baß-Bariton klingt rauh und wenig fokussiert. Besondere Neugier richtete sich auf Lance Ryan. Der junge kanadische Tenor war kurzfristig für den erkrankten Ben Heppner eingesprungen - und erwies sich als vielversprechende Begabung. Sein ausgesprochen metallischer, etwas eng klingender Tenor hat Durchschlagskraft und die nötigen Reserven, nimmt aber auch in den lyrischen Passagen mit gut gestütztem Piano für sich ein. Ziemlich störend jedoch ist Ryans mäßiges Deutsch. Die fehlenden Konsonanten seien für diesmal verziehen, aber die Vokale sind beim Singen nun mal das a und o (und bitte nicht immer nur ä und ö). Daran zu arbeiten, wäre eine lohnende Investition.
Sir Simon hielt sein Versprechen: Sein Wagner klingt schlank und durchsichtig. Und so können die fantastischen Bläsersolisten der Berliner Philharmoniker ihr atemberaubendes Können wunderbar zur Geltung bringen. Was Rattle liegt, sind die eher flächigen Passagen der Partitur: Wagner als Klangflächenkomponist, der - etwa im Waldweben - Debussy und Ligeti vorwegnimmt. Aber auch der Rhythmiker Wagner scheint Rattle zu faszinieren: Die zahlreichen repetitiven Figuren haben mitreißenden Drive. Und immer wieder entdeckt man dank Rattles präziser Klangregie musikalische Details, die sonst meist im pauschalen Schönklang ertrinken. Und doch wird man nie restlos glücklich an diesem Abend. Immer wieder fehlt es am großen dramatisch-symphonischen Bogen: Jenes innere Gefälle, das Musik und dramatisches Geschehen vorantreibt und den Hörer unentrinnbar in einen Sog zieht, will sich nicht einstellen.
Nicht ganz zu Unrecht hat Wagner beansprucht, mit seinem Musikdrama das Erbe Beethovens anzutreten. Der "Ring" bietet durchaus Musik aus symphonischem Geist - Musik, die zuerst und zuletzt auf innere Dynamik zielt. Geht man sie mit dem rechten dramatischen Impetus an, dann entsteht ein Gefühl der inneren Folgerichtigkeit. Dieser Aspekt bleibt bei Rattle unterbelichtet: Sein Zugang hat etwas Additives. Allzu oft reihen sich musikalische Hauptsätze aneinander. Zwar nimmt er viele Passagen ziemlich flott, stets aber bleibt eine gewisse Kühle spürbar. Und obwohl Rattle stellenweise durchaus dreinfährt und herzhaft zupackt, wirkt sein Wagner, pointiert gesagt, zu triebschwach. Zumal er, wohl aus dem sympathischen Bemühen heraus, den weitverbreiteten soßigen Schönklang zu vermeiden, darauf verzichtet, die expressiven Qualitäten dieser Musik voll auszureizen.
"Wonnig aus Weh web' ich mein Lied: nur Sehnende kennen den Sinn!" singt der Waldvogel. Von diesem Wagnerschen Sehnen und Sehren, von dieser erotischen Dynamik investiert Rattle denn doch zu wenig. Die Berliner klingen toll, der Abend ist präzise durchgearbeitet und bietet immer wieder packende Viertelstunden - aber er geht nie so sehr unter die Haut, dass man Raum und Zeit vergäße.
Bernhard Neuhoff