Sibelius bei sich zu Hause

Die Sibelius-Halle, Austragungsort des Festivals aus anderer Perspektive. Alle Bilder: lm

Lahtis Sibelius-Festival vom 11. bis 14. September 2008 - hier hat Sibelius' Musik eine Heimat gefunden.

Lahtis Sibelius-Festival 2008 war dem Frühwerk des 1865 in Hämeenlinna geborenen Komponisten gewidmet. Jukka Pekka Saraste, seit diesem Jahr künstlerischer Leiter des Festivals und im Hauptberuf Chefdirigent des Oslo Philharmonic Orchestra, will das Werk von Sibelius in seiner künstlerischen Entwicklung zeigen, wie er im Gespräch mit "KlassikInfo" sagte. Und so gab es in den fünf Konzerten von Donnerstag dem 11. bis Sonntag dem 14. September vor allem Tondichtungen von Sibelius zu hören.

Bis etwa 1900 wird das Frühwerk des Finnen datiert. In die Zeit von Sibelius' Geburt bis zur Jahrhundertwende fällt auch ein wachsendes Bewusstsein der Finnen als Nation - gerade unter dem zunehmenden Druck Russlands. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte Finnland als "Großfürstentum" zum Russischen Reich und genoss darin einen Autonomie-Status. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts versuchte der russische Zar Nikolaus II. die Macht Russlands zu zentralisieren und Gebiete wie Finnland zu russifizieren. Das hatte unmittelbare Auswirkung auf das Kulturleben Finnlands. Studentische Kreise formierten sich, um das finnische Nationalbewusstsein auch in der Kultur und Kunst zu stärken. "Die Kunst war in Finnland wie eine Untergrundbewegung", beschreibt Jukka Pekka Saraste die Situation. Der junge Sibelius, der seine musikalische Ausbildung unter anderem in Berlin und Wien erhalten hatte, schloss sich diesen Kreisen an und komponierte Musik, die stark aus der finnischen Musiktradition schöpfte. Inhaltlich hielt er sich an das finnische Nationalepos "Kalevala" und an die Heldensage "Lemminkäinen", eine Art finnischer Don Juan.

Heimat Finnland: Große Teile der finnischen Landschaft sind von Seen geprägt.

Was Sibelius' Musik für die gebildeten Kreise Finnlands so wichtig machte, war der Umstand, das Sibelius der erste finnische Komponist klassischer Musik im zentraleuropäischen Sinne war. "Er war für diese Menschen ein Vorbild," sagt Saraste. Gleichzeitig war er dem Anliegen seiner Heimat verpflichtet und komponierte Werke wie die "Karelia"-Suite, die "Lemminkäinen-Suite" oder "Finlandia", die den Stand der europäischen Kompositionskunst mit dem finnischen Geist verbanden. Mit diesen Werken zeitlose Kompositionen zu besitzen, die authentisch finnisch sind, darauf sind die Finnen unverändert stolz.

Die "Sinfonia Lahti", ein Sinfonieorchester mit 62 Planstellen, hat sich der Musik von Jean Sibelius besonders verschrieben. Unter seinem früheren Chefdirigenten Osmo Vänskä hat es die sieben Sinfonien Sibelius' auf CD aufgenommen. Mit der Gesamtaufführung der Sinfonien begann auch das Festival im Jahr 2000.
Und so standen auch 2008 die Musikerinnen und Musiker der Sinfonia Lahti im Zentrum des Geschehens. An drei Abenden führten sie in der akustisch phänomenalen Sibelius-Halle unter Jukka Pekka Saraste die Suiten und die erste Sinfonie auf. In solch dichter Folge gewinnt man den Eindruck, dass Sibelius wusste, was er seinen Zuhörern schuldig war.

Dem von Nationalgefühl unbefangenen Zuhörer erscheinen Kompositionen wie die Ouvertüre E-Dur, "En saga", die Karelia-Suite oder die Leminnkäinen-Suite ungemein farbig, abwechslungsreich sowie energiegeladen und sensibel zugleich. Sarsaste nutzte die springlebendige Akustik des Saales zugleich, um geradezu kammermusikalische Qualitäten in der Musik frei zu legen. Die Orchestermusiker gaben rundum ihr Bestes. Die Holzbläser durften zu jeder Zeit ihre wichtige Rolle im Orchestersatz klar machen, der Klang der Streicher schillerte in allen Nuancen von satter Tiefe bis zu herb strahlenden Höhen. Die Blechbläser waren mit edler Klangfarbe präsent, übertönten aber das restliche Orchester nicht.

Die Sinfonia Lahti mit Jukka Pekka Saraste. Bild: Teemu Kirjonen

Vieles in Sibelius' Musik aus dieser Zeit mag sprunghaft erscheinen, spontan erdacht aber nicht souverän zu Ende geführt. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, er habe das Potenzial des romantischen Orchesters nicht gekannt oder aber, schlimmer, es nicht genutzt. Gerade "Finlandia" zeigte unter Saraste geradezu erschreckend wilde Töne und wurde regelrecht in den Raum gehämmert, während die Suiten mit ungemein vielen zarten Tönen daherkamen, die zu genauem Zuhören verführten. An seiner ersten Sinfonie gefällt der Einfallsreichtum an Themen und der Mut des Komponisten, sie spontan erscheinen und auch wieder abrupt verschwinden zu lassen.

Ideal erscheint die Kombination des Saals mit dem Orchester. Diese rundum faszinierende Abmischung der Klänge lässt sich so vermutlich andernorts nicht so erreichen. Mit 1230 Plätzen hat der Saal eine ideale Größe für jedes Repertoire bis zu Brahmsschen Dimensionen - er gibt ihm Größe und erhält die Feinheiten zugleich. Er läßt die Instrumente präzise zu orten und hüllt den Zuhörer zugleich ganz in das Klangerlebnis ein. Mit dieser Mischung aus Transparenz und Wucht im Sinn muss Sibelius seine Musik geschrieben haben. In der nach ihm benannten Halle in Lahti ist sie tatsächlich zu Hause. Hier, am Ufer des Vesijärvi in Lahti, kann sie all ihre Qualitäten zum Leuchten bringen.

Die Bibliothek in Ainola, wo Sibelius 50 Jahre lebte und immer wieder Hauskonzerte veranstaltete.

Auch die Kammermusik hat in diesem Saal eine zuverlässige Heimat. Am Sonntag Vormittag sang die finnische Sopranistin Helena Juntunen Lieder von Sibelius, zusammen mit der Pianistin Eveliina Kytomäki und dem Schauspieler Harri Nousianinen, der aus Briefen von Sibelius las. Zu den Paraderollen der jungen Sopranistin gehört die Pamina aus Mozarts Zauberflöte. Ihrem Liedgesang hört man das an, diese Energie, diese Freiheit der Stimme, die flüssige Artikulation. Zugleich hört man, dass sie ihre Ausbildung bei Liedgrößen wie Elisabeth Schwarzkopf, Mitsuko Shirai und Hartmut Höll erhielt. Perfekter Stimmsitz, Kontrolle jederzeit, jedes Wort gestochen scharf: Die Matinee bei Sibelius hatte im Saal die Intimität des Hauskonzerts und die Strahlkraft des großen Auftritts.

Eine Armada von Akustiktüren in den Wänden lässt den Saal bei jedem Anlass richtig klingen. Auch in Sibelius' Liedschaffen fällt eine große Wandlungsfähigkeit auf. Zwischen Schumann, Strauss und Zemlinsky liegt seine Bandbreite in der kleinen Form, und das sorgt stets für Abwechslung und Überraschungen. Obwohl ein eher konservativer Komponist, war Sibelius doch auf der Höhe seiner Zeit. Er scheute sich nicht vor Emotionen und wusste genau, welche Effekte er mit welchen Mitteln erzielen konnte.

Sibelius sozusagen ganz bei sich selbst erleben konnten die Besucher in einem weiteren akustisch hervorragenden Saal in Lahti. Es war derselbe Russell Johnson und seine Firma "Artec Consultants", die gleich noch den Saal des Konservatoriums der Stadt zum vielseitigen Kammermusiksaal optimierten. Dort spielte der finnische Pianist Eero Heinonen Stücke aus Sibelius' Oeuvre für Klavier. Die Klaviermusik zeigt nicht ganz die Konturen, die er seiner Orchestermusik und auch seinen Liedern zu geben wusste. Hier regiert doch zu sehr der "internationale" Stil, der zu Sibelius' Jugend von Liszt beeinflusst war. Auch hat man den Eindruck, dass er diese Musik hauptsächlich zu seinem eigenen Vergnügen komponiert hatte. Warum auch nicht.

Die vier Tage mit Sibelius in "seinem" Sibelius-Saal waren gute Unterhaltung einerseits und Gewinn an Erkenntnis andererseits. Der bei uns sehr unterschätzte Komponist hat seine ganz starken Seiten, aber sie brauchen den richtigen Ort und die entsprechenden Musiker, damit sie zum Tragen kommen. Da hat sich die Stadt Lahti ebenso energisch wie überzeugend positioniert. Die Sibelius-Gemeinde aus aller Welt - aus den USA, Japan, Russland, China und verschiedenen Ländern Europas - dankte dieses Engagement auch 2008 mit zahlreichem Erscheinen. Die Idee eines Bayreuth in Finnlannd scheint gar nicht so abwegig zu sein und ist auf jeden fall einen Besuch wert.

Laszlo Molnar

[Weiterer Beitrag zum Thema]
[Zum Programm des Sibelius-Festivals 2009]

Weitere Informationen unter: www.sinfonialahti.fi.
Konzerte unter anderem aus der Sibelius-Halle in Lahti können gehört und gesehen werden unter www.classiclive.com

Der Ort der Erholung von innen: Gastzimmer im Kaffeehaus Kariranta am Seeufer.