CD- und DVD-Editionen würdigen Sergiu Celibidaches 100. Geburtstag
Er war das absolute Gegenteil eines Carlos Kleiber: kein Beschleuniger, der im extrem schnellen Tempo die Musik zum Implodieren bringt, sondern ein Meister der Langsamkeit, des sich magisch entfaltenden Klangs - erzielt durch ungewöhnlich lange, minutiöse Probenarbeit, ein Feilen am Detail, an der Balance der Orchesterstimmen. Deshalb urteilte Celibidache über Carlos Kleiber so vernichtend, aber mit eigentümlichem Bedauern: »Er ist für mich ein unmöglicher Dirigent. Kein Mensch kann bei seinem wahnsinnigen Tempo etwas erfahren. Kleiber geht vorbei am heiligen Klang. Das finde ich tragisch. Er hat niemals erfahren, was Musik ist.«
Nicht um den Klang an sich ging es dem 1912 in Rumänien geborenen Sergiu Celibiache, sondern in erster Linie darum, wie aus Klang Musik entsteht, wie sie in ihrer Ganzheit, nicht zuletzt mit ihren Obertönen im Raum auf die Zuhörer wirkt. Deshalb hat der Maestro zu Lebzeiten nur - natürlich auch nicht geschnittene - Fernsehaufzeichnungen seiner Konzerte zugelassen, im Irrglauben, so die Ganzheit eines Konzerts abbilden zu können - nicht nur der Fragwürdigkeit des (damaligen) Fernsehtons und von VHS-Cassetten zum Trotz. Nach seinem Tod am 14. August 1996 gingen alle (Veröffentlichungs-)Rechte an den Mitschnitten aus der Philharmonie am Gasteig an den Sohn Serge Celibidachi über, der schon zu Lebzeiten den Vater immer wieder vergeblich überzeugen wollte, den unzähligen schlechten Raubkopien klanglich Hochwertiges entgegenzuhalten.
Zum 100. Geburtstag Celibidaches in diesem Jahr (am 11. Juli) wurde in vier Boxen (Bruckner; Geistliche Musik und Oper; Symphonien; Russisches und französisches Repertoire) auf 48 CDs wiederveröffentlicht, was Ende der 90er Jahre der Sohn bei EMI herausbrachte - das Wesentliche der späten Münchner Jahre ist da nachzuerleben. Auch die Filmaufzeichnungen der 6., 7. und 8. Symphonie von Anton Bruckner mit den Philharmonikern in Tokyo und im Gasteig sind jetzt in bestmöglicher Bild-und Tonqualität erstmals auf DVD verfügbar. Der Vertrag mit Sony, beginnend mit der Vierten, wäre seinerzeit beinahe geplatzt, weil Celibidache nach Sichtung der Bänder den Bildregisseur für inkompetent hielt. Jetzt ist diese Aufzeichnung von 1990 aus dem Wiener Musikverein zumindest auf CD in der Box mit den drei DVDs erhältlich - und sie ist eine Offenbarung!
Das erste Konzert mit den Münchner Philharmonikern leitete Celibidache am 14. Februar 1979, sein letztes überhaupt mit demselben Orchester am 4. Juni 1996. Dazwischen leistete "Celi", wie er liebevoll genannt wird, eine nicht hoch genug einzuschätzende Arbeit mit dem Orchester, das es (wieder) an die Weltspitze brachte. Am 27. Juni 1992, dem Vorabend seines 80. Geburtstages, wurde der Maestro Ehrenbürger der Stadt München, der Platz zwischen Philharmonie und Stadtbibliothek am Gasteig bekam posthum den Namen Celibidache-Forum. Zu Beginn seiner Münchner Tätigkeit jedoch gab es immer wieder Kräche aus heiterem Himmel, schon vor dem allerersten Konzert - und der dickköpfige Celibidache, der nicht mit vernichtenden Urteilen über Kollegen hinterm Berg hielt, vergrätzte nicht zuletzt prominente Gastdirigenten wie Riccardo Chailly. Gicht, Kreislaufprobleme, Übergewicht: die Krankheiten Celibidaches, der noch keinen Vertrag unterschrieben hatte, brachten die Verantwortlichen schon vor der Eröffnung der Philharmonie im Jahr 1985 in die Bredouille. Kompromisslos beharrte Celi auf uneinlösbaren Bedingungen. Mit Engelszungen wird verhandelt - auch unter Beteiligung von Freunden. Und schließlich steht der Vertrag.
Verstörend sind auch heute noch die Hörerfahrungen bei den Requiem-Vertonungen eines Mozart, Brahms oder Verdi. Das Mozart-Requiem etwa scheint förmlich in Langsamkeit zu ersticken, "Ein deutsches Requiem" von Brahms wiederum entwickelt schon im Livemitschnitt vom 28. Oktober 1957 mit dem Kölner Rundfunksinfonieorchester einen unglaublichen Sog, ungleich getragener, aber von einer schier unheimlichen Binnenspannung gehalten, klingt der über zehn Minuten längere Mitschnitt mit den Münchner Philharmonikern und dem Philharmonischen Chor in der Lukaskirche vom 2. Juli 1981 (enthalten in der EMI-Box "Sacred Music and Opera").
Unvergessen sind Celibidaches Bruckner-Aufführungen - angefangen bei der Achten in der Lukaskirche 1979, als der Gasteig noch nicht fertig, der Kongresssaal des Deutschen Museums akustisch nicht ideal und der Herkulessaal für Bruckner eigentlich zu klein war. Doch jetzt sind erstmals auf DVD die 4. aus dem Herkulessaal von 1983 und die 5. zur Eröffnung des Gasteig 1985 erhältlich. Vor allem erstere ist wie der spätere Mitschnitt aus Wien klanglich und - auch wenn Celi diese Worte hassen würde - interpretatorisch eine Sternstunde. Dass Celibidache neben seinen Bruckner- Interpretationen fast zeitgleich die durchaus konträren Günter Wands mit "seinem" Orchester zuließ, zeugt von einer Größe, die viele andere Dirigenten heute nicht mehr kennen.
Celibidache war ein liebevoller Despot, der es "seinen Münchnern" in den Proben nicht immer leichtmachte, aber in den Aufführungen - wie die DVDs beweisen - sein Orchester wunderbar immer wieder weise und dankbar anlächelte. Er war ein leidenschaftlicher Lehrer - mit Studenten, die er unerbittlich und dennoch mit Witz und Humor kritisierte. So zeigt ihn nicht nur "Der Garten des Sergiu Celibidache" (leider nicht mehr käuflich zu erwerben), sondern auch der Film von Jan Schmidt-Garre (Arthaus) und die Dokumentation über die Arbeit an Bruckners Neunte. Hier und andernorts ist Celibidaches Probenarbeit dokumentiert, die er für so wichtig hielt wie seine Konzerte und sie deshalb auch allesamt für Interessierte öffentlich machte. Und das, obwohl er der Meinung war, jede Probe sei ein vielfaches Nein, ein Ja gäbe es aber nur einmal – vielleicht im live erlebten Konzert.
Das Erbe des Orchestererziehers Celibidache und sein klingendes Vermächtnis bewahren noch immer Köpfe, Herzen und Finger der 55 Mitglieder der Münchner Philharmoniker, die noch heute im Orchester spielen, ein Schatz, von dem er bei Bruckner und französischer Musik profitiere, schwärmte Christian Thielemann über 10 Jahre nach dem Tod Sergiu Celibidaches.
Klaus Kalchschmid