
Sebastian Manz - 1. Preisträger beim ARD-Wettbewerb 2008 - im Porträt
(6. März 2010) Es war ein ganz besonderer Abend im Herkulessaal der Münchner Residenz. Gerade war im dritten und letzten Preisträgerkonzert des ARD-Wettbewerbs 2008 mit einer Schweigeminute des an diesem Tag gestorbenen Mauricio Kagel gedacht worden, da spielte Sebastian Manz den langsamen Satz des Mozart-Konzerts so überirdisch schön, zart und oft berückend leise auf seiner Bassett-Klarinette, dass mancher Zuhörer ihn als Trauermusik für den Komponisten empfinden mochte. Soviel Ernst und Tiefe neben enormer Leichtigkeit der Tongebung ließ eine große musikalische Reife spüren, die für einen 22-Jährigen schon eine kleine Sensation darstellte.
Sitzt man diesem junge Musiker anderthalb Jahre später im Café gegenüber, dann denkt man nach ein paar Minuten, jemand hätte ihm etwas in den Tee gerührt, so heiter, ja albern und jungenhaft redet er, aber auch so leidenschaftlich und kenntnisreich und tiefsinnig, beständig ein verschmitztes Lächeln um Augen und Mundwinkel. Gleich sein dritter Satz gilt der Rüge seines Lehrers, wenn er mal keinen so schönen, klaren, sondern nur einen eher mulmigen Ton zustandebrachte: "Du hast doch keine Muffinette". Und über die Ochsentour täglicher Dienste am Lübecker Theater: "Entweder hab ich da im Haus gewohnt - oder ich war unterwegs!" Eine Woche vor dem ARD-Wettbewerb hat er die Stelle als zweiter Soloklarinettist in dem Opernorchester angetreten und viel dabei erfahren: "Ich lernte Wagner und Strauss lieben, aber 30-40 Dienste im Monat schlauchen gewaltig. Und wenn's mal nicht so gut lief, wusste man, jetzt noch ein paar Stunden ausharren - bei einem langen Stück! Verlieben, sich mal betrinken, leben? Fehlanzeige! Nach einem Jahr habe ich gekündigt, um mehr Zeit zu haben für alles Mögliche, für Kammermusik, für Aushilfen bei den Berliner Philharmonikern, dem NDR in Hamburg oder dem RSO in Stuttgart. Das sind drei Orchester, bei denen ich mich sehr wohl fühle, obwohl sie ganz unterschiedlich sind. Bei den Berlinern etwa ist jeder ein potentieller Konzertmeister, das ergibt einen faszinierenden, brillanten Klang."
Zwei Monate vor dem zwölften (!) und letzten Wettbewerb in drei Jahren, vor dem ARD-Wettbewerb, hat Sebastianz Manz tabula rasa gemacht. Das kam einem Befreiungsschlag gleich, hätte aber auch schiefgehen können: "Eine neue Klarinette musste her, ein neues Mundstück, neue Bahnen, neue Blätter, einfach alles neu!" Und der damals 22-Jährige handelte damit gegen eine eherne Regel der Klarinettisten, immer nur EINE Sache zu ändern. Doch er war auf der Suche nach seinem eigenen Klang: "Ich konnte wahnsinnig fein spielen, butterweich, damit war Alban Bergs op. 5 ein Traum. Aber ein gesundes Forte, das konnte ich nicht. Ich wollte lernen, etwas krasser zu spielen - in Dynamik und in der ganzen Art und Weise - als meine Lehrerin Sabine Meyer."
Manz kommt ins Schwärmen über Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Klarinette-Spielens: "Bei Brahms braucht man einen etwas weicheren Ton, bei Weber einen etwas strahlenderen. Man muss modulieren können, ja geradezu zaubern, etwa bei Mozart. Über den langen Bögen darf man nie die Details vergessen. Und die Klarinette ist ja das einzige Holzblasinstrument ohne natürliches Vibrato. Deshalb passt sie auch zum Klavier so gut, weil sich die Klangfarben perfekt mischen. Bei verklingenden Akkorden weiß man gar nicht, welches Instrument gerade spielt, wenn man sich denn gut 'einbettet'! Wir können aus dem Nichts kommen und verschwinden darin. Darum beneiden uns auch die Oboisten unbändig! 200.000 Multiphonics, also mehrstimmige Spaltklänge, kann man auf der Klarinette erzeugen. Das heißt, je nachdem wie man spielt, ob man die Löcher ganz oder halb abdeckt, wie man 'überbläst', klingen alle möglichen Obertöne mit. Das ist etwas dem Zufall unterworfen, aber es entstehen tolle Akkorde. In Vito Zurajs Saxophonkonzert, dessen Version für Klarinette ich letztes Jahr in Saarbrücken uraufführte, werden diese Klänge ausgiebig gefordert."
Fixstern im Leben eines jeden Klarinettisten ist sicher das Konzert des späten Mozart, gerade hat Manz es wieder in Salzburg gespielt, und gastiert damit am 10. und 11. in München. Aber besonders fasziniert ist er vom Konzert des Dänen Carl Nielsen, womit er im Finale alle Konkurrenten ausstach und Jury wie Publikum des ARD-Wettbewerbs überwältigte. Denn er spielte es mit unglaublicher Farbigkeit und Mut zu manchmal häßlichen, scharfen Tönen, wie vom Komponisten vorgesehen. "Ich finde dieses Konzert so interessant, dass ich mich sogar entschlossen habe, darüber meine Diplomarbeit zu schreiben - im Fach Musikpädagogik! Über dieses Konzert, das für einen schizophrenen Klarinettisten geschrieben ist, lässt sich noch eine Menge herausfinden. Der Spieler muss ständig total umschalten: Mal soll alles sehr schön und 'dolce' sein, dann wieder hat man fast wirre Läufe und es muß laut klingen wie eine quietschende Eisenbahn. Da ist geradezu die Industrialisierung vertont. Aber immer nimmt alles Bezug aufeinander. Das genau zu erforschen, macht großen Spaß."
Neugier ist ein wichtiger Charakterzug von Sebastian Manz. Deshalb bedauert er sehr, dass man auf der Klarinette, einem Instrument, das sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchsetzte, keine Alte Musik spielen kann: "Mit dem Pianisten Martin Klett, der auch mein Partner für eine CD sein wird, habe ich daher die G-Dur- Geige Sonate von Bach für Klarinette eingerichtet." Umgekehrt interessiert er sich brennend für Experimente mit dem Klang der Klarinette am Computer ("Da habe ich meine eigene One-Man-Band im PC") und ist gerade dabei, sich ein kleines Studio an seinem Wohnort Lübeck einzurichten. Man musste ihn nicht lange bitten, als "Präludium" vor den beiden Münchner Konzerten im März ein zeitgenössisches Stück zu spielen. Ausgesucht hat er dafür die Solo-Sonate des Rumänen Tiberiu Olah aus dem Jahr 1963: "Zwei Charaktere kämpfen da gegeneinander, fallen sich ständig ins Wort. Einer ist furios und schnell, klingt hoch und schrill, der andere ist sehr lyrisch, 'singt' langsam und leise. Alles steht in einem 7/8 oder 5/8-Takt, kann also so richtig 'grooven'. Am Ende der sieben Minuten findet eine Verschmelzung statt - in einem virtus brodelnden Chaos."
Klaus Kalchschmid
Termine:
München 10. März (Herkulessaal, 19.30 Uhr)
München 11. März (Prinzregententheater, 19.30 Uhr): Tiberiu Olahs Sonate für Klarinette solo und Mozarts Klarinettenkonzert mit den Münchner Symphonikern unter Georg Schmöhe.
Pullach 12. März (Bürgerhaus, 20 Uhr): Die Klarinettenquintette von Mozart und Brahms mit dem Gemeaux Quartett.
München 26. Juni (Brunnenhof der Residenz, 20 Uhr): Mozarts Klarinettenkonzert (Münchner Symphoniker/Enrico Delamboye)