Barrie Kosky inszeniert "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss bei den Münchner Opernfestspielen, am Pult ist Kent Nagano
(München, 20. Juli 2010) Zwei Akte lang lassen sich Regisseur Barrie Kosky und seine Bühnenbildnerin Esther Bialas Zeit, bis sie das Geheimnis um das seltsame Podest lüften, das bis dahin als reichlich eigenwillige und für die Sänger eher unpraktische Spielfläche dient. Außer diesem ca. 30 qm großen und etwa einen Meter hohen, dunkel angestrichenen Sockel, auf dem sich die Protagonisten tummeln, dass man Angst haben muss, dass einer mal daneben tritt, bleibt die Bühne des Münchner Prinzregententheaters völlig leer. Im Hintergrund sieht man die schwarze Rückmauer und eine nicht dekorativere Wellblechwand. Kein wirklich erheiterndes Ambiente für Strauss' späte komische Oper, die soviel wunderbare Zwischentöne in Wort und Musik enthält, dass man schon gar nicht mehr von einer Komödie sprechen kann.
Das fantastische Libretto stammt von keinem Geringeren als Stefan Zweig, der die Uraufführung 1935 in Dresden nicht miterlebte. Er war - weil jüdischer Abstammung - ein Jahr davor nach London emigriert. (Die Nazis setzten die Oper übrigens nach der 3. Vorstellung ab.)
Im dritten Akt nun öffnet sich das Podest und gibt den Blick auf den Goldschatz des alten Morosus frei, während von einem nach oben fahrenden Teil des Podests Goldmünzen auf Morosus und seine vermeintlich schweigsame Frau Timidia herabregnen. Das also ist der tiefere Sinn dieses ominösen Podests: Der alte Haudegen Morosus wohnt auf einer überdimensionalen Geldkassette, die sein Vermögen beinhaltet. Und die wird nun geplündert von Timidia, die Morosus - wie er glaubt - geheiratet hat und die ihm nun die Hölle auf Erden bereitet, nur damit er froh ist, wenn er sie wieder los hat und hoffentlich seinen Neffen wieder als Erben einsetzt. Das jedenfalls ist der Plan von Timidia und dem Neffen Henry, die beide natürlich ein Paar sind und Morosus einen pädagogisch wertvollen Streich spielen. Für optische Akzente sorgen in dieser Inszenierung vor allem die wunderbar schrillen und grotesken Kostüme - ebenfalls von Esther Bialas.
Barrie Kosky wollte keine platte Buffa oder gar Klamotte inszenieren. Dafür ist das Stück, bei aller Verballhornung der Hauptfigur, des alten miesepetrigen Sir Morosus, doch zu tiefgründig ernst, und Kosky ein zu intellektueller Regisseur. Durch die reduzierte Bühne und den Verzicht auf eine bildnerische Verortung des Geschehens - eigentlich spielt die Handlung um 1780 - konzentriert Kosky die Aufmerksamkeit auf die Personen selbst, vor allem auf die wahrhafte Leidensfigur Morosus. Was am Anfang allerdings etwas zu nüchtern wirkt, zumal auch Kent Nagano am Pult des Bayerischen Staatsorchesters während des ersten Akts eher dem Karikaturistischen in der Musik nachspürt als dem Melos und dem emotionalen, respektive psychologischen Gehalt.
Doch gewinnt die Aufführung im Lauf des Geschehens mehr und mehr an Überzeugungskraft. Das gilt auch für Nagano, der der Musik und auch den Sängern mehr und mehr Raum zur Entfaltung gibt. Die Sänger in dieser hochkarätig besetzen Aufführung sind von Beginn an ganz fantastisch. Franz Hawlata bietet als übel zugerichtetes Eheopfer ein stimmlich wie darstellerisch beeindruckendes und auch anrührendes Rollenporträt. Sein Parlando-Ton ist beispielhaft textverständlich, was gerade bei diesem Libretto ein großer Genuss ist. Dieser Morosus ist eben nicht der polternde Ochs auf Lerchenau aus dem "Rosenkavalier", sondern gewissermaßen dessen sensiblerer Bruder. Komisch ist Hawlata dennoch, wenn es sein muss auch mit pointiertem Slapstick.
Und die im 7. Monat schwangere Diana Damrau switcht in der Doppelrolle der Aminta und Timidia so spielerisch leicht von furienhaftem Furor zu himmlischen Flötentönen, dass man nur noch staunen kann über soviel stimmliche Vitalität und Flexibilität. Eine Entdeckung ist Toby Spence als Henry, mit anmutig strahlendem Tenor. Aber auch alle übrigen Rollen sind hervorragend besetzt.
Großer und einhelliger Jubel am Ende für eine beeindruckende Ensembleleistung und eine stimmige Inszenierung. Und auch der arg angeschossene Kent Nagano konnte sich an diesem Abend von seinem Münchner Publikum mal wieder ausgiebig feiern lassen.
Robert Jungwirth