Eine packend schöne Musik

Szenenbild aus "Schwarze Masken" Foto: Ljubljana Festival

Das Ljubljana Festival zeigt in diesem Jahr u.a. Marij Kogojs faszinierende Oper "Schwarze Masken" aus dem Jahr 1929

(Ljubljana, 17. Juli 2012) Während mein Urgroßvater ganz selbstverständlich mehrere Jahre seines Lebens als Hammerschmied in Slowenien verbrachte, ist dieses Land seit dem Ende der Donaumonarchie auch für die Österreicher weit weg. Zu Unrecht, wie man spätestens dann merkt, wenn man - von deutschsprachigen Touristen unbehelligt - durch das alte Viertel von Ljubljana schlendert oder am Ufer der Ljubljanica in der Sonne sitzt, eine "echte", "unzüchtige", wilde Orata isst und ein Glas slowenischen Weißweins trinkt. Dabei sprechen die meisten städtischen Slowenen deutsch. Ein alter Brauch. Schon in der Monarchie waren die Städte "deutsch", das Umland slowenisch.

Und doch ist Slowenien eben Fremdland. Dabei gibt es gewiss keine andere Stadt auf der Welt, in der mehr Mahler-Büsten stehen. (Und wenn man Glück hat, sitzt man im Konzert neben einem, der eine solche Büste geschaffen hat.) Da nützt es wenig, wenn das alte Maribor/Marburg es heuer zur europäischen Kulturhauptstadt gebracht hat und Ljubljana/Laibach seit vier Jahren sein eigenes Sommerfestival hat, das im Juni immerhin von den "Dunajski filharmoniki", den Wiener Philhar­monikern, unter Sir Simon Rattle eröffnet wurde. Oder dass Valery Gergiev im Vorjahr auf dem Kongressplatz mit tatsächlich mehr als tausend Sängern aus Slowenien und Kroatien - Musik tritt dem Nationalismus eben immer wieder ans Schienbein - vor 15.000 Zuhörern Mahlers Achte aufgeführt hat. Auch dass das kleine Laibacher Opernhaus nach sechs Jahren Umbau im Dezember 2011 wiedereröffnet wurde, haben wir alle ein wenig "vergessen".

Unter den mehr als 80 Veranstaltungen - so bunt, dass sie bis zur Roma-Musik und zum Musical reichen - des "Ljubljana Festivals" ragt neben dem Gastspiel des "Béjart Ballett Lausanne", der Uraufführung einer neuen slowenischen Oper ("Ljubezen kapital" - Liebeskapital - von Jani Golob) und einem Gastspiel des Belgrader" Atelier 212" mit Miroslav Krlezas "Gospoda Glembajevi" (einem grantigen Stück über Neureiche) ein Ereignis heraus, das durchaus internationaler Beachtung wert wäre: die zweimalige Aufführung der Oper eines slowenischen Komponisten aus den 1920er-Jahren: Marij Kogojs "Črne maske" ("Schwarze Masken"). (Der Komponist ist in der Philharmonie auf einem Gemälde aus dem Jahr 1936 zusammen mit einem ganzen Dutzend slowenischer Komponisten, die wir natürlich alle nicht kennen, ganz links außen zu sehen.)

Der in Triest geborene Marij Kogoj ist außerhalb Sloweniens kaum bekannt. Warum das so ist, erklärt der in Wien lehrende Dirigent der Aufführung, Uros Lajovic (der zusammen mit dem Kopisten Gal Hartman, der an Kogojs Partitur zwei Jahrzehnte arbeitete, die Oper neu herausgegeben hat) mit ganz einfachen biographischen Hinweisen: Kogoj blieb wenig Zeit zum Komponieren. Er verbrachte die letzten 30 Jahre seines Lebens im Irrenhaus und starb, von der Musikwelt vergessen, im Jahr 1956. Er war Autodidakt, kam im 1. Weltkrieg in Kontakt mit Franz Schreker, besuchte - soweit rekonstruierbar - zumindest einen Instrumentierkurs bei Schönberg und versuchte, freie Atonalität mit Spätromantik und "Gebrauchsmusik" - in den "Schwarzen Masken" ist auch Salonmusik eingebaut - zu verbinden. Neben dieser Oper schrieb er eine Schauspielmusik zu "König Ödipus", die Musik zu einem Kinderschauspiel und hinterließ eine unvollendete Oper ("Wie es Euch gefällt") und ein Libretto zu einer Oper ("Bogomila") ohne Musik.

Die "Schwarzen Masken", 1929 in Ljubljana uraufgeführt, erlebten 1957 und 1990 Reprisen und wurden 1970 sogar auf Schallplatte aufgenommen. Die Inszenierung, die nun zu sehen ist, ist eine Koproduktion der Opern in Maribor und Ljubljana.
Der Stoff der Oper hat - in einem aristokratischen Italien angesiedelt - etwas erschreckend Biographisches. Es geht darin um Schizophrenie. Ein Mann begegnet sich selbst und bringt sein zweites Ich um. Die Sprache ist derb, die Handlung aggressionsgeladen, vom Milieu her durchaus assoziierbar mit Schreker-Opern oder Riccardo Zandonais "Francesca da Rimini": Lorenzo, der Herzog von Spadaro, gibt ein Fest, bei dem er jedoch bald von maskierten Dämonen, die mit dem Teufel im Bunde sind, verfolgt wird, den Verstand verliert und stirbt; sein Schloß geht - vom buckligen Hofnarren Ecco angezündet - in Flammen auf. Am Ende kniet der Narr, bildgeworden von den Flammen, vor dem Herzog, der ihn gedankenverloren streichelt wie seinen Pudel. Ein Bild, das man als Regieeinfall so wenig vergisst wie die zum Erbarmen packend-schöne Musik, die Kogoj dazu geschrieben hat.

Kogoj hatte das Drama des russischen Dichters Leonid Andrejew ursprünglich komplett vertont. Schon der Dirigent der Uraufführung hat kräftig gekürzt (und vermutlich in Rimsky-Korsakoff´scher Manier geglättet und geschönt). Man ahnt beim Hören, dass da noch mehr gewesen sein muss. Von den ursprünglich 800 Seiten der Partitur wurden 1929 einhundert gestrichen. An diese Fassung knüpft die eben neu herausgegebene Partitur an.

Was man da hört, ist starke Musik, die sich an keine Stilkriterien hält, sehr dicht gewoben und erschreckend anders ist als das, was man kennt. Dissonante Zusammenballungen lösen sich mit lyrischen Kantilenen ab, Anspielungen auf Liturgisches wechseln mit Einschüben im Ton der Salon- und Tanzmusik der 1920er-Jahre. Trotz mancher Längen wird man in den Sog dieser Musik zwingend hineingezogen. Und der Schluss ist so, dass es sich allein seinetwegen lohnte, die Oper wieder und wieder zu hören. Und wahrscheinlich stößt man zu ihrem wahren Wert und - welch Wort - "Wesen" erst wirklich vor, wenn man sie öfter gehört hat.

Dass die "Schwarzen Masken" ihre Wirkung nicht verfehlen, ist nicht zuletzt auch das Verdienst der sehr stark auf gekonnte Beleuchtung bauenden ersten Opernregie des slowenischer Filmemachers Janez Burger, der das Stück aus der Zeit herausschält, für die Auftritte der wie Derwische über die Bühne wirbelnden Masken überzeugende Bilder und für die Schluss-Szene eine Lösung gefunden hat, welche die Wirkung der ins erlösende Irrewerden abdriftenden Musik noch weiter verstärkt.

Nicht unerwähnt bleiben sollen das einfache, auf bewegliche quadratische Säulen und einen Spiegelboden bauende Bühnenbild, die phantasievollen mehr absurden denn erschreckenden Kostüme des slowenischen Künstler­kollektivs NUMEN und das präzis-namenlose Licht (das wahrscheinlich von Burger selbst eingerichtet wurde). Die Sänger der Hauptpartien leisteten Hervorragendes, was nur genügend gewürdigt werden kann, wenn man weiß, dass die Stimmen in den "Schwarzen Masken" durch nichts gestützt gleichsam im Raum hängen und ihren Weg durch das orchestrale Stimmen­gewirr alleine finden müssen. Ein Sonderlob gebührt dem Laibacher Opernchor, der nicht nur singen, sondern auch flüstern und deklamieren muss, und dem souveränen Dirigat von Uroš Lajovic, der das Orchester der Laibacher Nationaloper zu einer fulminanten Leistung animierte.

Derek Weber


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