Herbert Schuch warf bei seinem Konzert im Münchner Prinzregententheater einige Fragen auf
(München, 17. Mai 2010) "War das jetzt noch der Lachenmann? Ist das schon der Schumann? Und hab' ich den Schubert am Ende überhört??" Die Besucher von Herbert Schuchs Klavierabend im Münchner Prinzregententheater kamen gehörig ins Grübeln ob des Pianisten an diesem Abend praktizierter Angewohnheit, Stücke unterschiedlicher Komponisten übergangslos und ankündigungslos ineinanderzuschieben, mehr noch: in ein Stück etwas hineinzuschieben, was man dort nicht vermutete. Das war ästhetisch ebenso mutig wie angreifbar. Weil dieser Mut zunächst einmal Anerkennung verdient hat, sei einer Bewertung hier zunächst eine Beschreibung vorausgeschickt.
Schuch begann den Abend mit Helmut Lachenmanns Variationen über ein Thema von Franz Schubert, ein frühes Werk des unbequemen Stuttgarters, in dem ein Deutscher Tanz mal virtuos zersägt, mal ins Unendliche überdehnt wird. Den Variationen folgten ohne merkliche Zäsur einige Walzer von Schubert und schließlich - erneut ohne Unterbrechung, ohne Signal des Pianisten, dass nun Applaus kommen und sodann Neues beginnen dürfe - Schumanns Carnaval op. 9. Um diese Abfolge hörend nachvollziehen zu können, um zu wissen, wann ein neuer Komponist sprach, musste man die Stücke gut kennen, zumal Schuch dem Carnaval noch etwas beigab, was ihn in die Nähe Lachenmanns rückte: Nach dem ersten Drittel der Miniaturen - Schumanns beide Alter Egos, der schwelgerische Eusebius und der stürmische Florestan waren soeben musikalisch vorgestellt - griff Schuch in die Saiten des offenen Flügels und zupfte mit bloßen Händen die von Schumann nicht zum Vortrag bestimmten "Sphinxes", die Tonfolgen also, die mit den Noten A, Es, C, H und As den Grundbestand des ganzen Zyklus' ausmachen. Eine solche Saitenbearbeitung ist man von zeitgenössischen Komponisten gewöhnt, bei Schumann vermutet man sie nicht. Schuch wollte damit wohl besonders prägnant die biographisch geprägte Motivik des Carnaval herausmeißeln: Asch war die Heimatstadt von Schumanns erster Verlobter Ernestine von Fricken, der der Zyklus gewidmet ist. S, C, H und A sind zugleich auch die vier Buchstaben aus Schumanns Namen, die sich in Töne übersetzen lassen.
Weil etwas gut begründbar ist, muss es noch nicht gut sein. In diesem Fall wirkten Schuchs Eigenmächtigkeiten bisweilen wie eine exzentrische Spielerei: Schumanns Carnaval braucht den großen Bogen, der den Zyklus zusammenhält. Bei Schuch ist der völlig zerborsten: Angesichts des übergangslosen Beginns blieb im Nebel, wo der Bogen überhaupt seinen Anfang nehmen sollte; die Unterbrechung durch den Griff in die Saiten tat ihr Übriges. Schade, dass sich Schuch damit ein wenig zu viel der Exzentrik gestattete. Verblüffend sinnstiftend nämlich war, wie er Lachenmanns mit Schuberts Originalthema beginnende Variationen auch wieder in Schubertsches überführte. Ganz neu, weil viel neugieriger, ließ er sein Publikum so der Musik Schuberts lauschen, deren melancholische Heiterkeit er zudem wunderbar singend sich verbreiten ließ. Wäre doch bloß das Ineinanderweben von Schubert und Schumann nicht gewesen.
Dass es auch anders geht, zeigte Schuch im zweiten Teil des Konzerts, den er mit Schumanns Sehnsuchtswalzervariationen begann, der kompositorischen Keimzelle des Carnaval. Hiernach duldete er Applaus, um dann mit Chopins h-Moll-Sonate aufzubrechen in einen anderen musikalischen Kosmos, den er bei ausgeklügeltem Einsatz der Pedale in irisierenden Farben erstrahlen ließ - wie ein Aquarell, in dem manches bewusst verwischt und verschleiert ist. Im dunklen dritten Satz taten sich fast unwirklich leuchtende Klangflächen auf, die man so noch nicht vernommen hat. Herbert Schuch wagt viel. Aber er kann auch viel.
Markus Schäfert