Aus der Liederwerkstatt

Christiane Karg und Wolfram Rieger in Schwarzenberg Foto: Festival

An drei aufeinanderfolgenden Tagen konnte man bei der Schubertiade Schubert-Lieder in sehr unterschiedlichen Interpretationen von Christiane Karg, Ian Bostridge und Mauro Peter hören

(Schwarzenberg, 3.-5. September 2012) Das ist das Schöne an der Schubertiade in Schwarzenberg/Hohenems: Hier kommen alle zusammen, die in Sachen Schubert etwas zu sagen, respektive zu tönen haben. Als der große Liedbegleiter Helmut Deutsch 1980 zum ersten Mal bei der Schubertiade auftrat, da sollte es noch acht Jahre dauern, bis Mauro Peter geboren wurde. Deutsch war bei der Schubertiade in diesem Jahr der Begleiter dieses jungen Schweizer Tenors, der kurzfristig für die erkrankte Anja Harteros eingesprungen ist und Schuberts "Schöne Müllerin" sang. Und Wolfram Rieger, ebenfalls einer der besten Liedbegleiter, der der phänomenalen Sopranistin Christiane Karg bei ihrem Liederabend sekundierte, ist bei Deutsch in die Lehre gegangen. Parallel zu den Liederabenden veranstaltet Thomas Quasthoff, der hier um die 30. mal als Sänger aufgetreten ist, heuer einen fünftägigen Meisterkurs für junge Sängerinnen und Sänger. Günter Pichler vom ehemaligen Alban Berg Quartett gibt Meisterkurse für junge Quartettmusiker. So ist die Schubertiade in den über dreieinhalb Jahrzehnten ihres Bestehens zu einem wichtigen Ort der Pflege des musikalischen Nachwuchses nicht nur in Sachen Schubert geworden. Umso schöner, wenn ausgewählte junge Musiker dann auch die Gelegenheit zu Auftritten bekommt wie Mauro Peter in diesem Jahr.

Zu den Nachwuchs-Talenten gehört Christiane Karg freilich nicht mehr wirklich, auch wenn manchen ihr Name vielleicht noch nicht so geläufig sein mag. Die Karriere der aus Franken stammenden und am Mozarteum ausgebildeten Sopranistin verlief seit ihrem Debüt bei den Salzburger Festspielen 2006 denn auch überaus rasant. 2009 kürte sie die "Opernwelt" zur Nachwuchssängerin des Jahres, 2010 erhielt sie für ihre erste CD (mit Liedern von Schumann bis Webern und Ligeti!) sogleich einen Echo Klassik. Und man kann wirklich nur staunen, welch ungeheure Stimm- und Stilsicherheit sich die Sängerin in relativ kurzer Zeit erarbeitet hat. Bei der Schubertiade sang Christiane Karg in diesem Jahr - ihr dritter Auftritt bei der Schubertiade bereits - u.a. Goethe-Vertonungen von Schubert und Wolf. Interessant, etwa zwischen der klassisch-heiteren Schubert-Version von "Kennst du das Land" und der chromatisch-rauschhaften von Hugo Wolf zu vergleichen. Faszinierend, wie kristallklar und prägnant sich die Stimme von Christiane Karg dem jeweiligen musikalischen Duktus anzupassen vermag und dabei doch immer ganz persönlich, eigenständig bleibt. Die "Gesänge der Mignon" aus "Wilhelm Meisters Lehrjahre" in der geradezu fiebrigen Vertonung durch Wolf waren in der klaren Expressivität von Christiane Kargs Interpretation vielleicht der Höhepunkt dieses an Höhepunkten wahrlich nicht armen Abends. Die Sopranistin zeigte hier eine dramatische Strahlkraft, die man, wenn sie leicht und lyrisch-zart Schuberts Version von "So laßt mich scheinen" singt, kaum erwarten würde. Diese Sängerin kann einfach alles, dank einer phänomenalen Technik und einer wunderbaren Balance zwischen gedankenklarer Geistigkeit und emotionaler Beseeltheit. Wolfram Rieger trug sie dabei pianistisch gewissermaßen auf Händen, atmete, artikulierte mit ihr, bereitete in wunderbarer Einfühlsamkeit jedem ihrer Einsätze das musikalische "Feld". Und freute sich sichtlich über das Gelingen musikalischer Höhenflüge.

Ganz ähnlich agierte auch Helmut Deutsch als Begleiter von Mauro Peter bei der "Schönen Müllerin". Auch wenn man bei Peter vielleicht noch die eine oder andere kleine Unsicherheit vernehmen mochte, dieser 25 Jahre junge Sänger hat fraglos das Zeug zum Liedersänger. Und er verfügt über einen zartschmelzenden, wunderbar beweglichen Tenor und eine Natürlichkeit des Ausdrucks, die ihm die Herzen des Schubertiade-Publikums nur so zufliegen ließen. Das beständige Wechselbad der Gefühle zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, das diese Lieder kennzeichnet, die Herzensunruhe des Müllersburschen auf der Suche nach der unbedingten Liebe, wurden existenziell erfahrbar, ganz ohne alle Nachdrücklichkeit oder Theatralität.
Und wer am nächsten Tag durch die wunderbare Berglandschaft des Bregenzerwaldes streifte, vorbei an den zahllosen Bächen, der kann gar nicht anders als beim Rauschen und Murmeln des Wassers an den unglücklichen Müllersburschen und die traurig-schönen Lieder zu denken, die Schubert ihm gewidmet hat - und an sein "blaues kristallenes Kämmerlein", das sein nasses Grab wurde.
Schubert hätte sich in dieser ursprünglichen Landschaft mit ihren pittoresken Holzhäusern bestimmt wohl gefühlt - wenn er denn mal aus seinem Wien etwas weiter herausgekommen wäre. Es steckt viel Echtes, Ungekünsteltes in dieser Kulturlandschaft im westlichen Vorarlberg nahe dem Bodensee, in der die Musikkultur in Form der Schubertiade so lang schon eine behütete Heimat hat.

Für besagte Theatralität sorgte übrigens tags zuvor der hochdekorierte englische Tenor Ian Bostridge mit seiner ein wenig überstrapazierten Dorian-Gray-Attitüde. Ganze drei Liederabende bestreitet Bostridge diesmal in Schwarzenberg. Eine Leistung, die allein hohen Respekt abverlangt, zumal er alle Lieder auch auswendig singt. Das mittlere Konzert, über das hier zu berichten ist, vereinte mehrheitlich Ungewohntes, auch Sperriges aus der Schubertschen Liederwerkstatt - selbstverständlich soll und muss auch das Platz und Interesse beim wichtigsten Schubertfestival weltweit finden. Was Bostridge wie kaum einem anderen gelingt, das ist gewissermaßen die Aktualisierung und Überführung von Schuberts Unbehaustheit in unser heutiges, modernes Leben. Bostridge verbindet Lieder wie "Das Heimweh" oder "Im Freien" mit der Atmosphäre des getriebenen und entwurzelten "flexiblen Menschen" unserer Tage - auch wenn er ihnen damit die ursprüngliche Romantik austreibt. Doch bleibt bei Bostridge allzu oft die emotive Komponente etwas auf der Strecke, klingen die Lieder allzu nüchtern, kopfgesteuert. Spannend war die Begegnung mit so eigenwilligen Liedern wie "Freiwilliges Versinken" nach einem Gedicht von Johann Mayrhofer, das in seiner tonalen Indifferenz höchst mysteriös wirkt, dennoch - gerade das Indifferente vermag Bostridge eben doch ganz hervorragend darzustellen. Was aber immer wieder (ver-)stört, ist sein Hang zu affektierter Gestik und Körpersprache - das hat mitunter auch etwas Groteskes und lenkt ab von Inhalt und Gehalt der Musik. Stimmlich dagegen bleibt der Engländer den Liedern nichts schuldig, der Klang seines hellen und klaren Tenors ist nach wie vor bestechend, seine Technik makellos.
So ist das eben mit dem Liedgesang - die eine Wahrheit gibt es hier vielleicht noch weniger als in der Instrumentalmusik. Und das ist nicht das Schlechteste an Erkenntnis, das der Besucher aus den verschiedenen Liederabenden aus Schwarzenberg mit nach Hause nehmen kann.

Robert Jungwirth

Weitere Infos zur Schubertiade unter: www.schubertiade.at
zum Bregenzerwald unter: www.bregenzerwald.at
Im Rahmen eines Programms für ökologischen Tourismus erhält jeder Bregenzerwald-Besucher, der mindestens drei Übernachtungen bucht, eine Gästekarte, mit der er kostenlos Busse, Schwimmbäder und Bergbahnen benutzen kann.
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