Gerhard Oppitz mit Folge 4 der Gesamteinspielung von Schuberts Klaviersonaten bei Hänssler Classic
Es ist Schumann-Jahr, und die neuen Schubert-CDs häufen sich. Mag auch das Schumann-Jahr 2006 mit dem 150. Todestag noch recht kurz zurückliegen: Der zwischen Schumann und Schubert sehr ungleich verteilte Tonträgeroutput fällt auf und gibt Anlass zum Nachdenken über den Stellenwert beider Komponisten im gegenwärtigen Musikgeschäft. Außer Tzimon Barto, der sich gemeinsam mit Christoph Eschenbach etwas abseitigerer Werke für Klavier und Orchester angenommen hat, finden sich zu Schumanns Klavierschaffen sonst bisher kaum nennenswerte Neuzugänge. Zu Schubert hingegen konnten wir in diesem Jahr schon einiges, teils substanziell Neues vernehmen: David Fray zum Beispiel, der sich durch Moments musicaux und Impromptus träumt, Alexei Lubimov, der die beiden Impromptus-Serien befragt und Severin von Eckardtstein, der sich an spätere Sonaten wagt. Auch Gerhard Oppitz reiht sich hier ein und zwar - enzyklopädisch wie er es liebt - gleich mit einer Gesamteinspielung von Schuberts Sonaten und größeren Klavierwerken.
Den ganzen Brahms hat Oppitz schon eingespielt, die Beethovenschen 32 auch. Im Jahr 2007 ging Oppitz dann offensichtlich so ausführlich mit Schubert ins Tonstudio, dass seine derzeitige Plattenfirma Hänssler Classic noch immer davon zehrt: Inzwischen erscheint im Rahmen der Gesamteinspielung die vierte Folge mit Aufnahmen von 2007. Enthalten sind die beiden Scherzi D 593, die e-Moll-Sonate D 566 und die vier Impromptus D 935. Oppitz ist eine Einspielung gelungen, die von natürlichem Atem, vollkommener technischer Beherrschung und großer formaler Übersicht geprägt ist. Selbst die manchmal etwas episodenhaften Impromptus zwingt Oppitz in eine kohärente Form.
Eine Qualität für sich ist Oppitz' Anschlag: immer kultiviert, niemals verkünstelt leise, niemals aggressiv laut - und das obwohl Oppitz auf einem Steinway D spielt und nicht etwa auf einem Bösendorfer. Oppitz wirkt, indem er die Extreme meidet, wie ein Erzähler, der nicht Selbstdurchlittenes noch einmal nacherlebt, sondern über das anderen Geschehene berichtet: mit innerer Anteilnahme, aber ohne emotionalen Überdruck. Unterstrichen wird dieser Eindruck von einem eher distanzierten Klangbild, das wirkt, als höre man den Pianisten aus etwas Entfernung in einem leeren Kammermusiksaal spielen.
Übrigens: Einspielungen von Schumanns Soloklavierwerk liegen von Gerhard Oppitz bisher nicht vor. Vielleicht wird Schumann ja Oppitz' nächste enzyklopädische Großtat gelten. Markus Schäfert