Schönbergs Einakter "Von heute auf morgen", "Die glückliche Hand" und "Erwartung" an der Oper Leipzig
(Leipzig, 5. April 2008) Die Beziehungswelt des "modernen Menschen" in einer Zeit scheinbar unbeschränkter Freiheit und in der Anonymität der Massengesellschaft beleuchten Arnold Schönbergs drei Opern-Einakter, entstanden zwischen 1909 und 1928, aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Und unter eben diesem Titel, "Moderne Menschen", hat die Oper Leipzig alle drei Einakter an einem Abend auf die Bühne gebracht, inszeniert von drei Regisseuren der jüngeren Generation: ein kaum jemals gewagtes Experiment, das dem Zuschauer angesichts der komplexen Werke allerhand abverlangt, dafür aber einen tiefen Einblick in diesen einzigartigen musikdramatischen Mikrokosmos eröffnet.
Den Auftakt bildet, entgegen der Chronologie, aber dramaturgisch sinnvoll, "Von heute auf morgen", Schönbergs satirisch-ernste Antwort auf die Zeitopern jener Jahre à la Hindemith oder Krenek: Die Gegenüberstellung zweier Paare - auf der einen Seite "der Mann" und "die Frau", die bürgerlichen Ehebegriffen verpflichtet sind, auf der anderen die Freundin der Frau und ein berühmter Sänger, die den Vorstellungen von einem "modernen Leben" huldigen - beweist die Leere und Sinnlosigkeit des "bloß Modernen" (Schönberg), das stille häusliche Glück triumphiert über den freizügigen Lebensstil.
Dass die 1930 uraufgeführte Oper nicht zum erhofften Bühnen-Hit wurde, liegt vor allem an der avancierten Musiksprache: Zum ersten Mal bediente sich Schönberg in einem Bühnenwerk einer zwölftönigen Kompositionstechnik, die durch verfremdete Jazz-Anklänge, parodistische Wagner-Zitate und gesangliche Melodielinien nur wenig zugänglicher wurde. Nur zwei Aufführungen kamen zu Schönbergs Lebzeiten zustande, bis heute findet "Von heute auf morgen" selten den Weg auf die Bühne.
Eben diese, die Bühne, bildet in Leipzig eine Kleinbürgeridylle par excellence ab: Eine gut deutsch eingerichtete Wohnung - selbst am karierten Tischtuch in der Küche lässt es Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer nicht fehlen - fährt auf einem Förderband unablässig vorüber, Sinnbild des gleichförmig ablaufenden Lebens und zugleich die Gelegenheit, die Protagonisten ohne unmotiviertes Gestikulieren in Bewegung zu halten. Regisseur Immo Karaman folgt dem Handlungsablauf zwanglos, mit Sinn für Komik und Humor und unter Einbeziehung einiger geradezu slapstickhafter Effekte, die das Premieren-Publikum zum Lachen reizten: wenn etwa die Frau in das vorübergleitende Gitterbett des Kindes achtlos einen riesigen Teddy stopft oder auf einer schrägen Ebene im Hintergrund ein Bücherregal und allerlei andere Einrichtungsgegenstände heruntersausen. Schönberg, der sein Werk als "heitere bis lustige, manchmal sogar komische Oper" einschätzte, hätte sicher seine Freude daran gehabt - ebenso an den spielfreudigen Sängern, die sich den schwierigen Partien mühelos gewachsen zeigten: manchmal ein bisschen atemlos wirkend, aber mit wandlungsfähiger Stimme Hendrikje Wangemann in der Rolle der Frau, ausdrucksstark Wolfgang Newerla als Mann, mit betörendem Wohlklang Susanna Andersson in der Partie der Freundin.
Während "Von heute auf morgen" in der Inszenierung nahe am Original bleibt, geht Carlos Wagner in dem Drama mit Musik "Die glückliche Hand" aus dem Jahr 1913 ganz eigene Wege, Schönbergs ausführliche Bühnenanweisungen - deren Umfang den des vertonten Textes um ein Mehrfaches übersteigt und die ein synästhetisches Gesamtkunstwerk aus Wort, Musik, Pantomime und symbolkräftiger Beleuchtung schaffen sollen - bewusst ignorierend. Von seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Daphne Kitschen hat er sich einen weißen Raum konstruieren lassen, Projektionsfläche nicht für Schönbergs, sondern für seine eigenen Assoziationen. Der einzige Protagonist der Oper trägt stark autobiografische Züge des Komponisten: ein genialer, aber von der Gesellschaft verkannter Künstler, dem die Frau, die er zu besitzen glaubt, einen anderen vorzieht - in Anspielung auf das Verhältnis Mathilde Schönbergs mit dem Maler Richard Gerstl.
In Carlos Wagners Vorstellung erscheint "der Mann" als Astronaut, der es statt mit Arbeitern in einer Goldschmiedewerkstatt mit einer Fußballmannschaft zu tun bekommt; anstatt mit mächtigem Schlag ein Schmuckstück zu schaffen, lässt er mit der "glücklichen Hand" des Künstlers luftige Bälle theaterwirksam von oben heranschweben. Gewiss ein hübsches Bild, aber doch etwas kleinmütig angesichts des überwältigenden menschlichen Dramas, das Schönberg entworfen hat. Dass einzelne Bühnenanweisungen gleichzeitig eingeblendet werden, erscheint wie der halbherzige Versuch, den Willen des Komponisten nicht völlig zu ignorieren - das Publikum zieht daraus wenig Nutzen. Matteo di Monti verkörpert den "Mann" stimmlich überzeugend, wenn auch wenig textverständlich, was trotz der Übertitel bedauerlich ist. Dafür stellt noch eindrucksvoller als im ersten Teil des Abends das Gewandhausorchester unter dem Musikdirektor der Oper, Axel Kober, seine Fähigkeiten unter Beweis: klanglich brillant, die reichen Farbeffekte der Partitur bestens zur Geltung bringend.
Das Orchester ist ganz ohne Zweifel einer der Stars des Abends - zusammen mit der Protagonistin im dritten und letzten Teil, dem Monodram "Erwartung": Deborah Polaski. Schönbergs erstes Bühnenwerk, entstanden 1909 und eines der eindrucksvollsten Musiktheater-Werke des vergangenen Jahrhunderts, ist eine psychologische Studie, das halbstündige Selbstgespräch einer Frau, die, getrieben von widerstreitenden Gefühlen, auf der Suche nach ihrem Geliebten im Wald umherirrt und ihn schließlich ermordet vor dem Haus einer Rivalin findet: haltloser, entäußerter, die Grenzen des Wahnsinns streifender Seelenausdruck. Deborah Polaski verkörpert diese Frau mit geradezu atemberaubender Intensität. Ihrer überwältigenden Bühnenpräsenz kommt die minimalistisch reduzierte Inszenierung in einem klinisch-kühlen, neonbeleuchteten Raum, einem Verhörzimmer mit eingebauter Kamera gleich (Regie: Sandra Leupold, Bühne: Tom Musch), sehr zustatten. Mit eindringlicher, machtvoller und - Schönbergs Anspruch gemäß - trotz allem wohlklingender Stimme zieht sie das Publikum in ihren Bann. Auf dem Höhepunkt des Dramas lässt ihr markerschütternder Hilfeschrei einem schier das Blut in den Adern stocken. Videoinstallationen, die ihr Gesicht überlebensgroß auf die Bühnenwände projizieren, überhöhen die optische Wirkung. Erwartungsgemäß - dieses Wortspiel sei erlaubt - der Höhepunkt des ungewöhnlichen Opernabends.
Eva Blaskewitz