Die befreite Dissonanz

Arnold Schönberg - Das gesamte Klavierwerk
Hardy Rittner, Klavier
Darbinghaus & Grimm


Wer hat eine mechanische Notenschreibmaschine erfunden, wer eine Schachvariante für vier Spieler, wer das so genannte "Rastral" zum gleichzeitigen Ziehen von fünf Notenlinien und wer eine eigene Methode zu schriftlichen Dokumentation eines Tennisspiels?

Arnold Schönberg, der Begründer der Zwölftonlehre, war ein leidenschaftlicher Tüftler und Erfinder. Für seine Kinder erfand er im kalifornischen Exil, wohin er vor den Nazis emigrierte, eine ganze Reihe von Spielen.
Als Komponist hat Schönberg leidenschaftlich die hierarchiefreie Ordnung des Tonmaterials erforscht und in seinem Verein für musikalische Privataufführungen der Neuen Musik einen einmaligen Laborcharakter verliehen. Orchesterwerke dominieren Schönbergs Oeuvre, seine Ideen für Klavier passen dagegen gut auf eine CD. Beim Label Darbinghaus und Grimm ist gerade ein Silberling erschienen mit dem gesamten Klavierwerk, eingespielt vom jungen deutschen Pianisten Hardy Rittner.

Gerade ein Jahr nachdem Brahms' letzte Klavierzyklen op. 116 bis 119 erschienen waren, komponierte der 20-jährige Schönberg autodidaktisch eine Folge von drei Klavierstücken, ganz bewusst in den großen Fußstapfen des deutschen Spät-Romantikers. Die Emanzipation, ja die Rebellion kamen erst später.

Schönberg hatte sich inzwischen bei Alexander von Zemlinski professionell geschult und auf den Weg gemacht, das Korsett der Harmonielehre zu lockern und die Dissonanz zu befreien. Kaum hatte er deren Fesseln gelöst, schritt er jene subjektive Expressivität aus, die auch aus den beiden Klavierzyklen op. 11 und 19 klingt. Allmählicher Zerfall und eruptive Vehemenz lösen sich ab - Musik eines Fragenden und Fordernden. Den Begriff "atonal" lehnte Schönberg übrigens immer ab, er sprach von atonalen Tendenzen und alternativ von "Pantonalität". Seine selbst entwickelte Zwölftontheorie stützte auch die Klavierwerke op. 23 und 25, und möglicherweise auf der Suche nach einer neuen Ordnung entstand ein Walzer, bald darauf eine siebensätzige formstrenge Suite, und siehe da: Schönberg sympathisierte mit dem Neoklassizismus. Allerdings ohne auf seine eigenen Tonreihen und deren viele Ableitungen zu verzichten. In einer Viererreihe taucht sogar das legendäre Motiv b-a-c-h auf.

Insgesamt 37 Schaffenjahre Arnold Schönbergs beleuchtet Hardy Rittner auf seiner zweiten CD des Labels Darbinghaus und Grimm. Und es ist faszinierend, anhand der ingesamt 7 Klavierwerke die verschiedenen Kompositionsstadien zu verfolgen: Vom Aufbruch über die radikale Meisterschaft bis hin zum Innehalten. Rittners Ton klingt rund, die poetische Ruhe Schönbergs nachzeichnend, die "atonalen Tendenzen" bekommen ein phantastisches, ja fremdartiges Glitzern. Das Krude und Zerrissene gelingt Rittner mit elegantem Schwung, wobei das eigentlich Virtuose in etlichen temperamentvollen Passagen nicht fehlt.

Eine Besonderheit leistet sich Rittner. Einmal spielt der 28-jährige Pianist auf einem Flügel von Johann Baptist Streicher von 1870. Dieser verfügt über ein zweites Dämpfungspedal, welches der Feingeist Schönberg eigens vorschrieb. Dem "atonalen" Querulanten des frühen 20. Jahrhunderts konnte es nämlich nicht zart und lyrisch genug sein.    
Julia Schölzel

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