Angelin Preljocaj choreographiert "Schneewittchen" als großes romantisches Ballett an der Deutschen Oper Berlin, Jean Paul Gaultier entwarf die Kostüme
(Berlin, 26. April 2007) Das spektakulärste Outfit dieser von dem Modeschöpfer Jean Paul Gaultier ausgestatteten Produktion stammt nicht von diesem, sondern von Gott. Es ist eine barbusige Schöne, die inmitten eines Meeres von roten Äpfeln liegt. Mit diesem Bild wirbt die Deutsche Oper für ihr neues Schneewittchen-Ballett. Und stellt damit von vorneherein klar, dass es in dieser Adaption des Märchens keineswegs so züchtig zugeht wie bei den Grimms. Ein bisschen Sex darf schon sein. (Und es bleibt auch bei diesem bisschen, denn man will ja auch noch Kinder in die Vorstellung lassen).
Gaultier steckt die Titelfigur deshalb in ein dezent aufreizendes weißes Kleid, das raffiniert um die nackten Beine von Elisa Carrillo Cabrera spielt und dabei einen Teil ihres Gesäßes frei gibt - während die Stiefmutter eine Art Weiterentwicklung von Madonnas Spitzbusen-Kostüm (1990 von Gaultier entworfen) darstellt: ein futuristisch anmutender Vamp in schwarz und rot.
Angelin Preljocaj wollte sein "Schneewittchen" als Handlungsballett in Szene setzen und er hat das auch getan (Premiere dieser Koproduktion war im September 2008 in Aix-en-Provence). Die Geschichte vom Leidensweg des "zu" schönen Mädchens, dem die neidvolle Stiefmutter aufs Bösartigste nachstellt und es schließlich vergiftet, bis der Prinz es wiedererweckt, ist seit gut 150 Jahren Teil unseres kollektiven Bewusstseins. Preljocaj spricht nicht zu unrecht vom "Schneewittchen-Komplex" und meint damit, die Sucht der Mütter selbst so jung (und schön) zu bleiben wie ihre Töchter.
Preljocaj ging es aber nicht um eine wie auch immer geartete Modernisierung oder Neudeutung, er wollte tatsächlich den Mythos in seiner Überzeitlichkeit tänzerisch neu erzählen. Und er hat dafür Musik von Gustav Mahler gewählt, die für ihn das "Naturhafte" und den Wald repräsentiert. "Ich habe bei der Arbeit viel an den Romantizismus der Brüder Grimm gedacht", erzählt Preljocaj im Programmheft. "Und auch an die Natur, die sehr viel Raum einnimmt, fast die Bedeutung einer eigenen Bühnenfigur erhält. Sie hüllt Schneewittchen regelrecht ein."