Christoph Schlingensiefs "Operndorf Afrika" macht Station in München
(München, 23. Juni 2010) Langsam nimmt es Gestalt an, Christoph Schlingensiefs "Operndorf Afrika" namens Remdoogo in Burkina Faso. Seit der Grundsteinlegung Anfang Februar wird in der Nähe der Hauptstadt Ouagadougou auf 14 Hektar gebaut: eine Schule, Film- und Musikklassen, Proberäume, Gästehaus, Theaterbühne, Festsaal, Café, Restaurant, Büros, Werkstätten, Siedlungen, Fußballplatz, Agrarflächen und eine Krankenstation. Architekt ist der aus Burkina Faso stammende international renommierte Francis Kéré.
Man kann das anderthalbstündige "Via Intolleranza II"-Projekt mit Musikern, Sängern und Schauspielern aus Burkina Faso und Deutschland als große Werbe-Reise für dieses außergewöhnliche Vorhaben verstehen - von Brüssel über Hamburg und Berlin nach München und Wien. Aber auch schlicht als erneuten Ausfluss der wild wuchernden Kreativität Schlingensiefs, die er immer wieder seiner Krebserkrankung abtrotzt - und als eine theatralische Reflexion über die Aneignung einer fremden, hier afrikanischen Kultur.
Am Abend des Fussballspiels Deutschland-Ghana, das in passender Symbolik mit dem Einzug beider Mannschaften ins Achtelfinale endete, fand in München die Voraufführung von Schlingensiefs Intolleranza-Projekt zur Eröffnung der Opernfestspiele statt. Nicht wie noch für sein großes "Mea Culpa"-Musiktheater vor einem Jahr die Staatsoper, sondern der "Pavillon 21" auf dem Marstallplatz hinter der Oper war der Schauplatz. Das Architekturbüro Coop Himmelb(l)au hat da ein außen verrückt stacheliges Welt-Raum-Schiff hingebaut, das während der ganzen Festspiele mit den unterschiedlichsten Veranstaltungen bespielt wird, dann abgebaut und auf Reisen gehen wird - bis es im nächsten Sommer auf seiner Umlaufbahn wieder hier Station macht.
Dieses "Projekt" nimmt nur vage Bezug auf Luigi Nonos szenische Aktion "Intolleranza 1960" und die Gesellschaftskritik dieses Stücks in Text und Musik. Schlingensief assoziiert vielmehr frei, lässt Szenen aus einer italienischen Verfilmung von Dantes "L'inferno" von 1911 über den Vorhang flimmern, aber auch solche aus Burkina Faso. Mal dominieren ein schwarzer, halbnackter Tänzer oder eine schöne schwarze junge Sängerin faszinierend die Bühne, dann wechselt der quirlige kleinwüchsige Amado Komi, der Nonos "Flüchtling" verkörpert, vom Liebes- zum mißhandelten Hassobjekt, immer wieder ist ein deutscher Tänzer und Schauspieler das alter ego Schlingensiefs, der nur zu Beginn und am Ende selbst auftritt.
Es wird viel gesprochen (meist auf französisch - mit Obertiteln), gesungen, gerappt und getanzt, vornemlich Afrikanisches, dann wieder tönt ein bisschen "Tristan" daher, wird "Hoch auf dem gelben Wagen" verballhornt oder blitzt das eine oder anderen Nono-Schnipsel auf. Arno Waschk hat das alles virtuos verschmolzen und dirgiert damit eine kleine Combo live.
Auch diesmal wirkt die Bühne (Thekla von Mülheim, Christian Schlechter) wie ein Requisiten- und Versatzstück-Lager: hier ein Schreibtisch mit Leselämpchen und ein Krankenhausbett, dort ein rätselhafter Glaskasten. Bemalte große Pappkartons dürfen mitspielen wie im Kasperletheater, die Kostüme (Aino Laberenz) stammen aus allerlei Kulturen und Jahrhunderten.
Immer wieder baut Schlingensief selbst Störfaktoren ein, parodiert er sein scheinbares Improvisations-Theater rücksichtslos und lustvoll, hält er sich und uns den Spiegel vor, wenn er über stinkende Hotelzimmer und mörderische Klimaanlagen, die Aschewolke und Henning Mankell schimpft, das Befremden der Afrikaner über die Edelboutiquen-Meile der angrenzenden Maximilianstraße mitteilt oder das eigene Denken und Tun reflektiert: "Wir beklauen jetzt ganz offiziell Afrika und lernen davon!" Das alles wirkt oft wie eine spielerische, über weite Strecken durchaus vergnügliche Provokation.
Am Ende sagt Schlingensief dem Publikum "Dank für Ihre geheuchelte Aufmerksamkeit und wünscht auch weiter eine große Portion Nächstenliebe!" Und sein Schlußsatz? "Die lieben uns, aber wir wissen nicht warum! Halleluja! Taxi!" Spricht's und verschwindet so schnell wie er gekommen.
Klaus Kalchschmid
www.staatsoper.de