Klangpracht und Delikatesse

Neuaufnahmen von Jordi Savall, dem Ensemble amacord und dem Klavierduo Tal-Groethuysen

Trotz aller Unkenrufe werden die Musiker nicht müde, ihre Arbeit auch weiterhin auf CD zu veröffentlichen. Und obwohl auch Titel der Klassischen Musik immer öfter als "Lieder" angesprochen werden, besteht ein Musikstück auf diesem Gebiet eben aus mehr als nur einer Folge von Datensätzen in "iTunes". Seit jeher haben sich Komponisten und Veranstalter Mühe gegeben, ihrer Musik auch ein schönes, verbindliches und verbindendes Äußeres zu geben und auch ein komplexes, aus vielen Teilen bestehendes Werk als ein Ganzes erfahrbar zu machen. Einst die Schallplatte, heute die CD reflektiert in ihrer Ein-heit, in ihrer im Sinne des Wortes Fassbarkeit für das Tondokument dieses Streben nach dem Ganzen, dem Abgeschlossenen. Und auch als Geschenk macht sich so ein Schächtelchen oder so eine Box doch viel hübscher als ein Gutschein für einen Download. Wer weiß, wie das Jüngere sehen, wir jedenfalls haben unsere Freude daran. 

Und auch die die Labels, die noch mehr Anspruch haben, als die Klassik möglichst nahe an Verkaufszahlen des Pop heranzubringen, bereiten ihren Kunden Freude. Sie gestalten ihre Produkte unverändert liebevoll, mehr und mehr als Gesamtcover aus Pappe und Papier statt einer Plastik-Box, und: sie haben spannende Inhalte zu liefern. Fast könnte man sagen: je kleiner das Label, desto spannender der Inhalt. Eine kleine Auswahl aus dem Jahr 2011. 

Für diese Kombination steht zum Beispiel das deutsche Label "Raumklang". Schon der Blick auf die webseite (www.raumklang.de) verheißt, dass hier mit ebensoviel Sachverstand wie Liebe gearbeitet wird. Das Hören bestätigt den Eindruck: die CD "Jauchzet dem Herren alle Welt" mit dem Vokalensemble "amarcord" und den Instrumentalisten der "cappella sagittariana dresden" ist einfach großartig, hinreißend, wunderschön. Das Foto auf Seite 3 des Covers zeigt die Musiker bei einem Konzert, wohl in der Kapelle des Dresdner Schlosses, der künstlerischen Heimat der Ensembles. Und so wie die Musiker hier zu sehen sind, die Sängerinnen und Sänger im Halbrund, die Instrumentalisten mit prächtigen Barockinstrumenten dahinter, so klingt die Musik von Heinrich Schütz, Giovanni Gabrieli, Michael Praetorius und Claudio Monteverdi auch: frei tragend, differenziert, im Solo präzise und im Tutti ein überwältigend kraftvoller Rausch der Farben. Es kommt also nicht auf die Zahl der Musiker an, sondern auf ihr Können, auf ihren Stil, auf ihre Fähigkeit der Gestaltung. Die CD erzählt aber auch eine Geschichte. Und zwar die der musikalischen Entwicklung von Heinrich Schütz. Seine Musik steht im Zentrum. Die Kompositionen der anderen, überwiegend italienischen Komponisten, bilden die Bezugspunkte, von denen Schütz gelernt und an denen er sich weiter entwickelt hat. Der Untertitel lautet auch: Schütz und Italien. Ein brillantes, Ohr wie Geist gleichermaßen stimulierendes Spiel, das mit feinstem Sinn fürs Detail und einer überraschenden räumlichen Tiefe auf die CD gebracht wurde. 

Ein besonderes Label ist auch "Alia vox", beheimatet im katalanischen Bellaterra, einem Vorort von Barcelona. Es ist das Label von Jordi Savall und seiner Ensembles, der Gruppe "Hesperion XXI", des Orchesters "Le Concert des Nations" und des Ensembles "La Capella Reial de Catalunya". Savall gründete es 1998, um unabhängig von den Launen von Labels und Produzenten zu sein. Seither hat "Alia vox" CDs mit unverwechselbarem Charakter hervorgebracht, die immer wieder für Aufmerksamkeit sorgten und, speziell auf dem Gebiet der Musik des mediterranen Raums, ungeahnte Entdeckungen zu bieten hatten. Aber auch für das bekanntere Repertoire liefern Savall und seine Musiker Interpretationen, die Entdeckungen bescheren. Eine ganz große Kostbarkeit dieser Art sind die Suiten aus Opern von Jean-Philippe Rameau, die Savall mit dem "Concert des Nations" auf 2 CDs unter dem Titel "L'Orchestre de Louis XV" aufgenommen hat. Vier Suiten, aus "Les Indes Galantes", "Nais", "Zoroastre" und "Les Boreades", gleichsam die feinste Essenz von Rameaus Kompositionskunst, kommen hier doch die verschiedenen Charakterzüge der Opern in verkürzter, rein instrumentaler Form zum Tragen. Darüber braucht man hier nicht weiter zu schreiben, das muss man hören, und man  muss es unter Savall hören. Diese Mischung von Klangpracht - die Rameau so einzigartig auszeichnet - und kammermusikalischer Delikatesse hat so noch kein anderes Ensemble hingekriegt. Entweder verwischen die Farben im Streben nach vollem Klang, oder der Klang kommt zu kurz im Streben nach Detail. Hier nun beides in schönster Form, dazu mit einer Eleganz und Noblesse, die Savall keiner nachmacht. 

Unter den größeren Labels hat Sony eine CD herausgebracht, mit der man sich vorbehaltlos anfreunden kann. Das in München beheimatete Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen hat die Slawischen Tänze op. 46 und op. 72 in ihrer original-Fassung für Klavier zu vier Händen eingespielt. Auch wie schade, da fehlt ja der ganze Orchesterglanz, das Tschinnderassa und das Funkeln der Instrumentenfarben? Denkste, Tal & Groethuysen besinnen uns darauf, dass die Stücke eben erst fürs Klavier existierten und dann, wegen ihres großen Erfolges, kurz darauf von Dvorak selbst orchestriert wurden. Die Klavierfassung ist viel dichter, musikantischer und raffinierter zugleich, weil sie so unaufdringlich daher kommt und ihren wahren Kern - die Neuformulierung traditioneller Tanzformen - viel inniger präsentiert. Die Musiker sind einander nahe, und sie sind auch ihrem Zuhörer am Lautsprecher sehr nahe. Man kann das Spiel der vier Hände geradezu sehen. Und was man hört, das ist die perfekte Übereinstimmung zweier Musiker, die genau wissen, was sie von Klavier verlangen können. Die Tänze strahlen hier in einem festen Grundton, den Tal & Groethuysen in allen Facetten zum Leuchten und Funkeln bringen. Je länger man ihnen zuhört, desto mehr freut man sich. Es ist, als hätte man die Slawischen Tänze schon immer so gekannt und sie nur seit einer Weile aus den Augen verloren. Schöner kann man das Wort "Hausmusik" kaum intepretieren.

Laszlo Molnar