Die Choreographin Sasha Waltz und der Komponist Mark André kreierten zum Auftakt der Salzburger Mozartwoche ein "choreographisches Konzert" - mit mäßigem Erfolg
(Salzburg, 27. Januar 2012) Der Idee ist zweifellos einiges abzugewinnen. Warum sollte Sasha Waltz, die Straßennamen, Opern oder ganze Museen "vertanzt" nicht auch Mozart vertanzen? Kein bestimmtes Werk oder gar die Person Mozart. Nein verschiedene Werke in kleiner Besetzung, nicht nur mit Tänzern, sondern auch mit "tanzenden" Musikern. Nicht nur mit der Musik Mozarts, sondern auch mit zeitgenössischen Klängen des Komponisten Mark André im lebendigen Dialog.
Die Idee eines "choreographischen Konzerts" klingt gut, und so hoffte man denn am Geburtstag Mozarts auf eine interessante Neuschöpfung von Deutschlands Tanztheaterfrau Nr. 1 zum Auftakt der renommierten Salzburger Mozartwoche.
Der Titel "gefaltet" bezieht sich dabei auf einen Ausdruck aus der elektronischen Musik. Mark André hat ihn beigesteuert und im Programmheft erklärt: "Dieses Verfahren ermöglicht es, klangliche Impulse mit Ausklängen oder 'Antworten' zu versehen, die auf akustischen und nicht synthetischen Materialien beruhen."
Auch über den Prozess der Zusammenarbeit und die Genese von "gefaltet" ist im Programmheft auf vielen Seiten in einem moderierten Gespräch zwischen Waltz und André viel Interessantes zu lesen. Etwa dass Waltz in der Auseinandersetzung mit der Musik Mozarts und Andrés körperliche Spannung verändert, transformiert und sie auflöst, dass es zu einem "Zuspitzen der Wahrnehmung" bei Tänzern und Musikern komme, und dass es André um "den Wechsel, den Abschied, den Anfang und das Ende von Klangtexturen, Klangfamilien und inneren Klangräumen" geht.
Schon beim Lesen dieses Textes konnte man ein wenig stutzig werden angesichts all der allzu wolkigen und nicht enden wollenden Erläuterungen und Absichtserklärungen, die freilich reichlich unkonkret und allgemein bleiben. Das tatsächliche Ergebnis bestätigte diesen unbefriedigenden Eindruck. Aus den wabernden Absichtserklärungen ist kein griffiges, wirksames Bühnengeschehen geworden. Das meiste in diesem knapp zweistündigen Tanztheater bleibt arg pauschal, beliebig und irgendwie unfertig. Klar sollte es auch ein Experiment, eine Improvisation sein, aber von der Überzeugungskraft anderer Arbeiten Sasha Waltz' ist diese Mozart-"Annäherung" meilenweit entfernt. Zwar gibt es einige originelle und manchmal auch witzige Bezüge zum höfischen Tanz mit wunderbaren spielerisch barockisierenden Kostümen (Beate Borrmann) oder intime Begegnungen zwischen Tänzern und Musikern zu intimer Musik Mozarts, doch der Mangel an inhaltlichen Vorgaben, an denen sich Waltz' künstlerische Phantasie hätte entzünden können, ist allenthalben spürbar und sorgt streckenweise nur für gepflegte Langeweile.
Da werden Musiker während der Ausübung ihrer Tätigkeit von Mitgliedern der Waltz-Compagnie umtanzt, der Pianist Alexander Lonquich samt Flügel während des Spielens über die Bühne gezerrt, die Geigerin Caroline Widmann ebenfalls während des Spiels umhergetragen - doch eine tänzerische Aussage, eine künstlerische Idee vermittelt sich dahinter nicht. Der Abend krankt daran, zuviel zu wollen und zu wenig zu bieten. Auch die Musik Andrés, vor allem materialkritisches Knarzen und Scheuern, bleibt belang- und beziehungslos zum sonstigen Geschehen und beziehungslos auch zur original gespielten Musik Mozarts (mit dabei auch: Guy Ben-Ziony, Viola und Nicolas Alstaedt, Cello). Wären da nicht Sasha Waltz' faszinierende Tänzerpersönlichkeiten, die allein schon Kraft ihrer präsenten Körperlichkeit Ausdruck kreieren, sobald sie die Bühne betreten - es wäre nur schwer auszuhalten gewesen.
Wir wissen, Sasha Waltz kann viel, macht viel und will viel - aber hier ist ausser viel Wollen leider nichts zu sehen.
Robert Jungwirth