Der Beginn der Salzburger Mozart-Woche mit Auftritten von Pierre Boulez, Andras Schiff, Mitsuko Uchida und Pablo Heras-Casado
(Salzburg, 28./29. Januar 2012) Manchmal gibt es ja doch was zu entdecken, und sei es auch nur, weil John Eliot Gardiner sein Dirigat aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig zurücklegen musste. An seiner Stelle leitete der 35-jährige spanische Dirigent Pablo Heras-Casado - einer von denen, die schon in jungen Jahren mit einem Triple-A gehandelt werden - das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Und nutzte seine Chance. Bei Mozart noch ein wenig schüchtern und unentschieden phrasierend, steigerte er sich bei Mendelssohn- Bartholdys "Schottischer" Symphonie nicht nur zu großer Gestik, sondern in eine ungemein dramatische Erzählhaltung hinein, mit der er die Sympathie des Publikums im Sturm eroberte.
Auch vom geplanten Teil der Mozartwoche, deren Leitung nun wechselt, gibt es Neues zu berichten: Wie haben sich doch die Zeiten geändert! Vor zehn Jahren noch wäre vieles undenkbar gewesen, was heute die Mozartwoche prägt, auch wenn das winterliche Festival im Grunde vom sommerlichen Reformeifer Gerard Mortiers und Hans Landesmanns mitgezogen wurde. In Analogie zum "Pull-Push-Denken" der Ökonomen könnte man sagen: Die Änderungen im Programm der Mozartwoche waren mit Sicherheit nicht das Ergebnisse eines "Push"-Impulses des Publikums. Und doch sitzt dieses heute ohne zu meutern in einem Konzert mit Pierre Boulez, in dem Mozart mit Musik von Schönberg und Strawinsky zusammengespannt ist.
Und überhaupt: Das Boulezwunder. Über 85 ist er, fragil wirkt er, und in der Zeichengebung beschränkt er, der immer Sparsame, sich aufs Wesentliche. (In seinem Fall darf man sogar die unerlaubte Steigerungsstufe "Das Wesentlichste" verwenden.) Ebenso darf man unterstellen, dass die Proben-Zeichen auf höchste Sensibilität gestellt waren: Schon in Schönbergs "Begleitmusik zu einer Lichtspielscene" wird man mit dem Minimalismus des Komponisten wie des Dirigenten konfrontiert. Nichts wäre falscher, als diese Musik einem real existierenden Film zuzuordnen. Schönberg hat keine "Filmmusik" komponiert, er illustriert nicht, sondern entwirft das Psychogramm einer Person, die auf eine bedrohliche Situation reagiert. Insofern könnte man die Musik, wie das oft getan wird, "expressionistisch" nennen. Aber es ist eben ein gleichsam "kleiner" Expressionismus, der große musikalische Gesten bewusst vermeidet. Boulez lässt das kurze Stück wie die entfernte Vision eines schrecklichen Ereignisses vorüberziehen, wie eine Reminiszenz an die große Zeit des Expressionismus vor 1914, ein Anti-Schreker-Stück, das Gegenteil des Malens mit dem großen musikalischen Spachtel. Sparsam, komprimiert, als sei die Ahnung von Angst und Gefahr als Stenogramm notiert. Nur eine solche Interpretation macht die kompositorische Struktur hörbar.
Während in der "Lichtspielscene" die Wiener Philharmoniker mit dem Dirigenten mitzogen, lag bei Schönbergs Klavierkonzert die Initiative eher bei Mitsuko Uchida, die das Subjektive, Emitionale, am eigenen Komponistenleib erfahrene Biographische der Musik in die Wiedergabe einzubringen wusste.
Strawinskys "Pulcinella"-Suite aus dem Jahr 1920 schließlich, in der Regel viel zu groß besetzt als neoklassizistisch-lärmig-glattes Vorzeige-Stück heruntergeraspelt, wurde von Boulez in jener aufgerauten Manier vorgeführt, die zeigt, dass es dem Komponisten hier eben nicht um ein krudes Zurück, sondern um ein zum Teil ironisches Bewahren des Alten im Neuen ging. Perfektionisten mögen da einige Unebenheiten entdeckt haben. Aber einem älteren Herren wie Boulez ist die metronomische Exaktheit nicht mehr das Allerwichtigste. Was er weitergibt, ist seine strukturelle Sicht auf die Werke, die ihm immer wichtiger war als das In-Emotionen-Schwelgen. Das hörte man besonders stark bei Mozarts F-Dur-Klavierkonzert KV 459, das bei Boulez die denkbar geralingste Linie finden darf und sich gut mit Uchidas schnörkellosem Zugang verträgt.
Varianten des Mozart-Spielens
Das war nur eine Variante des Klavierspielens. Bei der Mozartwoche waren schon in den ersten Konzerten andere Zugänge gegenwärtig: Emanuel Ax spielte das Es-Dur-Konzert KV 482 als ehrlicher Makler, wenn auch natürlich näher am Traditionellen als Uchida; und András Schiff brachte das früher "Jeunehomme" genannte Konzert KV 271 mit so viel Subjektivität zum Klingen, dass man sich an Bruno Walters auf einer Schallplatte dokumentierten Anfeuerungsruf "Sing out! Sing out!" erinnert fühlte. Viel Gefühl war darin investiert, viele Rubati verzierten die Tempi und immens viele Anschlagsfacetten ließen Klangschattierungen hören, die wahrlich nicht zur Regel gehören. Vielleicht die "schönste" Möglichkeit der Annäherung an Mozart, wenn man sich diese altmodische Kategorisierung heutzutage noch erlauben darf.
Auch als Dirigent "seines" Orchesters, der "Cappella Andrea Barca", macht Schiff sinnlich erfahrbar, was Robert Schumann mit Franz Schuberts "himmlischen Längen" gemeint haben mag. Schuberts heute gerne unterschätzte jugendliche 2. Symphonie wurde unter Schiffs Händen zu einem Werk von äußerst dramatischem Zuschnitt, nicht nur im nie enden wollenden Kopfsatz und im kompakten 3. Satz, einem trotz der formalen Bezeichnung "Menuett" wild dahinstürmendes Scherzo mit einem volkstümlichen Volkstanz-Trio. Und das Finale? Sein "Presto vivace" ist gar nicht so weit von der Ver-Rücktheit der letzten Sätze von Beethovens Siebenter und Schuberts großer C-Dur-Symphonie entfernt, als das gedenkenlose Aufführungen nahelegen.
Dass am Ende des Konzerts - nach Beethovens letztem Klavierkonzert - die Begeisterung des Publikums eine besondere solistische Zugabe mit Orchesterbegleitung verlangte, sagt doch einiges über die Qualität des Gebotenen aus. Aber vielleicht sollte man mit derlei Argumenten vorsichtig umgehen. Auch Sascha Waltz´"Gefaltet" - siehe Robert Jungwirths kritischen Bericht - wurde bei der Reprise am Sonntag enthusiastisch gefeiert.
Derek Weber