Salzburg symphonisch - die letzten Konzerte bei den Salzburger Festspielen 2012:
Cleveland, Gewandhaus, Concertgebouw und das Scala-Orchester
(Salzburg, Ende August 2012) Zum Ende der diesjährigen Salzburger Festspiele hat der neue Intendant Alexander Pereira noch einmal den Konzertsektor offensiv ins Zentrum gerückt: Das Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst, das Leipziger Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly, das Concertgebouworkest unter Mariss Jansons und das Orchestra del Teatro alla Scala unter Daniel Barenboim waren aufgeboten, um zu zeigen, dass sich die Festspiele auch in den letzten Tagen vor der Welt nicht verstecken müssen.
Cleveland: Leicht bewölkt
Das Cleveland Orchestra zählt schon lange zu den renommiertesten amerikanischen Orchestern. Unter seinem Chefdirigenten Franz Welser-Möst gastierte es heuer nicht nur an seinem fixen Stützpunkt in Luzern, sondern stattete - vier Jahre nach dem großen Gastspiel von 2008 (mit Dvořáks "Rusalka") - auch Salzburg wieder einen Besuch ab.
Im Mittelpunkt der beiden Konzerte im Großen Festspielhaus stand mit Bedřich Smetanas Zyklus "Má vlast" (Mein Vaterland) ein Standardwerk der tschechischen Musik, das außerhalb der Heimat des Komponisten zwar bekannt, aber nicht unbedingt oft zu hören ist. Kein Wunder, ist "Mein Vaterland" doch eine Art nationaler Botschaft, die von tschechischen Musikern und Dirigenten und mit dem nötigen Feuer vorgeführt wird.
Dieses "con fuoco" fehlte den Musikern aus Cleveland und ihrem Dirigenten zumindest am ersten Abend. Franz Welser-Möst versuchte, bei den ersten vier Stücken des Zyklus - die zwei letzten folgen am Mitttwoch - sozusagen den rationalen Notenkern dieser quasi national-"religiösen" Musik freizulegen. Doch siehe: Wenn man "Má vlast" vom nationalen Pathos befreit, fehlt eine wichtige, vielleicht sogar indispensable Komponente, und das Ergebnis ist gar zu trocken: Schon im einleitenden "Vysehrad" bleibt von der Erinnerung an die stolze Königsburg, die Smetana vorführen wollte, wenig übrig. Welser-Möst verweigert sich dem farbigen Erzählen. Auch "Aus Böhmens Hain und Flur" entbehrt jener fast hymnischen "Gedanken und Gefühle, die uns", wie Smetana schrieb, "beim Anblick der böhmischen Landschaft erfassen". Auch die "Moldau", sie fließt eben nur (ein bisschen rascher als gewohnt) dahin, sprudelt und gischtet sich eins; am Tanz der Bauern zieht sie teilnahmslos vorbei.
Waren die Musiker einfach nur ein bisschen müde? Auch Witold Lutosławskis "Konzert für Orchester", das zweite Stück des Abends, hat man schon packender gehört. Beim zweiten Konzert wirkten die Musiker um einiges munterer, und die beiden letzten symphonischen Dichtungen ("Tábor" und "Blanik") waren mit mehr Kraft versehen. Doch wieder fiel auf, dass die Stücke unflexibel aufbereitet waren und kaum atmeten. Warum der Zyklus auseinander gerissen präsentiert wurde, bleibt überhaupt ein Rätsel. (In Luzern war "Mein Vaterland" ganz normal in einem Konzert zu hören gewesen.)
Statt des ursprünglich vorgesehenen Klavierkonzerts von Lutosławski wurde wegen Erkrankung von Krystian Zimerman ein brandneues Werk gespielt, welches erst wenige Tage zuvor in Luzern aus der Taufe gehoben worden war: Matthias Pintschers " Chute d´Ětoiles. Hommage à Anselm Kiefer" war am 25. August in Luzern als Auftragswerk der "Roche Commissions" uraufgeführt worden, ein ziemlich abwechslungsreiches Doppelkonzert für zwei Trompeten und Orchester, in dem - begleitet von Clustern, Glissandi und viel Perkussion - alle nur erdenklichen Arten des Trompetenblasens, inklusive flaffigen Lauten, erprobt werden. Die zwei Soloinstrumente wurden von Musikern des Cleveland-Orchesters gespielt.
Doch nach der Pause - welcher Klimaschock! Bei Dmitri Schostakowitsch´ selten gespielter Sechster Symphonie wuchs das Orchester über sich hinaus und machte die Provokation spürbar, die darin bestand, dass eine Symphonie in der in Rußland "belasteten" Tonart h-moll - jener, in der Tschaikowskys "Pathetique" geschrieben ist - gleichsam ohne ordentlichen Kopfsatz daherkommt, mit einem weit ausladenden "Largo" sozusagen mit der Tür ins Haus fälllt und zwei sarkastisch-hurtige Sätze daran schließt, die alles andere als den Weg in ein "braves", d.h. sieghaftes Finale darststellen. Das scherzohafte "Allegro" führt in seiner ätzenden, lärmigen und umtriebigen Art direkt in ein "Presto"-Finale weiter, das mit seinen überdrehten, perkussiv verzerrten, aber unüberhörbaren Anklängen an Rossinis "Wilhelm Tell" auch die Hoffnung auf freiere Zeiten anstimmt. Da schienen Orchester und Dirigent wie ausgewechselt.
Leipzig: Äußerst stürmisch
Am Abend darauf brach der Sturm dann richtig los: Mahlers Sechste Symphonie wurde unter Riccardo Chailly - nicht ohne Grund in alter deutscher Aufstellung, mit den Kontrabässen links und den zweiten Geigen rechts gespielt. (Auch die zwei Harfen war ganz rechts außen postiert.) Der Erste Satz raste - schneller als gewohnt - geradezu dahin. Zwar gibt es Ruhepunkte darin, aber die sind nicht mehr als Aufmarschtakte für ein immer neues Vorwärts, sind nur Ruhe vor dem Sturm, nie im Lot, nie in Rast. Das war vermutlich der dramatischeste und wildeste Kopfsatz der Sechsten, der je zu hören war.
Auf ihn folgte als großer Ruhepol das Andante moderato, an zweiter, nicht an dritter Stelle, so wie Mahler (vermutlich) die Reihenfolge gewollt hat, dann erst das Scherzo, in dem musikhistorisch wohl der Beginn der Geräuschmusik zu finden ist. Das Finale aber: Das war die Umsetzung einer Schreckensvision, ein einziges Psychogram der Angst, voll unerträglicher Spannung, voller Tempo und unglaublicher Intensität. Wer wie Chailly so an den Satz herangeht, der muss kein Tempo mehr steigern, es sei denn ganz zum Schluss. Die Spannung wächst von innen heraus, bis zu jener Stelle, an welcher ursprünglich der dritte Hammerschlag geschrieben war. Und was für ein Orchester! Nach den zurückhaltenden Clevelander Streichern wirkten die Musiker aus Leipzig wie veritable Klangrevolutionäre. Und die Holzbläser und das Blech standen ihnen in nichts nach.
Amsterdam: Kultiviertes Wetterleuchten
Das Concertgebouworkest zählte immer schon zu den kultiviertesten, in allen Sektionen gleich herausragenden europäischen Orchestern. Auch was die Epochen der Musik betriftt, sind die Amsterdamer Musiker überall in gleichem Maß zu Hause. Die Begleitung zu Béla Bartóks 2. Violinkonzert ist bei ihnen in ebenso guten Händen wie Mahlers 1. Symphonie. Das liegt natürlich nicht zuletzt am Chefdirigenten. Mariss Jansons lässt vergessen, wie schwierig zu spielen Bartóks Konzert auch für das Orchester ist. Und ein Solist wie Leonidas Kavakos trägt seinen Part in schlankem Ton und so virtuos vor, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt.
Und Mahlers Erste, die hat Mariss Jansons schon in seinen Anfängen in Leningrad dirigiert. Traumwandlerisch darf man das nennen, aber ohne einen Funken Routine ausgeführt, wenn er diese vielgespielte Symphonie heute dirigiert, exakt und klar in der Zeichengebung. Im 1. Satz darf der Dirigent sich sogar eingesprungene Einsätze erlauben, und seine Tempi sind so klug aufeinander abgestimmt wie im Finale.
Die Musiker spielen, wie man es sich exakter und genauer artikuliert nicht vorstellen kann, ob das nun die Trompeten und ihre Blechbläser-Kollegen im 4. Satz sind oder die Tuba und die kecke Oboe im 3. Satz oder die punktgenau aufeinander abgestimmten Pauken im Finale.
Heftiges Gewitter: Giuseppe Verdis Messa da Requiem
Nicht ganz auf demselben Niveau bewegen sich - zumindest bei Giuseppe Verdis Messa da Requiem - die Musiker des Orchestra della Scala aus Mailand. Da wird der Klang im oberen Dezibel-Grenz-Bereich schon ab und an ein wenig bröselig und diffus.
Aber da mag der Wille fürs Werk stehen. Und für was für ein Werk! Irgendetwas muss an dem Verdi-Requiem, dem ja oft unreligiöse Züge nachgesagt werden, wohl dran sein, was über das Brechtische "Ihr sterbt mit den Tieren, und es kommt nichts danach" hinausgeht. Nicht Metaphysik, aber immerhin doch - Trotz: Wie sonst wäre es zu erklären, dass im KZ Theresienstadt, nachdem der erste Transport in die Vernichtungslager abgegangen war, sofort die Lücken im Chor geschlossen wurden, um - nicht irgendein tschechisches geistliches Werk, sondern just das Verdi-Requiem weiter aufführen zu können. Trotz - trotz Angst: menschliche Größe im Angesichts des Schreckens "jenes Tages", der im "Dies irae" beschworen wird - das ist wahrscheinlich das Zauberwort, das wirklich "Weltliche", der Schlüssel zu diesem Werk, dessen Opernhaftigkeit zwar stets beschworen wird, ohne dass dies aber den Kern, die Grundhaltung des Ganzen, erklären könnte. Wer diesen Trotz in einzelnen Noten suchen wollte, er würde nicht fündig werden. Er steht zwischen den Zeilen.
Daniel Barenboim, selbst - wenn ich nicht irre - kein sehr gläubiger Mensch, ist diesem Kern am letzten Tag der Salzburger Festspiele ziemlich nahe gekommen: In einem aus dem Nichts kommenden x-fachen Pianissimo der Streicher lässt er das Werk beginnen. Dann setzt mit einem fast tonlos gehauchten, deklamierten "Requiem" der Chor ein. Immer wieder kehren Chor und Solisten im Lauf des Requiems zu diesem irritierenden (und vielleicht "unintalienischen") Tonfall zurück.
Wer hätte sich vorstellen können, dass der Chor und das Orchester der Mailänder Scala im Ausland mit SängerInnen erster Güte, aber ohne einen einzigen italienischen Solisten gastieren? Es gibt immer noch gute Sänger in dem Land, aber ein so klug zusammengestelltes, kultiviertes, makellos singendes Solistenquartett mit ähnlich zugkräftigen Namen wie Anja Harteros, Elīna Garanča, Jonas Kaufmann und René Pape wird man dort kaum auftreiben können. Anja Harteros - weit von dem üblichen Aida-Sopran-Idiom entfernt - und Elīna Garanča harmonieren - zumal im "Agnus Dei" - wunderbar miteinander. Jonas Kaufmann ist eine Tenor-Kategorie für sich und René Pape hat sich eine noble Zurückhaltung erschlossen, bei der die Stimme nicht auftrumpfen muss, wo sie nicht soll.
Barenboim treibt den stark besetzten Scala-Chor samt dem Orchester in die Grenzregionen des Fortissimo, sodass die Balance zwischen Chor und Orchester zuweilen brüchig wird und die Solisten - obwohl voll aussingend - etwa am Ende des "Kyrie" nur mehr mit Mühe zu hören sind. Aber was soll´s: Es war insgesamt ein mitreissendes Konzert, für das sich Daniel Barenboim offensichtlich ganz besonders gut vorbereitet hatte. Jubel, Begeisterung und standing ovations waren garantiert.
Derek Weber