Nicht genehmigte Provisionen, verschobene Gelder: Salzburgs Festspiele werden von einem Skandal gebeutelt. Die Ursachen dafür liegen auch in der sozialen Ungleichheit in der Musikszene
(Salzburg, 18. Februar 2010) Salzburgs Festspielszene sorgt derzeit in Österreich für fette Schlagzeilen. Aber nicht wegen spektakulärer künstlerischer Leistungen. Ein Geldskandal ist es, der die um diese Zeit eigentlich ruhige Festspielstadt erschüttert. Führende Mitarbeiter der Osterfestspiele und der Salzburger Festspiele haben unrechtmäßig Geld in ihre Taschen geleitet. Der Geschäftsführer der Osterfestspiele, Michael Dewitte, wurde fristlos entlassen, ebenso der technische Direktor der Salzburger Festspiele, Klaus Kretschmer. Dewitte soll sich auf krummen Wegen 650.000 Euro abgezweigt und dafür Konten unter anderem in Zypern genutzt haben. Es heißt, er habe von Sponsoringgeldern, die er für die Osterfestspiele aufgetan hat, fünf Prozent für sich behalten und überhöhte Kosten für das Büro angesetzt. Kretschmer soll sich mit über 500.000 Euro bereichert haben, die er unter anderem über eigene Firmen in seinen Besitz gebracht haben soll.
Die Vorwürfe scheinen so schwer zu wiegen, dass Kretschmer kurz nach seiner Entlassung einen Selbstmordversuch unternahm, indem er sich von einer Brücke stürzte. Er liegt seither mit mehreren Wirbelbrüchen in einem Salzburger Krankenhaus. Mittlerweile berichten österreichische Zeitungen, dass noch mehr Mitarbeiter der Salzburger Festspiele sich illegal Geld zugewiesen haben sollen. Von fünfstelligen Euro-Beträgen pro Person ist die Rede. Hauptgrund für diese Umtriebe seien die schlampigen Kontrollinstanzen, die sich vor allem bei den Salzburger Festspielen seit dem Abgang des Führungsteams Gerard Mortier - Hans Landesmann breitgemacht haben. Die Geldverschiebungen seien seit Anfang des Jahrtausends im Gange.
Mit Dewittes Gehalt wäre ein Banker bettelarm
Zunächst muß man feststellen: Diese Beträge sind im Vergleich zu dem, womit in Bankenkreisen gehandelt wird, lächerlich. 650.000 Euro bedeuten für einen New Yorker Wall-Street-Banker ein Leben unterhalb der Armutsgrenze. Die New York Times hat einmal berechnet, dass ein Banker in New York für ein standesgemäßes Leben mindestens 1,2 Millionen Dollar brutto braucht. Pro Jahr, versteht sich. Dewitte erzielte, zusammen mit seiner Frau, gerade mal ein Einkommen von 160.000 Euro. Etwa den Betrag, den der Banker für die Miete der Wohnung und das Schulgeld seiner Kinder braucht. Den jährlichen Bedarf an Ballkleidern seiner Frau kann er davon schon nicht mehr bezahlen.
Das ist natürlich keine Legitimation für einen Festival-Geschäftsführer, kriminell zu werden. Aber es gibt doch eine Vorstellung, vor welchem Hintergrund agiert wurde. Die Klientel der Osterfestspiele ist bekanntermaßen nicht arm. Ebenso wenig sind es die Stars, die dort auf der Bühne erwartet werden. "Führe mich nicht in Versuchung" war für Dewitte kein leicht umzusetzender Vorsatz. Jahr für Jahr führen seine Gäste und Künstler eine Performance mit dem Titel "Und erst viel Geld macht richtig glücklich" auf. In Salzburg besonders schamlos. Dewitte gehört nicht dazu, aber er muss mitspielen. Zudem zeigte ihm seine oberste Chefin und Erbin mehrerer aus der Kunst erwirtschafteter Millionen - Eliette von Karajan - ständig, wie es sich ohne Arbeit angenehm leben lässt.
Alexander Pereira, das clevere Vorbild
Dewitte kannte sicher auch das Vorbild eines prominenten Kollegen in der Schweiz. Von Alexander Pereira heißt es in der Zürcher Kulturszene, er profitiere von Sponsoring-Geldern auch selbst. Dies bestätigte Pereira, derzeit Chef der Zürcher Oper und designierter Intendant der Salzburger Festspiele, im Gespräch mit "KlassikInfo.de". Pereira sagte, er habe mit dem Opernhaus vereinbart, fünf Prozent der von ihm organisierten Sponsoring-Beträge als Provision behalten zu können. Hintergrund für die Abmachung sei der Umstand, dass sein Gehalt seit seinem Amtsantritt, von den üblichen Tariferhöhungen abgesehen, nicht erhöht worden sei, sagte Pereira. Er habe sich daher mit dem Verwaltungsrat so geeinigt, dass er einen Anteil der von ihm eingeworbenen Provisionen als "variablen Gehaltsbestandteil" behalten könne. Sicher die bessere Lösung für den cleveren Operngeschäftsmann. "Ich bin ein gut verdienender Intendant", gibt Pereira im Gespräch zu. Einer, der seine Chancen nutzte für die Oper Zürich und sich selbst: Er steigerte den eingeworbenen Sponsoring-Betrag von ein paar hunderttausend Franken zu Beginn seiner Amtszeit auf bis zu 10 Millionen. Bekannt ist er unter auch als Sammler und Züchter von Rennpferden, die er auf seinem Gestüt in Irland hält.
Warum sollte also Dewitte lassen, was Pereira in aller Öffentlichkeit tun darf? Auch er musste sich massiv um Sponsoring bemühen, da die Salzburger Osterfestspiele wenig öffentlichen Zuschuss erhalten. Dewitte machte nur einen Fehler: Er ließ sich sein Handeln nicht von höheren Stellen absegnen. Ein von den Geldgebern und Aufsichtsorganen sanktioniertes Gestüt in Irland ist gut. Heimliche Konten auf Zypern sind schlecht.
Salzburg ist eine verführerische Spaßhochburg
In ständiger Versuchung war auch Klaus Kretschmer. Er sah sich umgeben von Regisseuren und Bühnenbildnern, die leicht Gagen im hohen fünfstelligen Bereich erzielen. Für eine Produktion unteren mehreren im Jahr, natürlich. Die es sich gerne sehr gut gehen lassen in Salzburg im Sommer und - mal beim weißen Spritzer im "Triangel", mal beim Champagner beim Empfang eines Galeristen - nicht müde werden zu betonen, wie viel Spaß es ihnen mache, im Sommer in Salzburg zu sein. Die Spitzen-Künstler wohnen in feudalen Sommer-Residenzen mit Oberklasse-Mietautos in den Garagen. Ihre Zeit zwischen den Auftritten verbringen sie mit der Pflege ihres Golf-Handicaps, Einladungen in Spitzen-Restaurants oder mit kleinen Abstechern zu anderen Festival-Auftritten. Kostenlos und allgegenwärtig werden sie mit Luxus-Limousinen eines der Hauptsponsoren herumgefahren, von den VIPs hofiert und dafür fürstlich entlohnt. Fünfstellige Abendgagen sind keine Ausnahme. Cecilia Bartolis allgemeiner Satz soll bei 50.000 Euro liegen; auch ein Maurizio Pollini wird kaum unter 20.000 die Hand über die Tasten heben. Von einer prominenten Geigerin wird berichtet, dass sie - allerdings nicht in Salzburg - für den Auftritt zusammen mit einem 35-Mann starken Kammerorchester 75.000 Euro Gage verlangte. 40.000 für sich, 35.000 für ihr Orchester. Gidon Kremer ließ einst dem engagierten, künstlerisch hochprofilierten, aber finanziell klammen "Zeitfluss-Festival" im Umfeld der Salzburger Festspiele ausrichten, er werde gerne spielen, wenn seine übliche Gage gezahlt werde: damals 50.000 Mark. Der Primarius eines berühmten Streichquartetts stritt sich mit einem Musikmanager, warum er ihm sein seltenes BMW-Coupé nicht verkaufen wollte. Sein Porsche sei ihm langweilig. Regisseure lassen sich ihre oft genug dubiosen Einfälle mit bis zu 100.000 Euro vergüten, "Star"-Dirigenten verlangen 1 Million Euro Fixhonorare pro Jahr und dazu fünfstellige Abendgagen extra. In der Welt der Hochkultur darf Geld für die "oberen" einfach keine Rolle spielen.
Die Stars kassieren, das Fußvolk schuftet
Wer nicht Star oder Intendant ist im Musik-Geschäft, dem muss als Lohn vor allem die Freude genügen, dabei zu sein. 2500 Euro Brutto für bis zu 12 Stunden Schufterei am Tag sind bei Konzert- und Opernhäusern keine Seltenheit. Natürlich arbeitet man auch am Wochenende, wenn die meisten Musikveranstaltungen stattfinden, gerne. Ohne Zuschlag, versteht sich. Prominente Festspiele bezahlen ihr Personal besser, aber auch hier wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Die soziale Ungerechtigkeit ist im Musikbetrieb eklatant.
Weder Dewitte noch Kretschmer sind arm. Ihre offiziellen Bezüge reichen, um ein sorgloses Leben zu führen. Sie sahen aber, dass es auch anders geht. Sie sahen, dass andere ihres Faches keine Scheu kennen, obszöne Beträge als rechtmäßig verdient zu betrachten und dass ihnen diese Summen auch angetragen werden. Sie versuchten, Ihre Chancen zu nutzen. Sie waren auch Opfer eines Zynismus, den die wohlhabende Welt immer offener und schamloser zur Schau stellt: "The winner takes it all", der Rest sind die "Loser" und selbst daran Schuld. Dieser Zynismus macht vor dem Kulturbetrieb nicht halt. Er hat dort sogar schon immer eine besonders sichere Heimat. Denn über Geld redet man nicht in der Kultur. Man nimmt es nur.
Laszlo Molnar