"Salzburg hört Hitler atmen. Die Salzburger Festspiele 1933 - 1944" (Gebundene Ausgabe) DVA, 415 Seiten, 29,90 Euro
Für die ersten Festspiele nach dem "Anschluss" Österreichs an das "Dritte Reich" im Juli 1938 hat sich Salzburg fein herausgeputzt. Zahllose Hakenkreuzfahnen flatterten aus den Fenstern, die Straßen waren blank gefegt, und die Einwohner standen proper gekleidet und geduldig wartend in einem endlosen Spalier für die eintreffende Nazi-Prominenz. Hitler weilte zwar fern von Salzburg bei den Festspielen in Bayreuth, aber Goebbels kam zur Festspieleröffnung nach Salzburg. Auf dem Programm: Wagners "Meistersinger" mit Wilhelm Furtwängler und Mozarts "Don Giovanni" mit Karl Böhm.
"Germanische Weihespiele" sollten es werden, ein von "artfremden Einflüssen" befreiter Neubeginn nach dem "Anschluß". Das bedeutete: Festspiele ohne jüdische Musiker, Schauspieler, Sänger, Dirigenten und Komponisten. Der jüdische Dirigent Bruno Walter, der seit Mitte der 20er Jahre überhaupt erst dafür gesorgt hatte, daß der berühmteste Sohn der Stadt Wolfgang Amadeus Mozart einen festen Platz im Programm der Festspiele erhalten hat, wurde ebenfalls aus Salzburg verbannt. Dem Mitbegründer der Salzburger Festspiele Max Reinhardt bot man eine sogenannte "Ehrenarierschaft" an. Reinhardt lehnte ab und ging nach Amerika.
Ein anderes bisheriges Aushängeschild der Festspiele, der italienische Dirigent Arturo Toscanini, hatte bereits im Februar 1938 seine Teilnahme abgesagt, als es zu einem Treffen des österreichischen Kanzlers Schuschnigg mit Hitler gekommen war. Für den hellhörigen Toscanini, der sich auch schon den Vereinnahmungsversuchen Mussolinis konsequent entzogen hatte, bedeutete dies den Anfang vom Ende der Republik Österreich. Vier Wochen später besetzten deutschen Truppen das Land.
In seiner Dokumentation "Salzburg hört Hitler atmen" beschreibt der Journalist und Dokumentarfilmer Andreas Novak detailliert wie sich die Salzburger Festspiele im Sommer 1938 in einer nationalsozialistischen Großinszenierung präsentierten. Sogar Mozart wurde ein nationalsozialistisches Relaunch verpaßt. Das Festspielplakat zeigt ihn in Herrenmenschenpose als Gott Apoll über der Stadt schwebend.
"In einer absurden Quadratur des Kreises sollten die Festspiele nun 'urdeutsch' gemacht werden, ohne ihren internationalen Charakter zu verlieren", schreibt Novak. Denn der Deutschtümelei waren Grenzen gesetzt, wollte man das ausländische Publikum nicht verstimmen.
Das Auftrittsverbot für jüdische Künstler kam für manche Nicht-Juden durchaus nicht ungelegen. Karl Böhm zum Beispiel, der bei Bruno Walter in München in die Lehre gegangen war, und nun von diesem das Mozart-Repertoire in Salzburg übernahm. Nach dem sogenannten "Anschluß" ließ Böhm sich sogar bereitwillig als Lobredner auf Hitler einspannen: "Wer dieser Tat unseres Führers nicht mit einem hundertprozentigen Ja zustimmt, verdient nicht den Ehrennamen Deutscher zu tragen", schrieb er in einem Aufsatz.
Ein Profiteur der NS-Herrschaft war auch der Dirigent Clemens Krauss, dem Goebbels 1941 die Leitung der Salzburger Festspiele übertrug. Krauss hatte sich vor allem als Interpret der Werke Richard Strauss' einen Namen gemacht. Noch am 16. August 1944 - als weite Teile des Deutschen Reichs in Trümmern lagen - dirigierte Krauss in Salzburg eine öffentliche Generalprobe von Strauss' neuer Oper "Die Liebe der Danae". Die Uraufführung fand allerdings nicht mehr statt. Am 20. August verkündete Goebbels "das Ende der deutschen Kunstproduktion".
Kaum einer der von Andreas Novak porträtierten Musiker, Sänger oder Dirigenten bei den Salzburger Festspielen während der Nazi-Zeit war überzeugter Nationalsozialist. Die meisten - wie z.B. Furtwängler oder Knappertsbusch - bewegten sich in einer Grauzone politischer Indifferenz bzw. Ignoranz, in der sie versuchten, Freiräume durch Anpassung und Wohlverhalten zu gewinnen.
Die Kunst als politikfreien Raum zu betrachten, wie Furtwängler dies tat, konnte allerdings angesichts der Politisierung aller Lebensbereiche während der NS-Herrschaft nur als Akt bewußter Selbsttäuschung erfolgreich sein, schlussfolgert Novak:
"In den Zeiten des Krieges verordnete das Regime klare Aufgaben für die Kunst. Sie war ab nun fixer Bestandteil der Wehrgemeinschaft. Sie mußte zur "Trutzburg des Geistes" werden, ein machtvolles Kampfinstrument in der Hand der Führung, eine Waffe des geistigen Kampfes. Sie hatte nun bereitzustehen an der vordersten Linie der ideologischen Front."
Als Schaufenster-Veranstaltung für eine international beachtete nationalsozialistische Kulturinszenierung haben die Salzburger Festspiele allerdings bald ausgedient. Die Zahl an ausländischen Besucher nahm schon 1938 spürbar ab. Mit Beginn des Krieges prägten dann vor allem Soldaten auf Erholungsurlaub und Verwundete das Bild der Festspielbesucher. Der Spielplan der Festspiele wurde popularisiert. Ein Versuch, den katholisch-verdächtigen "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal durch ein Heldendrama über Salzburger Nazi-Kämpfer zu ersetzen, scheiterte an der mangelnden Qualität des Stücks. Beinahe hätte es auch noch Schwierigkeiten mit drei Mozart-Opern gegeben, hat ein übereifriger Nazi doch herausgefunden hat, daß der Librettist von "Don Giovanni", "Cosi fan tutte" und "Figaro", der Italiener Lorenzo da Ponte, jüdischer Abstammung war. Das erfreute die Nazi-Oberen nicht wirklich, bangten sie doch allmählich um das verbleibende "unzweifelhafte Kulturgut". Ein "Führer"-Machtwort erging, und die drei Da-Ponte-Opern durften weiterhin aufgeführt werden. Der Name Da Ponte verschwand allerdings aus den Programmheften.
Robert Jungwirth