Herodes als Vergewaltiger

Foto: Tato Baeza

Francisco Negrin und Zubin Mehta bringen in Valencia eine vor allem szenisch recht drastische "Salome" heraus

(Valencia, 10. Juni 2010) Sie wirkt zunächst nur wie ein dummes junges Mädchen, harmlos und ungefährlich. Doch zunehmend tritt ihr wahrer, böser Charakter hervor und aus der verwöhnten Stieftochter des Herodes wird eine Besessene, die ein Drama heraufbeschwört. In der neuen und beachtlichen Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" im Palau de les Arts in Valencia bietet Regisseur Francisco Negrin, der in der Vergangenheit am gleichen Haus mit zwei ungemein fantasiereichen und witzigen Inszenierungen von Opern des Lokalmatadors Martin y Soler brillierte, ein Psychodrama, erschreckend und gleichzeitig faszinierend.
 
Salome wird von der Finnin Camilla Nylund gesungen, ein überzeugender jugendlicher dramatischer Sopran. Ihr gelingt es, das Regiekonzept Negrins ideal umzusetzen, auch wenn zu Anfang dieser Inszenierung ihre Rolle ein wenig schwach wirkt und man sich fragt, ob sie die ganze Dramatik der Salome auch wirklich ausfüllen kann. Doch nach ihrer Begegnung mit Jochanaan, gesungen von dem stattlichen Albert Dohmen, ein kraftvoller Bariton, wird aus der verwöhnten Königstochter eine dem heiligen Mann Verfallene.
 
Negrin scheint mit seiner Inszenierung zwei Seiten von Besessenheit zum Ausdruck bringen zu wollen. Negrins Salome ist anfangs nur eine schlacksige junge Frau, die ungemein verführerisch wirkt. Nach ihrer Begegnung mit Jochanaan wirkt sie hart und nur noch fixiert darauf, den Propheten für sich zu haben, ihn küssen zu wollen, lebend oder tot. Als Besessener wird auch Jochanaan dargestellt: als religiös Besessener, der fast den Verführungskünsten Salomes erliegt, sie dann aber als Abgrund der fleischlichen Hölle verteufelt.
 
Negrin bietet keinen klassischen Schleiertanz wie man ihn aus anderen Inszenierungen kennt. Salome tanzt in Valencia nicht, sondern bewegt sich recht unwillig hin und her, während Stiefvater Herodes, er wird ebenfalls wie ein Besessener dargestellt, auch gar keinen Tanz haben will, sondern nur einen Vorwand sucht, um mit Salome allein zu sein. Von Herodias und dem Hofstaat werden die beiden während dieser Szene durch eine von der Decke herunter schwebende Wand getrennt. Herodes zeigt Salome Videoclips aus ihrer Zeit als junges Mädchen: beim Spielen und halbnackt. Negrins Herodes hat eindeutig pädophile Gelüste. Salome begreift in diesem Moment das ganze Ausmaß der sexuellen Besessenheit ihres Stiefvaters. Doch bevor sie fliehen kann wird sie von diesem vergewaltigt. Bei dieser Vergewaltigung geht Herodes so aggressiv vor, dass Salome den Rest der Oper blutverschmiert ist.
 
Überhaupt zeichnet Negrin die Handlung in extrem düsteren Farben. Und dann erst der Hoftstaat des Herodes! Mit Juden, die wie Buchalter Ende des 19. Jhdts. gekleidet sind, und mit Kannibalen, die die Leiche Narraboths verzehren.
Herodias, von der dramatischen Mezzosopranistin Hanna Schwarz gesungen, ist eine gealterte, leicht hysterische femme fatal. Siegfried Jerusalem agiert als Herodes ein wenig stimmschwach. Streckenweise geht seine Stimme, im Gegensatz zu allen anderen Sängerin, in der Musik unter. 

Das gigantische Bühnenbild von Louis Désiré besteht aus einem Halbkreis, in dessen Innerem Herodes und seine Frau ihren Gelüsten nachgehen. In diesen Halbkreis, der fast den ganzen Bühnenraum einnimmt, und das will im riesigen Palau etwas bedeuten, ist eine Kugel eingelassen, die sich immer dann dreht, wenn der darin enthaltene Gefangene Jochanaan in Erscheinung tritt.
 
Zubin Methas musikalische Leitung ist tadellos und schwankt zwischen wagnerischen und straussschen Klängen. Besonders beeindruckend ist er bei den für diese Oper typischen symphonischen Zwischenspielen.
 
Die "Salome" wird im Rahmen des 3. "Festival del Mediterrani" aufgeführt. Eine musikalische Veranstaltungsreihe, die eine Idee von Intendantin Helga Schmidt ist, um nicht nur den Valencianern Musik zu bieten, sondern auch den vielen Touristen, die in dieser Jahreszeit nach Valencia kommen. Künstlerischer Direktor des Festivals ist Zubin Mehta.
Thomas Migge

"Salome", Richard Strauss
Palau de les Arts Reina Sofia, Valencia
10- bis 25. Juni 2010-06-12