Russische Schule

Das Staatliche Akademische Symphonieorchester Russlands auf Tournee mit dem jungen Geiger Sergej Dogadin

(München, 23. April 2009) Er ist gerade mal zarte 21 Jahre alt, aber wenn der Petersburger Sergej Dogadin auf dem Podium des Herkulessaals steht und mit kraftvoll sonorem Ton, sicher gesetzten Portamenti und Tempoverzögerungen, aber immer großer Sensibilität den Kopfsatz von Felix Mendelssohns e-moll-Violinkonzert spielt, dann wirkt er wie ein ganzer Mann, dem die wunderbare Geige von Jean-Baptiste Vuillaume, auf der er souverän musiziert, wie ein Zwillingsbruder ans Herz gewachsen scheint. Ganz bei sich ist er in der Solo-Kadenz, die er mit ebenso großem wie schönem Ton gestaltet. Feine Süße des Klangs, die jedoch nie klebrig wird, prägt den langsamen Satz, bevor Dogadin das Finale sehr gemessen und eigenwillig, weniger virtuos, als höchst lebendig artikulierend und akzentuierend spielt, stets mit einer guten Prise "Sommernachtstraum"-Skurrilität.

Dies war der Höhepunkt des Konzerts mit dem Staatlichen Akademischen Symphonieorchester Russlands, das hier wunderbar aufmerksam begleitete und zu Beginn Georges Bizets "L'Arlésienne"-Suite Nr. 1 mit sattem, aber nie zu breitem Sound, nur am Ende eine Spur zu schnell und zu laut und manchmal mit etwas überreizten Effekten darbot. In der staunenswerten Perfektion aller Stimmgruppen machte sich positiv bemerkbar, dass Mark Gorenstein - Chefdirigent seit 2002 - das Orchester, bei dem seinerzeit vierzig Stellen nicht besetzt waren, sichtbar und hörbar verjüngt hat, und mit ihm präzise arbeitet.

Das fällt vor allem auf, wenn man am Bühneneingang auf den 62-jährigen impulsiven Dirigenten wartet und das Defilée treppab der Musiker erlebt: zuerst die zahlreichen jungen Männer, dann die Frauen, dann die Älteren. Halbzeit ist gerade auf der Deutschland-Tournee; nach Mannheim, Stuttgart und München folgt noch Coesfeld (25.), Emden (26.) und Braunschweig (27.). Und deshalb sehen sie am Ende des Konzerts alle ein bisschen müde und abwesend aus, auch wenn sie freundlich lächeln.

Davon ist auf dem Podium auch beim Hauptwerk nach der Pause nicht das geringste zu spüren. Tschaikowskys Fünfte ist freilich auch ein Heimspiel für Orchester wie Zuhörer. Denn die ungeteilte Aufmerksamkeit des Auditoriums, insbesondere der zahlreichen Exilrussen, die auf Einladung des Orchesters kamen, war dem Orchester natürlich sicher. Wer immer Tschaikowsky - wie Adorno - hier Kitsch und dem Finale eine lärmende Aufhellung des in allen Sätzen dominierenden markanten Schicksalsthemas vorwirft, verkennt die faszinierend düstere, tragische Grundhaltung dieser Symphonie, bei der man sich - wie bei der "Pathétique"- doch immer wieder die Frage stellt, wie sehr wohl Tschaikowsy das "Komponieren als Therapie" erlebte (Constantin Floros) und nicht zuletzt das permanente Leiden an einer kaum gelebten Homosexualität kompensierte, deren "verderbliche Leidenschaften" er vergeblich "aus dem Herzen zu reißen" versuchte, wie er im Tagebuch bekennt.

Gorenstein trat die Flucht nach vorne an und schärfte Klangbild wie Tempo, gab aber auch die lyrischen Passagen das rechte Gewicht, etwa dem "mit Begehren und Leidenschaft" zu spielenden Duett von Horn und Klarinette zu Beginn des langsamen Satzes. Allerdings beachtete der Dirigent zu wenig, dass ein Orchester, das das Podium des Herkulessaals bis in den letzten Winkel besetzt, nicht allzu oft ins Fortefortissimo getrieben werden darf, sonst fliegen dem Zuhörer die gewaltigen Klangmassen nicht nur um die Ohren, sondern bohren sich geradezu in die Gehörgänge ein. Was in der Philharmonie ein Problem des Aufeinanderhörens in Orchester ist, sich aber selbst in großen Explosionen der Musik beim Publikum kaum als Überdruck bemerkbar macht, klingt im Herkulessaal auf dem Podium perfekt, aber in der 9. Reihe allzu massiv. Dennoch hatte die Valse des dritten Satzes enormen Charme, kulminierte der Satz in einem wilden Tanz à la "Eugen Onegin". Am Ende aber brach die Schluss-Stretta wie eine Naturgewalt über den Hörer herein und verfehlte ihre niederschmetternde Wirkung nicht.

Klaus Kalchschmid