Jossi Wieler und Sergio Morabito dringen in Salzburg in die Tiefenschichten von Dvoráks "Rusalka". Franz Welser-Möst dirigiert das Cleveland Orchestra
(Salzburg, 17. August 2008) Das gewaltige Buh-Gewitter am Ende hatten Jossi Wieler und Sergio Morabito nach ihrer "Rusalka" im Haus für Mozart wahrlich nicht verdient. Aber dem Salzburger Premierenpublikum reichten die kunstvollen, sehr präzise eingesetzten Projektionen von Wald und Wasser, Fischen und Quallen nicht, um Innenräume wie ein Edel-Bordell mit weißen und roten Lacksofas samt Mini-Meerjungfrau-Brunnen oder den späteren, sterilen Schicki-Micki-Treff im Trachtenlook mit weißem Flügel und neon-leuchtendem Herrgottswinkel goutieren zu können. Unverzeihlich war wohl auch für die in dieser Szene gespiegelten Festspielgäste, dass die Drehbühne umgeben war von zivilisierter Natur in Form eines riesigen Bretterverschlags, der sich auch über die Proszenien links und rechts erstreckte und mit seinen Milchglaslampen Assoziationen an eine Sauna wecken mochte (Bühne: Barbara Ehnes).
Dabei hatte das Regie-Duo nichts anderes getan, als die Andeutungen und Anspielungen Dvoráks und seines Librettisten Jaroslav Kvapil zum Thema erwachende Sexualität eines jungen Mannes und einer jungen Frau, mangelndes seelisches Einfühlungsvermögen und die zerstörerischen Kräfte von erotischen Urtrieben an die Oberfläche zu holen. Also sind die Waldnymphen (ein wunderbar aufeinander abgestimmtes Terzett: Anna Prohaska, Stephanie Atanasov und Hannah Esther Minutillo) eher leichte Mädchen als unschuldige Naturkinder, die Hexe Jezibaba (Birgit Remmert mit sattem Alt) eine Art Puffmutter mit Gehwagen und Schuhtick, der Wassermann (Alan Held mit profundem Bassbariton) väterlicher Zuhälter. Also wird Rusalka an ihrem Hochzeitstag im weißen Brautkleid zur Puppe, die in ein Biedermeier-Rüschen-Kleid geschnürt ist und zum buchstäblichen Spielball einer aufgetakelten Festgesellschaft wird. Am Ende tötet sie sich selbst aus Verzweiflung über den Verrat des Prinzen, der, schnell überdrüssig ihrer Schüchternheit, Stummheit und vermeintlichen Kälte, seine körperliche Begierde mit der "Fremden Fürstin" (Emily Magee mit fülliger Sopranattacke) ausleben will, dafür aber am Ende geohrfeigt wird.
Deutlicher als bei Dvorák/Kvapil wird im Schlussbild die seelische Zerrüttung des Prinzen, dessen Zerrissenheit sich mehrfach in körperlichen Konvulsionen äußert. Piotr Beczala singt nicht nur einen großartig differenzierten Prinzen mit Schmelz, tenoraler Durchschlagskraft und perfekter tschechischer Artikulation, sondern gestaltet am Ende musikalisch und im Spiel geradezu erschreckend die Auflösung einer Persönlichkeit, die Rusalka nur noch als eine den Geist endgültig verwirrende Erscheinung erlebt. Camilla Nylund stattet Rusalka kaum weniger intensiv mit den nach einer Stimmkrise und Babypause wiedergewonnenen Facetten ihres lyrischen Soprans und leuchtenden Spitzentönen aus, spielt anfangs im Schuppenkleid tatsächlich eine sich auf der Bühne schlängelnde Nixe, der erst schmerzhaft die Beine breitgemacht werden müssen, bevor sie auf schwarzen High Heels unbeholfen in die Menschenwelt stolpert. Nur ein kurzer Moment des Glücks ist den beiden gegönnt, wenn sie sich vor den Hochzeitsgästen gemeinsam spielerisch auf dem Boden wälzen, sie in Erinnerung ihrer Jugend, er im Bewußtsein, dass seine Braut endlich aus sich herausgeht, bevor der Mann sich der Kindlichkeit seines Tuns bewusst wird und verstört von dannen rennt.
Franz Welser-Möst setzt mit dem brillant spielenden Cleveland Orchestra auf schneidende, bläserbetonte dramatische Trennschärfe und klaren Klang. Wer schwelgende Romantik erwartet hatte, sah sich hier enttäuscht, aber zur Inszenierung, die Entzauberung und psychologische Tiefe, konkretes Spiel und Zeichenhaftigkeit vereint, passte dies hervorragend.
Klaus Kalchschmid
Weitere Vorstellungen am 20., 26. und 28. August (19.30 Uhr) sowie am 23. August (15 Uhr). www.salzburgfestival.at