Blessuren in menschlichen Abgründen

Petra Schmitz ist Rusalka Foto: MiR

Am Musiktheater im Revier inszeniert Elisabeth Stöppler Antonin Dvoraks letzte Oper "Rusalka"

(Gelsenkirchen, 29. April 2012) Während des Vorspiels öffnet sich bereits der Blick auf die Bühne - ein grell weißer, von oben indirekt beleuchteter Guckkasten (Bühnenbild: Annett Hunger). Er ist zunächst eine öde Geisterwelt, dann eine von schwarzen Anzugmännern herrisch durchdrungene Menschenwelt, die mit Wandschmierereien verunstaltete Zelle einer Wahnsinnigen, zum Schluss ein Schlachtfeld. Scheinwerfer werfen Lichtkegel und fokussieren. Nur die Personen bestimmen den Raum und eine dramatische Geschichte. Ein naives Naturkind träumt von der großen Liebe. Und scheitert, denn den Irrungen und Wirrungen der menschlichen Liebe ist sie nicht gewachsen. Ihre kühle absolute Liebe wird zeitweilig von einer leidenschaftlichen Gräfin ausgebootet, das hält sie nicht aus. Und der Prinz erkennt zu spät, dass Leidenschaft und Liebe nicht dasselbe sind.

Musikalisch nutzt Antonin Dvorak die Ausweglosigkeit für ein romantisch glänzendes Finale. Die gescheiterte Liebe endet in einem großartigen Liebestod. Während Rusalka zu pathetischen Schlussklängen ein Hymne an die Schönheit und im Anschluss für den armen Menschen, der da vor ihr liegt, Gott um Gnade bittet, öffnet sich der Guckkasten nach hinten in den Raum. Rusalka entschwindet mit einem Quäntchen Hoffnung. Worauf? Vielleicht doch nicht ein Leben lang als Irrlicht Schiffsfahrer ins Verderben stürzen zu müssen. Als küssende Erlöserin ist sie heilsgeschichtlich selbst ein bisschen mit erlöst worden - das lässt die Geschichte allerdings offen und auch die Inszenierung.

Rusalka, 1901 uraufgeführt, war schon am Prager Nationaltheater ein großer Erfolg und ist bis heute Antonin Dvoraks bühnenmusikalisches Chef d'oeuvre geblieben. Herrlich sinnliche und schwelgerische Musik, melodienseelig und mit einer prächtigen Ballmusik, unbeschwerte Folklore, aber auch mit dramatisch düsteren Momenten. Leitmotivisch sind die drei durchkomponierten Akte miteinander verbunden, für die Jaroslav Kvapil das Libretto entwarf. Frei nach Hans Christian Andersens "Die kleine Meerjungfrau" und Friedrich de la Motte Fouqué romantischer Erzählung "Undine".

Die böhmische Undine, die ewige Außenseiterin - die einen Akt lang sogar ihre Stimme verliert - ist im Musiktheater im Revier keine Märchennixe. Regisseurin Elisabeth Stöppler entwickelt krasse und symbolgeladene Bilder. Lässt Menschen aufeinandertreffen und reagieren. Rusalka ist eine Liebeskranke mit strubbelig blonden Haaren im weißen Hemd. Sie passt von vorneherein auch nicht in die Geisterwelt, den Klempner-Wassermann im Blaumann und Gummistiefeln oder die Strapsen-Elfen. Die Männergesellschaft macht aus ihr eine lächerliche auf Higheels staksende Braut in grellrotem Kleid. Am Anfang des dritten Akts - verstoßen vom Prinzen und von ihren Wasserschwestern (Frauenchor hinter der Bühne), die sie nicht mehr zurückkommen lassen wollen - ist sie dem Wahnsinn nahe, schmiert ihr rotes Kleid und die Wände mit schwarzer Farbe voll. Keiner kann ihr mehr helfen. Der Wassermann, der die ganze Oper über sein: "oh weh, wie bleich bist du, Rusalka!" rausläßt, schon gar nicht.

Auch die Waldelfen haben sich Blessuren in den menschlichen Abgründen geholt. Sie tauchen blutbeschmiert aus einer Bodenluke auf. Die kühle Rusalka will ihren Glauben an die wahre Liebe trotzdem nicht verraten. Der Prinz kann sie auch nicht vergessen und kehrt mit seiner Lektion zu ihr zurück. Er wünscht sich den finalen Liebestod per Kuss, der die Guckkastenwelt sprengt.
Nicht alles ist logisch, zum Beispiel der Jäger, der nach seinem leider zu tief intonierten Jagdlied (Rafael Bruck) zum Spielmacher und ständig mit der Flinte rumfuchtelt. Gespielt wird was das Zeug hält. Und Petra Schmitz als Rusalka und Lars-Oliver Rühl als Prinz füllen die Hauptrollen mit bedingungsloser Hingabe aus. Petra Schmitz zieht mimisch und gestisch alle Register, um von der Sehnsucht in den Wahnsinn zu gelangen.

Der Prinz macht verschiedene Liebhaber-Attitüten wirklich glaubhaft: den hingebungsvoll Liebenden aber auch den Contenance-wahrenden Chef auf dem Hofball, und den liederlich charmanten Hofgalan, der einer Nebenbuhlerin nachstellt und seiner Braut die kalte Schulter zeigt. Und man möchte gar nicht wissen, was es bedeutet, als Mann nackt in einer Liebesszene auf einer Opernbühne zu bestehen. Dieser gewagte Regiegriff wurde im finalen Liebestod Gottseidank nicht wiederholt, was eigentlich logisch gewesen werde. Die beiden großen Liebesszenen im ersten und letzten Akt (dann bekleidet) sind jedenfalls große musikalische Höhepunkte. Stimmlich glänzt Schmitz vor allem mit zarten und innigen Tönen - nicht zuletzt im berühmten Lied an den Mond. Lars-Oliver Rühl gestaltete mit viel Farbe und große Melodiebögen seine Tenorpartie, nicht immer ganz frei in der Höhe. Die Nebenfiguren des Hegers, der Buffo-Bartion Pjotr Prochera und Alfia Kamalova als Küchenjunge stahlen bei ihren Auftritten dem großen Paar ein bisschen die Show. Insgesamt eine großartige Leistung des Hausensembles. Die Neue Philharmonie im Graben ließ die große Partitur leuchten. Wer an die Kraft von Märchen glaubt ohne Märchen sehen zu wollen, der sollte sich die Gelsenkirchener Rusalka nicht entgehen lassen. Denn spielerisch, stimmlich und musikalisch ist hier packendes Theater zu erleben.

Sabine Weber


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