Der Dirigent, Bratscher und Bearbeiter Rudolf Barschai ist tot
Eigentlich war er schon ein Pionier der historischen Aufführungspraxis, bevor es sie gab - in Russland war die Barockmusik bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts völlig vergessen. Erst ein Gastspiel des Münchner Kammerorchesters von Wilhelm Stross elektrisierte den jungen Geiger Rudolf Barschai so, daß er diese Musik auch für seine Heimat zu neuem Leben erwecken wollte. Und da er sie sich aus eigener Anschauung der Noten ganz selbständig erarbeitete, hatte sein Moskauer Kammerorchester nicht nur in der Sowjetunion durchschlagenden Erfolg, sondern erntete auf internationalen Tourneen und mit vielverkauften Schallplatten auch Weltruhm.
Den Eigensinn und die Selbständigkeit hatte er sich unter den Umständen des Stalinismus früh antrainiert - 1948 erlebte er den Ketzerprozeß gegen Prokofjew, Chatschaturjan und seinen Lehrer Schostakowitsch, als die besten sowjetischen Komponisten als "Formalisten" verurteilt und aus ihren Ämtern gejagt wurden. Gemeinsam mit seinen Mitschülern reichte er einer Konservatoriumsprofessorin, die ein Übermaß an Anpassung leistete, einen Zettel aufs Podium der Versammlung: "Wann haben Sie gelogen - heute hier oder bei uns im Unterricht?" Vor allem aber lernte er da, was Musik vermag. Er verstand die Doppelbödigkeit von Schostakowitsch und begriff, daß die Musik für viele Menschen ein Bereich war, in den die tägliche Lüge nicht eindrang - solange die Interpreten sich um die Wahrheit bemühten, was freilich auch nicht immer der Alltag war.
Daß die Musik für Rudolf Barschai eine existentielle Sache war, hatte sich relativ spät gezeigt; er war schon dreizehn, als sie ihn in der Schule überfiel, und man erklärte ihm, daß das viel zu spät sei, um noch Geige zu lernen. Doch dank seines Eigensinns brachte er es immerhin dazu, daß man ihn in die Moskauer Spezialschule für Musik aufnahm und daß er schließlich beim besten aller russischen Geigenprofessoren in die Lehre gehen konnte, bei Lew Zeitlin. Und doch wurde es nicht die Geige, auf der er ein weltweit geschätzter Solist wurde, sondern die Bratsche. Der Student Barschai hatte nämlich entdeckt, daß er ein Quartettmensch war, und weil sich für sein Streichquartett kein ebenbürtiger Bratschist finden ließ, übernahm eben er dieses Instrument; das war übrigens die Geburtsstunde des Borodin-Quartetts, das noch heute mit dem Cellisten der ersten Stunde, Valentin Berlinsky, um die Welt tourt.
Im Moskauer Kammerorchester entwickelte Rudolf Barschai sich in den 50er Jahren schließlich zum Dirigenten. Der Reichtum des Moskauer Musiklebens der 60er Jahre ist kaum vorstellbar: Zu Barschais Partnern gehörten nicht nur die sagenhafte Marina Judina, die vor allem bei Mozart Wert darauf legte, als Klaviersolistin nicht übergangen zu werden, sondern auch David Oistrach, Swjatoslaw Richter (der in seinen späten Jahren mit keinem anderen Dirigenten mehr zusammenarbeiten wollte), Emil Gilels, Mstislaw Rostropowitsch und zahllose andere brillante Musiker. Der Sozialismus förderte die Talente ebenso wie er sie oft wieder vernichtete, und er brachte Persönlichkeiten hervor, die etwas zu sagen hatten. Mit ihren Gastspielen bereicherten sie auch das westliche Musikleben, und Yehudi Menuhin wurde sein häufiger Partner. Doch nachdem Schostakowitsch 1975 gestorben war, wurden für Barschai die Behinderungen und Schikanen der Bürokratie eine so große Belastung, daß er sich, wie sein Kollege Kyrill Kondraschin, zur Emigration entschloß.
Da sein Vater aus einer jüdischen Familie aus Weißrußland stammte (die im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Armee ausgelöscht wurde), während seine Mutter aus einem alten Kosakengeschlecht kam, das sich einer alttestamentarischen Sekte angeschlossen hatte, stand Barschai die Emigration nach Israel offen - sein Freund Isaak Stern half ihm bei den ersten Schritten, und Golda Meir war sein erster Fan als Chef des Israelischen Kammerorchesters. Inzwischen zog es ihn jedoch schon zum großen symphonischen Repertoire, er ging bald nach England und übernahm die Leitung des Bournemouth Symphony Orchestra samt der britischen Staatsbürgerschaft.
Und nun zeigte sich, was sich schon mit der Aufnahme der Beethoven-Symphonien beim Moskauer Kammerorchester angedeutet hatte, daß Rudolf Barschai durch die gründliche Durcharbeitung der Musikgeschichte zu einem der bedeutendsten Interpreten auch des klassisch-romantischen Repertoires herangereift war. Die Schule seines Geigenlehrers Lew Zeitlin leitete sich von der Wiener Geigenschule her, und so hatte er schon mit der Ausbildung die Prinzipien der Wiener Musik verinnerlicht - die auch für Schostakowitsch eine der entscheidenden Grundlagen war. Barschais letzte Schostakowitsch- und Mahler-Aufnahmen ernteten internationale Preise - sie waren die genauesten. Mahlers Zehnte dirigiert er in einer eigenen Rekonstruktion, die die Leerstellen der Cooke-Fassung durch sinngemäße Hinzufügungen zum vollen Klang ergänzt und dabei manchmal schon Schostakowitsch hervorlugen läßt. Bei Schostakowitsch hatte er das Handwerk des Komponisten gelernt und mit dessen Achtem Streichquartett seine Laufbahn als Bearbeiter begonnen, das in der Barschai-Fassung als Kammersymphonie zum Kernrepertoire aller Kammerorchester gehört. Ihm sind etliche weitere Werke gefolgt. Ein Work in progress aus der Studentenzeit war seine bedeutende eigene Vervollständigung der Kunst der Fuge von J. S. Bach.
In den letzten Jahren hatte diese Reihe eine kontinuierliche Erweiterung durch neue Stücke erfahren, die Barschai einem breiteren Publikum zugänglich machen wollte. Seine Gastspiele führten ihn regelmäßig auch nach Japan. Auch dort schätzte man seine rein der Sache gewidmeten Auftritte, die keine Ego-Show waren, sondern die Musik von innen heraus zum Leuchten und zum Sprechen brachten. Am Dienstag Abend ist Rudolf Barschai im Alter von 86 Jahren in seinem Haus in der Nähe von Basel verstorben.
Bernd Feuchtner