Da hat wahrscheinlich die Probenzeit gefehlt, denn die ist für den Chor in Salzburg in der Regel knapp bemessen. Aber die vom deutschen Groß- und Kleintheater bis zur Neige ausgekosteten Koffer und Judenhüte? Das ist Regiehandwerks-Meterware, genauso wie die religiösen Textilien der Hebräer oder der glatzköpfige ägyptische Oberpriester mit Sonnenbrillen oder der Auftritt des Boten, der hereinstürzend und auf den Boden sinkend schlechte Nachrichten von der Front bringt. Kann einem da wirklich nichts anderes einfallen?
Dabei gäbe es - die Operngeschichte im Sinn - gerade in der Personenführung vieles, was zur Strukturierung Anlaß gäbe: Rossini behandelt die Stimmen von Pharao und Moses rezitativisch. Moses hat keine, der Pharao keine "echte" Arie, wie überhaupt die ganze Oper mit erstaunlich wenig Arien auskommt und sie - mit Ausnahme der großen Szene der Anaï - nicht an die große Glocke hängt. Könnte man sich nicht denken, daß Schönberg von Rossini Anregungen erhalten hat? Sollte man nicht von Schönberg wieder zu Rossini zurückdenken und Moses und den Pharao auch in den Massenszenen stärker hervorheben?
Und die Statik? Natürlich wäre es leicht, dem allgemeinen Vorurteil nachzugeben und zu sagen: Muti will das eben so, und Flimm hat sich dem gebeugt. Aber so einfach ist es nicht: Moïse et Pharaon ist eine Choroper, und zumal die ersten beiden Akte haben oratorienhafte Züge, die es dem Regisseur nicht leicht machen, damit phantasievoll umzugehen. Auch der permanente Wechsel zwischen großen Tableaus und intimen Szenen wirft Probleme auf. Flimm behilft sich mit diversen Bühnenausschnittsverkleinerungsaktionen, die immer dann, wenn der Chor ausgeblendet werden muß, zum Einsatz kommen.
Ein weiteres wichtiges Element der Inszenierung sind die deftigen biblischen Texte, die wiederholt auf den Vorhang oder Zwischenvorhang projiziert werden. Das führt zwar zuweilen zu reizvollen Kontrasten, wenn zur (von Riccardo Muti als unverzichtbar angesehenen) graziösen Ballettmusik in altertümlichen Sätzen von grausigen blutigen oder ökologischen Katastrophen berichtet wird. Doch oft wird das, was zu lesen ist, durch die (dahinter gezeigte, stumme) Darstellung nur verdoppelt.
Auch die Verteilung der großen Pausen ist schwer nachzuvollziehen. Sie wurde, wie dem Beizettel im Programmhaft zu entnehmen ist, wohl nachträglich geändert. Am Schluß geht man dennoch versöhnt aus dem Festspielhaus: Erstens ist der 4. Akt auch szenisch am besten gelungen, und das Gebet der Hebräer, das Flimm in fast italienischer Manier als großes Gemälde präsentiert, ist einer der anrührendsten Momente der Operngeschichte, der einen nicht kalt läßt. Und zweitens sind die Rollen sängerisch gut bis hervorragend besetzt. Ildar Abdrazakov setzt seine dunkle Moses-Stimme auch ohne Arie gut in Szene, Eric Cutler läßt vergessen, wie schwierig und mit Acuti gespikt die Partie des Aménophis ist, Juan Francesco Gatell bewältigt die Rolle von Moïses Bruder Élizér ohne Tadel. Nur Nicolo Alaimo (Pharao) und Alexey Tikhomirov (als monokolor röhrender Hoheprister Osiride) fallen etwas ab.
Geradezu sensationell singen die Frauen: Marina Rebeka als Anaï, Barbara di Castri als ihre Mutter Marie und Nino Surguladze als Frau des Pharao. Was täten wir wohl ohne den nicht versiegenden Nachschub an Sängern aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion?
Am Schluß verschwindet das ägyptische Heer in der Finsternis des Roten Meeres. Da sind die Bilder stimmig und gehen mit der Musik: Kein gewaltig koloriertes Fresko einer untergehenden Armee wird hier gezeichnet, kein pompöser Chor beschließt die Oper, sondern ein langes Diminuendo des Orchesters, das ein wenig an Mendelssohns "Meeresstille und glückliche Fahrt" erinnert. Rossini serio, das ist auch im Einfallsreichtum der Musik eine Erfahrung wert.
Anton Sailer