Das Rossini Opera Festival in Pesaro präsentiert in diesem Sommer zwei Raritäten: "Sigismondo" und "Demetrio e Polibio" sowie als Wiederaufnahme "Cenerentola"
(Pesaro, im August 2010) Pesaro, die Geburtsstadt Gioachino Rossinis, wartet seit 30 Jahren im Sommer mit mit einem besonderen Gastgeschenk auf: Dem Rossini Opera Festival (ROF), das in einen größeren Rahmen eingebettet ist, in dem eine Gesangsakademie den Rossinigesang lehrt und in dem sukzessive eine kritische Gesamtausgabe der Werke des Komponisten herausgegeben wird. Außerdem liegt Pesaro am Meer, man kann also - Ombrellone an Ombrellone - die adriatische Art des Badens in Anspruch nehmen, am Abend bei Lorenzo und Bibo besten frischen Adriafisch genießen und - so man Lust hat - Orte wie Urbino besuchen oder einfach in den gut sortierten Buchläden stöbern.
Klein und fein ist das Rossini-Festival. Drei Opern des "Schwans von Pesaro" werden jeden August gezeigt. Dazu kommen in den letzten Jahren eine Opernproduktion der Rossini-Akademie mit jungen Sängern, Liederabende und andere Veranstaltungen, die das Werk des namensgebenden Komponisten von allen erdenklichen Seiten beleuchten und umkreisen.
Klein und fein und ideal ist auch das für die Opern des Meisters wie geschaffene "Teatro Rossini", in dem heuer zwei der drei Opernproduktionen gezeigt werden. Nur die Wiederaufnahme von Luca Ronconis legendärer "Cenerentola" aus dem Jahr 1998 mußte wegen des ausladenden Bühnenbildes in die sportliche "Adriatic Arena" an der Peripherie Pesaros ausweichen. Sie ist vor allem jenen zu empfehlen, die die originalen Aufführungsserien mit Vaselina Kassarova und Juan Diego Florez in den Hauptrollen nicht gesehen haben. Zu stark ist die Erinnerung an die noble Erscheinung des Tenors, bei dem man von der ersten Sekunde ahnte, daß nur er der Märchenprinz Don Ramiro sein konnte, und an den körperlichen Zustand der Angelina-Cenerentola, auf den der ominöse Storch anspielte, der sie vom Haus Don Magnificos durch die Theaterlüfte in den Palast des Prinzen transportierte.
Das soll nun beileibe nicht heißen, daß die "Cenerentola" schlecht sei, auch wenn man ihr das Wiederaufnahmen ohne den originalen Regisseur an vielen Kleinigkeiten anmerkt, an nicht zu Ende gedachten Zuspitzungen ebenso wie an klamaukigen Momenten und vor allem an den szenischen - nicht vokalen - Ratlosigkeiten der Sängerin der Titelrolle, Marianna Pizzolato. Auch Lawrence Brownlee macht seine Sache als Don Ramiro gut. Und Yves Abel führt das Orchester und den Chor des Teatro Comunale di Bologna mit feinem Rossini-Gefühl durch den Abend.
Diese Pesareser Buchhandlungen mit den wunderbarsten Musikbüchern! Besonders die eine mit dem Buchhändler, der alle Bücher selbst gelesen zu haben scheint und bei dem wie zufällig ein kleiner Reprint von Ferdinand Hillers "Plaudereien mit Rossini" aus dem Jahr 1868 (in der neuen, kommentierten Ausgabe von 1993) nur auf den zweiten Blick gut sichtbar drapiert ist. Auf hundert kleinen Seiten erzählt hier der italienische Maestro aus seinem Leben, offenbart sein profundes Wissen über die Musik und die musikalischen Zustände seiner Zeit und kommt unter anderem auch auf seine erste Oper "Demetrio e Polibo" zu sprechen, die er für eine reisende Opernfamilie, die Mombellis, geschrieben hatte. Er und die Legende sagen, im Alter von dreizehn(!) Jahren; die kritische Wissenschaft meint, es sei einige Jahre später gewesen.
Wie auch immer: Domenico Mombelli versorgte den jungen Komponisten peu a peu mit dem Libretto (das seine Frau geschrieben hatte). "Er gab mir Worte bald zu einem Duett, bald zu einer Ariette, und bezahlte mir ein paar Piaster für jedes Stück, was mich zu großer Thätigkeit anspornte. So brachte ich es, ohne es zu wissen, zu meiner ersten Oper", erzählte Rossini dem deutschen Musiker.
Was dabei herausgekommen ist, verdient - auch wenn manche Stücke darin nicht von Rossini, sondern von Mombelli stammen dürften, und das ganze Werk auf einer ersten Revision der Quellen fußt und eine kritische Edition noch aussteht - alle Achtung. Davon kann man sich beim diesjährigen Festival überzeugen. Die Musik changiert ein wenig zwischen Noch-Mozart-und-Salieri, schon Rossini und - im Einleitungschor zum 2. Akt - einer nicht zu überhörenden Vorausahnung auf Verdi.
Die Inszenierung Davide Livermores geht in Richtung freie Phantasie; ganz in sich schlüssig ist sie nicht: Nach Ende einer Vorstellung beleben sich Bühne und Kostümdepot, schweben Kerzen durch den Raum, entsteigen eine Figur im Rokoko-Kleid und ein Mann im roten Romantik-Kostüm dem Theaterboden. Sie sollen wohl bedeuten, dass diese Oper zwischen Klassik und Romantik oszilliert, verdoppeln sich, verdichten sich zuweilen zu handelnden Personen, die eine - wie immer reichlich konfuse und vertrackte - Geschichte aus der syrisch-parthischen Antike um Väter, Könige, Töchter und falsch zugeordnete Söhne zwischen Spiegeln, brennenden Handflächen und ganzen Kostümkaskaden darzustellen und zum guten Ende zu führen versuchen. Am Schluß kriegen sich die Kinder und die Könige versöhnen sich. Der große Applaus für die Sänger, den Prager Kammerchor und den Dirigenten Corrado Rovaris zeigt, daß der musikalische Teil der Aufführung auf solidem Fundament steht.
Die zweite Neuproduktion dieses Jahres galt dem bei der Uraufführung in Venedig durchgefallenen (und seitdem systematisch unterschätzten) "Sigismondo", einer jener Rossini-Opern, in denen der Komponist eifrig sich selbst zitiert oder sich Zitierenswertes für spätere Werke (wie den "Barbier von Sevilla" oder "La Cenerentola") einfallen ließ. Die reichlich verworrene Geschichte um den von schlechtem Gewissen geplagten polnischen König Sigismondo, der einst in irregeleiteter Eifersucht seine Frau Aldimira umbringen ließ, wird von Damiano Michieletto mit starker dramaturgischer Hand in die Zeit des 1. Weltkriegs verlegt: Der König ist in einer Irrenanstalt gelandet und wird nach den üblichen Intrigen geheilt, als er bemerkt, dass seine Frau einst gerettet wurde und nun als vermeintliche Egelinda wiedergekehrt ist. Der Plot könnte durchaus von Rosamunde Pilcher sein.
In dieser Produktion mit dem Chor und des Orchester des Teatro Comunale di Bologna unter Michele Mariotti wird nicht nur schwungvoll musiziert und von allen Protagonisten hervorragend und stilsicher gesungen, sondern auch eine spannende Handlung vorgeführt, die vor allem der unübertrefflichen Daniela Barcellona Gelegenheit bietet, in der Titel-Hosen-Rolle ihre virtuosen Koloraturqualitäten auszuspielen. Antonino Siragusa meistert die höchsten-Tenortöne des bösen Ladislao mit Bravour, Olga Peretyatko glänzt mit ihrem Aldimira-Sopran, und Andrea Concetti führt seinen beweglichen Baß gekonnt durch alle Farben und Register der Partie. Da tobt das verständige Publikum des Teatro Rossini, das diesen Namen seit den 1980er-Jahren, als das Festival erfunden wurde, wieder zu Recht trägt.
Derek Weber
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