Seelentöne

Renée Fleming und Christian Thielemann Fotos: DG und Astrid Ackermann

Christian Thielemann, die Münchner Philharmoniker und ein Staraufgebot an Sängerinnen und Sängern präsentierten einen rundweg überwältigenden konzertanten "Rosenkavalier" in der Münchner Philharmonie

(München, 6. Februar 2009) "Komödie für Musik" nannten Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss ihre zweite gemeinsame Oper "Rosenkavalier" im Untertitel. Damit wollten beide die untrennbare, symbiotische Einheit von Text und Musik ausdrücken - auch wenn Hofmannsthal, der Sprachsensibilist, in einem Brief an Strausss zu bedenken gab: "Es ist natürlich unmöglich, dass wir die fertige Spieloper so nennen. Es ist sprachlich unmöglich, denn Komödie für Musik heißt: Komödie, die bestimmt ist, in Musik gesetzt zu werden. Dieser unmögliche Titel würde uns den chronischen Witz eintragen, dass Ihre Musik eben keine Musik sei, und die Oper noch immer darauf warte, in Musik gesetzt zu werden."

Dennoch, sie beließen es bei der schönen und eigenwilligen Gattungsbezeichnung, und der "chronische Witz" blieb den beiden doch weitgehend erspart, dafür wurde ihr "Rosenkavalier" zu einer der meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts. Was natürlich auch eben an dieser phänomenalen Einheit von Text und Musik liegt. Die sprachlichen Ebenen, die Hofmannsthal hier für den unterschiedlichen Stand der handelnden Personen kreierte, finden in der Musik, zum Teil mit dem gleichen melodischen Material, aufs Subtilste ihre Entsprechung. Das macht neben der Zeichnung der seelischen und zwischenmenschlichen Befindlichkeiten den großen Zauber dieser Oper aus.

Christian Thielemann, der zweifellos bedeutendste Strauss-Dirigent unserer Tage, hat diese Oper natürlich schon mehrfach dirigiert. Die konzertante Aufführung in der Münchner Philharmonie - nach einer szenischen Aufführung in Baden-Baden - war aber auch für ihn wohl ein Novum. An die sachlich-kühle Atmosphäre dieser überdimensionierten Konzerthalle mußten sich - so schien es - zunächst erst einmal alle gewöhnen, Publikum wie Sänger und Dirigent. Unter diesen Bedingungen eine Komödienstimmung, oder überhaupt irgendeine Stimmung aufkommen zu lassen, ist nicht gerade leicht. Und so standen die Marschallin und Octavian bei ihrem morgendlichen Tete à Tete ganz nah beieinander und versuchten so ein wenig Boudoir-Atmosphäre zu kreieren. Dass dies nach ganz kurzer Zeit tatsächlich gelang, man sich als Zuhörer die Kulissen um die Figuren wie von selbst dazu imaginierte, war ein Zeichen für die Qualität dieser in vielerlei Hinsicht herausragenden Aufführung.

Denn Dirigent, Orchester und Sänger bildeten - vielleicht gerade wegen der widrigen Umstände - eine solche musikalische Einheit, wie man sie auf der Opernbühne nur selten erlebt. Selbst wenn Thielemann sich auf seinem Dirigentenstuhl im 360-Grad-Winkel drehen mußte, um den neben und hinter ihm stehenden und gehenden Sänger(innen) ihre Einsätze zu geben, während er vor sich das Orchester hatte, hatte er jede Sängerin, jeden Sänger zu jeder Zeit mit Adleraugen im Blick, führte und leitete sie oder ihn mit der einer Hand, während die andere das Orchester modellierte, Farben und Stimmungen hervorkitzelte. So entstand ein brillant changierender Orchesterklang mit flottem, aber niemals gehetztem Tempo, durchdrungen von Geist und transparentem Schönklang, seelenvoller Tiefe und komödiantischem Witz. Mal drückte sich in ihm die Ungeduld des Herzens (Sophie und Oktavian) aus, mal die wehmütige Großherzigkeit der Marschallin oder die ungestüme Vergeblichkeit des Ochs oder die nervöse Aufgeregtheit des Emporkömmlings Faninal. Eine herausragende Leistung dieses Orchesters, die man sich auf CD wünschen würde. Dass ein Konzertorchester wie die Münchner Philharmoniker solche Qualitäten als Sängerbegleiter entwickeln kann, das ist schon verblüffend zu hören.
Kaum je wird man Hofmannsthals und Strauss' "Komödie für Musik" so dem Titel entsprechend interpretiert gehört haben wie an diesem Abend in der Münchner Philharmonie.

Woran freilich auch die Glanzleistungen eines Staraufgebots an Sängerinnen und Sängern Anteil hatten, das Thielemann selbst als "galaktisch" bezeichnete. Renée Fleming verlieh der Marschallin ein nobel-leuchtendes Timbre, mit zart-intensiven Seelentönen. Dagegen hob sich die kraftvoll, erdige Stimme von Sophie Koch als Octavian auf ideale Weise ab. Sie hatte es erfreulicherweise auch gar nicht nötig, das Virile überzubetonen, was leider allzu oft geschieht und eigentlich immer peinlich wirkt. Bei ihr gab es in keiner Sekunde irgendeine Peinlichkeit - egal ob sie nun den jungen Mann Octavian oder das ausgestellt dämliche Mariandl spielte. Ja, spielte, denn auch ohne Bühnenbild und Kostüme agierten die Sänger zumindest teilweise als Schauspieler. Kein Regisseur hat ihnen die Bewegungen diktiert, vielmehr kamen sie aus ihnen selbst, geleitet von der Musik.

Sensationell, mit glockenreinem Sopran und unschuldsvoller, aber gleichzeitig erotisiert kribbelnder Anmut: Diana Damrau als Backfisch Sophie. Franz Hawlata gab einen gar nicht polternden jovialen Ochs, kein tumbes Ungetüm, sondern ein fast schon bemitleidenswerter Außenseiter, der es einfach nicht kapiert, wie daneben er ist und damit fast schon tragische Züge erhielt. Stimmlich fügte er sich hervorragend in dieses relativ junge Ensemble. Aus der ersten Garde sind natürlich auch Franz Grundheber als Herr von Faninal zu nennen - er verlieh dieser oft etwas unterbelichteten Rolle musikalische und darstellerische Kontur und Prägnanz - sowie Ramón Vargas mit dem Kurzauftritt als "Sänger" - hier konnte Strauss endlich einmal ohne Scheu wie Puccini komponieren... Vargas strahlte tenoral, wie man es sich nur wünschen konnte.

Bis in die kleinsten Rollen hinein war die Besetzung exzellent, das gilt auch für den Philharmonia Chor Wien und den Kinderchor des Staatstheaters Karlsruhe.
Nach gefühlten zwei Stunden (reale vier) überhöhte das umwerfend gestaltete legendäre Schlußterzett das Bühnengeschehen ins Überirdische, und man schwebte beglückt und beseelt nach Hause.

Robert Jungwirth