Charles Gounods "Roméo et Juliette" als Premiere bei den Salzburger Festspielen
(Salzburg, 2. August 2008) Dies war wohl die mit am meisten Spannung erwartete Premiere der Salzburger Festspiele 2008: Charles Gounods "Roméo et Juliette" am Samstag Abend in der Felsenreitschule. Die "klassische" Prominenz drängelte sich, Thomas Gottschalk wurde gesichtet, Guido Westerwelle und Partner eilten durch die Menge, Peter Löscher und Gerhard Cromme lauschten für den Hauptsponsor Siemens. Die Präsidentin der Festspiele gab einen eigenen Pausenempfang im Separée. Wie es sich gehört für das Format der Salzburger Festspiele, ging es weniger um das Werk selbst (Gounods erfolgreiche Überführung der "Grand Opéra" zum "Drame lyrique") oder um die Inszenierung (konservativ aber punktgenau vom amerikanischen Regisseur Bartlett Sher), sondern um die Sänger. Rolando Villazon war Roméo und Anna Netrebko als Julia wegen Schwangerschaft nicht verfügbar. Statt dessen stellte sich die 25-jährige Georgierin Nino Machaidze der Probe aufs Exempel: Würde sie die Traumpartnerin fürs Traumpaar abgeben? Der Jubel, der am Ende der Vorstellung aufbrandete, musste sie schwer beruhigt haben: Ihr Auftritt war ein großer Erfolg, Roméo-Rolando hatte eine ebenbürtige Julia gefunden.
In der Schlussszene, die Gounod ganz alleine den beiden sterbenden Liebenden überlässt, gab es keinen Zweifel: Das war ein Paar nicht nur in der Stimme, sondern auch im Geiste. Im Schweben der Musik schmiegten sie ihre Körper aneinenander, sangen nicht nur sondern spielten auch die Szene bis zur Neige aus. Das war gefühlvoll bis aufs Äußerste, ohne je sentimental zu werden. Das Publikum durfte besten Gewissens gerührt sein.
Bis dahin hatte es zweieinhalb Stunden Oper erlebt, die man den Salzburger Festspielen nach der Ära Mortier eigentlich nicht mehr zutrauen wollte. Bartlett Sher, der in Seattle das "Intiman Theater" leitet, ließ die Geschichte gewissermaßen unangetastet. Keine Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz einer solchen Geschichte heute, keine psychologisierenden Deutungsversuche, keine Enthüllung tiefsitzender persönlicher Störungen, sonder einfach: die Story von Romeo und Julia. In historisierenden Kostümen von Catherine Zuber, in einem minimal angedeuteten Bühnenbild von Bartlett Shers Landsmann Michael Yeargan (der sich weitgehend auf die Wirkung der Architektur der Felsenreitschule verlässt).
Die Wirkung ist verblüffend: Da fällt es einem gar nicht schwer, sich vor den Arkaden der Felsenreitschule auch noch die Gebäude, Straßen und Plätze von Verona dazuzudenken und sich vorzustellen: "Ja, so könnte es gewesen sein, so könnten die Menschen damals geliebt und sich gehasst haben". Das Ganze grenzte in seiner szenischen Verknappung an eine konzertante Aufführung. Aber sind es oft nicht gerade jene, die der Phantasie die Tür öffnen und die Handlung damit vor das innere Auge verlegen?
Im ersten Akt mit seinen Chorszenen verliert sich Sher noch im rein Dekorativen, im Arrangement von Choristen und Solisten. Aber sobald es ernst wird, sobald die Liebenden aufeinander treffen oder in Konflikt mit ihren Gegnern geraten - Romeo mit den Capulets, Julia mit ihrem Vater - da zeigt Sher, was er von den Menschen versteht. Da schaut man gebannt hin und vergisst die Zeit. Da spielt er den Trumpf des amerikanischen Realismus, der weniger auf eine analytische Erkenntnis zielt als auf die bezwingende emotionale Wirkung. Letztlich kommt ein satter, süffiger Opernabend heraus, bei dem man sich am Ende verstohlen fragt, warum man nicht noch ein Taschentuch mehr eingesteckt hat...
Der Eindruck verdankt sich auch dem in der Musik Gebotenen. Unter der Leitung des 33-jährigen, aus Montreal stammenden Dirigenten Yannick Nézet-Seguin spielte das Mozarteum-Orchester Salzburg zum ersten Mal "Große Oper" bei den Salzburger Festspielen. Man hörte, dass ihm die langjährige Arbeit mit Hubert Soudant, dem das französische Repertoire immer besonders wichtig war, sehr gut getan hat. Geschmeidig erschloss es dem Hörer Gounods Klangwelt mit seinen pastosen Bläserklängen und einem Streichersatz, der nie scharf oder vorlaut wirkte. Das war hervorragend vorbereitet, mit den Solisten und der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor perfekt abgestimmt. Schwung und gefühlvolles Innehalten waren aus einem Guss: bewundernswert die Souveränität, mit der Nézet-Séguin alle Beteiligten zusammenhielt und sie auch inspirierte.
Nino Machaidze hat alle, die auf die "neue Netrebko" gewartet hatten, sicher nicht enttäuscht. Sie hat eine enorme Präsenz und stimmliche Sicherheit in allen Lagen. Ihre Stimme hat nicht die glockige Süße der Netrebko, und die Abgründe öffnen sich nicht so subtil. Aber an Energie, an Souveränität und Biss steht sie Ihrer berühmten Kollegin in nichts nach. Da ist noch einiges zu erwarten. Die weiteren Partien (Mikhail Petrenko als Frère Laurent, Russell Braun als Mercutio, Cora Burggraaf als Stéphano, Falk Struckmann als Le Comte Capulet, Juan Francisco Gatell als Tybalt, Susanne Resmark als Gertrude, Christian van Horn als Le Duc de Verone, Mathias Hausmann als Le Comte Paris, Jean-Luc Ballestra als Grégorio und Robert Murray als Benvolio) sind angemessen besetzt. Cora Burggraf nutzte ihre große Szene und beeindruckte mit Spielwitz und Koloraturfestigkeit.
Laszlo Molnar
Weitere Aufführungen: 6., 9., 12., 15., 18., 19., 22. und 25 August, wechselnde Besetzungen! www.salzburgerfestspiele.at