Beim Romanischen Sommer Köln gibt es in diesem Jahr wieder viel zu entdecken - Eindrücke von den ersten Konzerten
(Köln, 5. Juli 2012) Seit gut 20 Jahren gibt es in Köln den "Romanischen Sommer". Für einige Tage werden dann die Kirchen der Domstadt zu Konzertsälen der besonderen Art. Auch das diesjährige Motto "Frage, Geheimnis, Fragment" bestätigte, dass die Konzertprogramme weniger nach im engeren Sinne musikalischen Kriterien organisiert sind, sondern einer spirituellen Idee untergeordnet werden. "Fragment" spielt übrigens nicht auf Werke wie Franz Schuberts "Unvollendete" oder Gustav Mahlers "Zehnte" an. Gemeint ist vielmehr, dass im Grunde jedes intellektuell anspruchsvolle Opus in einem größeren Zusammenhang zu sehen ist, dass es Fragen aufwirft, die u.U. erst in einem Folgewerk beantwortet oder vertieft werden. Mitunter aber bleiben auch Geheimnisse bestehen. "The unanswered question" von Charles Ives lässt bereits per Titel wissen, dass der suchende Geist zu keiner befriedigenden Lösung findet. Dieses gleichermaßen zugängliche wie sperrige Stück von 1906 rührt mit seinen Klängen quasi an letzte Dinge: Dreiklangsteppich der Streicher im Pianissimo, darüber gelagert ein lichtes Trompeten-Solo, harmonisch aber ebenso kantig wie die Akkordeinschübe von 4 Flöten. Wenn man dieses Werk in einem großem Raum mit weit verteilten Instrumentalisten aufführt (eigentlich eine conditio sine qua non), gerät man unweigerlich in Trance. Mitglieder des WDR Sinfonieorchesters widmeten sich unter Leitung Mihkel Kütsons diesem Ausnahmewerk in der Kirche St. Ursula eindrücklich, zart, ätherisch.
Der Ursprung dieses romanischen Sakralbaus liegt in der spätantiken Christenheit. Das bestätigt die Clematiusinschrift, die sich im Chorraum befindet. St. Ursula hat als Stadtpatronin eine große Bedeutung für Köln. Eine Besonderheit stellt der Ursula-Zyklus dar, im Jahre 1456 von Jan van Scheyven beendet. Der Künstler aus der Schule Stephan Lochners illustrierte die Ursula-Legende in 30 Szenen auf 24 Tafeln.
Das Konzert in St. Ursula war eines unter vielen. Abschluss und Höhepunkt ist jedes Jahr die lange Romanische Nacht mit einem äußerst abwechslungsreichen Programm vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Das moderierte Konzert wird traditionsgemäß vom Westdeutschen Rundfunk übertragen, der aber auch an weiteren Veranstaltungen live teilhaben lässt. Aus St. Ursula wurde ebenfalls direkt gesendet. Den 75 Minuten des Orchesterkonzerts schloss sich noch eine Aufzeichnung vom Vortag an: York Höllers Fragmente für Streichquartett, interpretiert vom Minguet Quartett.
Auf eine etwas andere Art meditativ als Ives gibt sich Ralph Vaughan Williams in seiner "Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis". Diese vollmundige Streichermusik ist ein nostalgischer Blick zurück in vergangene Zeiten, idealisierend, paradiesisch verklärend, trotz der Klangwärme auf fast schon schmerzliche Weise der Welt abhanden kommend. Unter Mihkel Knütson hörte man das Werk mit schwärmerischer Intensität.
Die anderen Werke des unter der Überschrift "Mysterien" subsummierten Programms waren baltischer Herkunft, was u.a. die Wahl des Dirigenten erklärt. Ab der nächsten Spielzeit wird der 1971 in Tallin geborene Mihkel Kütson das Amt des GMD bei den Niederrheinischen Sinfonikern (Krefeld/ Mönchengladbach) antreten. Zuvor war er in gleicher Stellung beim Schleswig-Holsteinischen Landestheater (Flensburg) engagiert und hatte einige Jahre als Erster Kapellmeister in Hannover gewirkt. In seinem Heimatland hatte Kütson an der Musikakademie Tallin Chorleitung studiert, kam dann über den Akademischen Austauschdient nach Hamburg, wo er in die Dirigierklasse von Klauspeter Seibel lernte. Zurück in Estland, übernahm er in Tartu Aufgaben am dortigen Opern- und Konzerthaus, wurde später Leiter des städtischen Sinfonieorchesters. Anschließend ging er nach Deutschland zurück.
In seiner Heimat wurde Mihkel Kütson als "jung, frisch, frech" charakterisiert. In didaktischer Hinsicht ist er aber wohl ein besonders ernsthafter Musiker, dem beispielsweise der Kontakt zu Jugendlichen enorm wichtig ist. "In Estland wird in den Schulen mehr in Musikbildung investiert, in Deutschland sind die Kinder mehr auf die Musikbegeisterung ihrer Eltern angewiesen", stellt er fest. Am Niederrhein darf man sich also auch in pädagogischer Hinsicht von dem neuen Orchesterchef einiges versprechen.
Mit der Musik des Baltikums ist man hierzulande inzwischen ganz gut vertraut. Die Dirigenten-Dynastie der Järvis (Vater Neeme, die Söhne Paavo und Kristjan) prägt die internationale Musiklandschaft ausgiebig, der Komponist Arvo Pärt besitzt nahezu Kultstatus. Von ihm erklangen in Köln denn auch gleich zwei Werke, das ziemlich schwerblütige "Trisagion" sowie "Fratres", ein harmonisch wesentlich "weicheres" Werk. Von ihm existieren mehrere Besetzungsvarianten, die übrigens auf einer Naxos-CD von 1995 komplett versammelt sind.
Ein besonderer Hinweis auf Peteris Vasks, Lette aus Riga des Jahrgangs 1946, sei gestattet. In dem Amerikaner John Adams sieht er so etwas wie ein Alter Ego: "Bei ihm ist die Musik ein positives Ideal." Das entspricht Vasks eigener Empfindung, welche für ihn das Komponieren zum "musikalischen Tagebuch" werden lässt. Die "Musica Dolorosa" ist eine fast schon traumatische Reaktion: Tod der Schwester, das Leiden am Unterdrückungssystem des Kommunismus sowjetischer Prägung. Das spürt man nicht zuletzt bei einigen sich dissonant massiv aufbäumenden Passagen, aber auch beim irgendwie "unerlöst" wirkenden Schlussakkord. Frage, Geheimnis.
Christoph Zimmermann