Rolando Villazón singt Schumanns "Dichterliebe" bei den Salzburger Festspielen und überzeugt, wenn auch nicht ganz
(Salzburg, 15. August 2010) Unsicherheit lag in der Luft. Zumindest bei all jenen, die wussten, dass Rolando Villazón vor zwei Wochen ein Konzert im Kopenhagener Tivoli nach nur sieben Minuten abgebrochen hatte. Würde er singen, würde er absagen? Hélène Grimaud, seine Begleiterin beim Salzburger Festspiel-Liederabend (am Sonntag) hatte sich bereits im Vorfeld (krankheitsbedingt) zurückgezogen.
Statt der französischen Pianistin saß nun Gerold Huber am Klavier. Ein Feinzeichner, einer, der es gewohnt ist als Begleiter etwa von Christian Gerhaher jeder Faser in der Musik nachzuspüren, jeden Lichtwechsel vorzubereiten, jeden Abgrund auszuloten. Ihn schob Rolando Villazón am Ende seines heftig umjubelten Salzburger Comeback-Konzertes bewusst an die Rampe: Auf dass das Publikum im ausverkauften Großen Festspielhaus auch ihn feiere. Zu Recht. Und natürlich Schumann, dessen Noten der Sänger demonstrativ in die Höhe hob.
Dass dem sympathischen Star-Tenor alle Herzen entgegenflogen, damit war zu rechnen. Obwohl die Spuren des tenoralen Raubbaus und der daraus folgenden Krankheit samt Stimmband-Operation nicht zu überhören sind. Über Rolando Villazóns Stimme liegt ein Schatten. Sie klingt fahl, wirkt brüchig und schnell angespannt. Sie hat ihren "Peng" verloren. Jene Strahlkraft und Direktheit, die dem Sänger vor Jahren erlaubte, Spitzentöne schonungslos aus sich herauszuschleudern und so die Opernfreunde im Sturm zu erobern.
Die Zeiten, da sich der Zuhörer entspannt in den Parkettsessel lümmeln konnte, weil er wusste, Villazóns Werther, sein Faust, sein Alfredo erklimmen die tenoralen Gipfel mit Bravour - sie sind passé. Schon die vor Beginn angekündigte Umstellung - Schumanns "Dichterliebe" wurde in den zweiten Teil verschoben - zeugte davon, dass das Unbeschwerte, die Selbstverständlichkeit, die Sicherheit der Vorsicht gewichen sind. Beim französisch-spanischen Repertoire konnte sich Villazón zunächst ein wenig freisingen: Mit einem verhaltenen "Chanson de l'adieu" von Francesco Paolo Tosti und mit Liedern von Duparc, Fauré und Massenet. Dass Villazón hier weniger Linie als Spots lieferte war schade, aber Gerold Huber entschädigte mit irisierenden Farbspielen.
In den spanischen Liedern von Fernando Obradors fühlte sich der Mexikaner dann hörbar wohl. Rhythmus und Witz lagen ihm, aber auch die feine, intensive Gestaltung eines Liebhabers, der gern ein Krug im Haus der Geliebten sein möchte, "um deine Lippen zu küssen". Das köstliche "Chiquitita la novia" lud er "dramatisch" auf, kostete das abschließende "Ah!" mit einem mächtigen Schwellton aus und verpasste ihm einen finalen Olé-Stampfer. Das Publikum war begeistert und Villazón strahlte.
Nach der (Verschnauf-)Pause dann Schumanns "Dichterliebe" - mit Notenpult. Diese fragilen Gebilde sind nicht wirklich ein Heilmittel für eine angeschlagene Stimme. Dennoch, Rolando Villazón, überraschte mit einem flott dahin geplapperten "Die Rose, die Lilie...", mit einem "szenisch" wirkenden "Ich grolle nicht" oder einem ironisch-kecken "Ein Jüngling liebt ein Mädchen". Dass er auf Wunsch seiner österreichischen Urgroßmutter in Mexiko eine deutsche Schule besucht hatte, war den Heine-Texten (trotz manch ungewohnter Vokalfärbung) durchaus anzuhören.
Natürlich ist Villazón mit ganzem Herzen dabei, liebt und leidet er zuweilen auch mit opernhafter Geste. Sein ernsthafter künstlerischer Wille kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Tonansatz oft rau und unsauber klingt, man um die Tragfähigkeit immer wieder bangt und die Tiefe kein echtes Fundament hat. Geliebt wird er trotzdem.
Gabriele Luster
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