Böige Geschäftswelt

Kreuzzug des Neoliberalismus Foto: Oper Zürich

Zur Zürcher Erstaufführung von Georg Friedrich Händels opera seria "Rinaldo" mit William Christie und in der Regie von Jens-Daniel Herzog.

(Zürich, 15. Juni 2008.) Es hätte sich angeboten, aus Georg Friedrich Händels "Rinaldo" eine aktuelle Kritik zu destillieren: am Krieg der Amerikaner gegen - zum Beispiel - den Irak. Zumal sich die Rhetorik auf westlicher Seite ja nicht entblödet hat, mit christlichen "Werten" versus Islam zu argumentieren. Wenn der Sarazenenfürst Argante mit seiner Mitstreiterin Armida am Schluss der Oper und nach der "Befreiung" Jerusalems dem Christentum beitritt, müsste das als Bestätigung der "guten" Religion herhalten.

Für eine moderne Inszenierung ist so etwas natürlich unhaltbar. Doch auch das Gegenteil, den ironischen Stachel im lieto fine und somit eine indirekte Versöhnungsgeste hat Claus Guth, beziehungsweise Jens-Daniel Herzog, der nach dessen Konzept die Arbeit vollendet hat, der Oper nicht implantiert. Es gibt zwei Parteien, eine christliche und eine muslimische. Das eigentliche Schlachtfeld aber ist nicht mehr die Religion, sondern das Geschäft. Ein Deal, der am Schluss auch seinen Verlierer kennt. Unter dem Deckmantel der Befreiung lauert also nichts weiter als ein gelungener Vertragsabschluss - ein interessanter Gedanke.

Die internationale Geschäftswelt sieht heute aus wie eine Mischung aus Hotel-Lobby, Sitzungszimmer und Flughafenlounge. Diesen Eindruck und das verlorene Gefühl des Jetsetters mit Aktenköfferchen darin hat Bühnenbildner Christian Schmidt treffend umgesetzt. Die Drehbühne im Zürcher Opernhaus zeigt drei Gesichter. Ähnlich aber nicht gleich, und nach ein paar Drehungen weiss man selbst nicht mehr so genau, wo man gerade ist.

Gelangweilt trifft Rinaldo in dieser Szenerie ein. Er ist verliebt und mit dem Kopf darum ganz woanders. In der Zürcher Inszenierung ist er Junior-Konzernchef, und seine Unterschrift so notwendig wie sein legendärer Heldenmut im Schlachtfeld. Doch Verträge interessieren ihn nicht, selbst wenn sie ihm von einem heiteren Ballett von Businessmen (Choreographie: Ramses Sigl) überreicht werden. Er zerreißt das Papier, womit die Sache eigentlich erledigt wäre. Erst als seine Freundin Almirena entführt wird, kommt eine gewisse Dynamik über ihn.

Das Publikum in Zürich kriegt von Guth-Herzog eine Mischung vorgeführt, die den Ernst der Geschäftswelt mit Komik kombiniert. Dazu bieten sich die Verwandlungs- und Zaubereffekt dieser opera seria e magica an. Die Hexe Armida schält sich aus dem grauen Anzug eines Handlungsreisenden und zwar der gegnerischen Partei um Rinaldo. Das ist überraschend wie im sprichwörtlichen Sinn entlarvend: Im Raubtierkapitalismus frisst notfalls jeder jeden. Malin Hartelius' Armida hätte dazu auch die nötigen Waffen: dramatische Stimmgewalt, beeindruckende Koloraturbeherrschung, aber auch lyrische Herzenstöne. Dieses Spektrum zeigt auch die Zerrissenheit der Figur. Denn als Rinaldo in Armidas Zauberschloss auftaucht, schwankt sie vor Begehren und zeigt eine menschliche Schwäche, die sie den Kopf kosten wird.

Auch auf Rinaldos Seite wird mit Magie gearbeitet. Aber statt altmodischen Bühnennebels oder lockender Stewardessen in Pink, wie bei Armida, kommt hier die moderne Medizin zum Zuge. Dem in seiner Verliebtheit geschäftsschädigend schwachen Rinaldo wird von Eustazio Schlangengift injiziert, worauf der rasende Business-Ritter einen Wirbelwind entfacht, der nicht nur klar macht, wer hier gewinnen wird, sondern auch den Aktschluss tsunamiartig durchlüftet. Willkommener Anlass, auf der Bühne einen choreographischen Klamauk zu veranstalten, bei dem die Tänzer schliesslich in der Horizontale gegen Wind und Wetter ankämpfen.

Eustazio und sein Bruder Goffredo sind als Seniorchefs in Rinaldos Firma zwei komische Figuren. Damit verspielt die Inszenierung die Chance, die Alten als dickköpfige Kriegshetzer dazustellen, als graue Macht hinter den Kulissen, die skrupellos und unsichtbar ihre Umwelt manipuliert. So hatte der erkrankte Claus Guth sein Konzept angekündigt. Nun: Die Oper hat ihren ernsten Brennpunkt verloren - und dafür einen Spielraum für Komik erhalten. Einen Raum, den Liliana Nikiteanus ältlich und schwerfällig klingender Goffredo und Katharina Peetz' karikierend gespielter Eustazio passend füllen. Auch Ruben Drole als Argante amüsiert, wenn er und Armida im Geschlechterkampf handgreiflich werden. Droles Bass liefert dazu die nötige Stärke, is aber zugleich scharz-schlank und hat alle für die Koloraturen nötige Leichtigkeit: einzigartig!

Und Rinaldo, der Ritter zwischen Liebesglut und Pflichterfüllung? Juliette Galstian gibt der Figur ein männliches Timbre. Ihre Beweglichkeit und eine strahlende Höhe sind mit einer etwas schwachen Tiefe erkauft. Hier hätte man einen männlichen Altisten einsetzen können. Als Gegenpart zu dem in der Geschichte unterliegenden, aber stimmlich überlegenen Argante. Außerdem: Wenn drei, und mit Irene Friedlis Kurzauftritt als Zauberer vier Frauen in Hosenrollen auf der Bühne singen, muss man sich über den Sinn der Geschlechterverteilung Gedanken zu machen.

William Christie liess das Opernhaus-Barockorchester sängerfreundlich begleiten, wodurch einige Arien Konturverlust erlitten. Die bunte Instrumentierung Händels stellte die Orchestersolisten vor keine leichten Aufgaben: Brillant die Trompeten, beweglich das Flötenquartett mit einem darüber trillernden Flageoletto. Nicht ganz beherrscht waren Oboen und Fagott, und auch die tiefen Streicher ließen im Ensemble an Intonationsgenauigkeit zu wünschen übrig. Der Größe des Hauses, aber auch der Besetzungsstärke der Streicher war zudem geschuldet, dass im Gesamtklang die Holzbläser untergingen und somit ein gewisser Farbverlust zu verzeichnen war. Die erwiesenen Fähigkeiten des Händel-Spezialisten aber zeigten sich in einer traumhaft gespielten und von Ann Helen Moen als Almirena desgleichen gesungenen "Lascia que pianga"-Arie und dem unaufdringlichen Drive, der die Akte unter einen Bogen setzte, auch wenn an einigen Stellen der Kontakt zu den Sängern beeinträchtigt war. Stark wurde der Abend in den Accompagnato- und Seccorezitativen (hervorragend am Cembalo: Elisabeth Geiger), die deutlich den Text grundierten und einige vorantreibende Impulse setzten. Christie vollzog ein nobles aber keinesfalls stürmisches Dirigat: Klänge aus einer Zeit, als die (Geschäfts)-welt noch nicht so böig war wie heute.

Benjamin Herzog

www.opernhaus.ch