Alle wollen Wolfgang Rihm

In "Jagden und Formen" bringt Sasha Walz auch die Musiker zum Tanzen. Bild: Salzburger Festspiele/F. Neumayr

Der zentrale Komponist der Salzburger Festspiele 2010 ist Wolfgang Rihm. In Konzerten wird er gefeiert wie ein Künstler der Pop-Branche

(Salzburg, 10. August 2010) Wolfgang Rihm, ein Pop-Star? Warum auch nicht? Warum soll ein lebender Komponist, der keine Songs, sondern Stücke von einer etwas komplizierteren Machart schreibt, nicht auch die Begeisterung seines Publikums entzünden? Möglicherweise war auch das ein Denkfehler der Gralshüter des Elitären, dass sie meinten, Ihren Kultfiguren sei nur mit stiller Anbetung, allenfalls wohldosiertem Applaus zu begegnen. Allerspätestens seit dem achten Konzert des "Kontinents Rihm" bei den Salzburger Festspielen sollte das Schnee von gestern sein. Das Publikum in der großen Halle auf der Perner Insel in Hallein scherte sich nicht um die Etikette. Gleich nach Ende der Performance von Rihms "Jagden und Formen" durch das Ensemble Modern und das Tanzensemble Sasha Waltz & Guests ging ein Trampeln, Pfeifen und Johlen durch den Raum. Als dann Rihm seinen Lockenkopf hervorstreckte und seine Anwesenheit allen zu erkennen gab, erhöhte sich der Geräuschpegel und das Klatschen wurde rhythmisch, als er auf die Bühne kam. Wolfgang Schreiber nannte in der SZ vom Mittwoch Rihm den "Pop-Star" der diesjährigen Salzburger Festspiele, auch wegen des großen Erfolgs der Uraufführung seiner Oper "Dionysos". Kaum zu glauben - ein lebender Konponist der "ernsten" Musik!

Was für eine Entwicklung hat die zeitgenössische Musik gerade bei diesem Elite-Festival erfahren. Auf was für einer breiten Basis hat sie nicht nur Anerkennung erhalten, sondern auch Zuspruch! Durchaus gewollt "schuld" daran ist Markus Hinterhäuser, der Konzertchef der Salzburger Festspiele. Schon zu Zeiten des "Zeitfluss"-Festivals war es sein und seines Kompagnons, Thomas Zierhofer, Programm, das Publikum gerade damit zu konfrontieren, was es noch nicht so gut kannte. Der Beifall am Dienstag abend galt auch Hinterhäusers Hartnäckigkeit.

Das Schöne sowohl an Hinterhäusers als auch Rihms Haltung ist, dass sie Moderne ohne Dogmatik vorführen. Beide zeigten sich schon immer höchst Flexibel bei Wahl und Einsatz ihrer Mittel, um nicht nur um Ausdruck zu finden, sondern auch ein Publikum zu erreichen. Rihm bedient die ganze Palette vom strengen Serialismus bis zur romantischen Linie, von seinen Streichquartetten bis zum Violinkonzert (das die Widmungsträgerin am selben Abend zum zweiten Mal im großen Festspielhaus spielte - siehe Besprechung auf KlassikInfo.de); Hinterhäuser kombiniert in seinen Konzerte alle Epochen, um die Wirkkraft der Musik vorzuführen.

Die "Jagden und Formen" sind in sich schon ein sehr flexibles Stück für großes Ensemble, das sich in den verschiedensten Klangkombinationen darbietet und während seines etwas mehr als einstündigen Verlaufs langsam wächst: von den Soli von Geige und Klarinette zum vollen, schon symphonischen Klang. Sasha Waltz folgt in ihrer Choreographie dieser Entwicklung. Sie kombiniert Tänzerinnen und Tänzer, hält sie solistisch und bringt sie zusammen. Der Tanz wirkt wie eine graphische Umsetzung des musikalischen Geschehens, sprich: Er ist sehr bewegt und energiereich und er ist sehr bunt. Auch in den Kostümen. Wie bei einem Kaleidoskop arrangieren sich die Tänzerinnen und Tänzer zu immer neuen Formationen und Kombinationen. Inspiriert von der Musik, lenkt der Tanz die Aufmerksamkeit wieder zurück auf die Musik. Ab einem gewissen Punkt erscheinen Musik und Tanz unzertrennbar - und konsequenter Weise verlassen die Musiker ihr Podest im Hintergrund und mischen sich mit ihren Instrumenten unter die Tänzer. Waltz ersparte in dieser 2008 in Frankfurt uraufgeführten Arbeit sich und ihrem Publikum eine tiefschürfende Interpretationsarbeit. In dem turbulenten Treiben werden keine Konflikte verhandelt, allerhöchstens "Beziehungen", und diese immer ganz schnell immer neu.

Rihm und Walz wurden für ihre Arbeit groß bejubelt. Natürlich ebenso das Ensemble Modern für sein großartiges Spiel unter dem Dirigenten Franck Ollu. Denn allen - den Salzburger Festspielen und Markus Hinterhäuser eingeschlossen - ist gelungen, was vielleicht als das größte Tabu der "ernsten" zeitgenössischen Musik galt: Auch diese Kunst kann unterhaltsam sein.

Laszlo Molnar

Weitere Termine des "Kontinent Rihm": 13.8, Kollegienkirche, 21. und 22.8., Grosses Festspielhaus.

www.salzburgerfestspiele.at

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