Doch ab dem dritten Bild wird es problematisch: Für Nibelheim verengen sich abgesenkte Decke und angehobener Boden auf einen schmalen Spalt entlang dessen die Nibelungen ihre Lasten tragen. Kumpel mit ganzen Batterien von Grubenlampen leuchten auf dunkelroter Bühne die Gesichter aus oder blenden damit das Publikum bei der Verwandlung Alberichs in eine Schlange (vier Männer laufen mit einem lichterloh brennenden Seil über die Bühne) oder eine Kröte (ein kleiner grün angemalter Junge). Das Gold war - noch unbearbeitet - auf dem Grunde des Rheins ein goldbronzierter Junge. Später wird daraus ein Goldkäfig, in den wirr hinein und hinausgelaufen wird. Aber weil Wagner komponiert hat, wie der Schatz geschichtet wird, tun Statisten so, als würden sie beim Vorbeilaufen einen Barren in den erst halb aus dem Boden herausgefahrenen offenen Würfel hineinwerfen. Endlich ratlos macht die Ver(sinn-)bildlichung des "schwülen Gedünsts" am Ende mit den nun wieder weiß gekleideten Youngsters, die sanft geräuschvoll Gold-Bleche zittern lassen!
Anstatt die Figuren mit ihren Kostümen zu charakterisieren, verpasst Andrea Schraad ihnen schlichten blauen oder schwarzen Einheitslook, nur Loge darf als Feuergott rot sein. Und weil wir es mit Lichtalben zu tun haben, werden flugs Albinos mit durchweg weiß-blonden Haaren aus ihnen, besonders unvorteilhaft sehen die Perücken bei Fricka und Loge aus, der mit seinen langen gelockten Haaren aussieht wie die Kreuzung aus schmierigem Entertainer und zerstreutem Professor. Doch Stefan Margita tänzelt mit Stimme und Körper so herrlich, dass es bei ihm passt. Die übrigen Götter aber stutzt es auf Puppenformat und der Zuschauer langweilt sich, zumal wenigen Momenten schlüssiger Peronenregie, etwa dem ausgiebigen Spiel mit dem Speer, viele Szenen Statuarik oder beliebiger Bewegung gegenüberstehen.
Zwar legt auch Kent Nagano wenig Wert auf äußerliche Effekte, aber was für eine wunderbar filigrane Kammermusik entdeckt er dafür im "Rheingold", das ein ungewöhnlich "leichtes" Konversationsstück sein sollte. Das kommt bei Nagano wunderbar zum Tragen, und doch geht nie die Spannung verloren, bleibt der Klang von einer enormen Transparenz, die nie dünn wirkt. Nagano verschenkt auch keine Höhepunkte, sondern setzt sie umso klarer, wenn auch ganz ohne Pathos. Diese gesteigerte Kammermusik macht es den Sänger leicht, die alle keine schwergewichtigen Wagner-Stimmen, sondern feines, flexibles Material besitzen.
Selbst der Wotan von Johan Reuter singt schlank, ja am Anfang fast zu zurückgenommen, ebenso Sophie Koch als Fricka. Doch beide legen im vierten Bild mächtig zu. Donner wird bei Levente Molnár mit sattem Bassbariton seinem Namen gerecht, der Froh von Thomas Blondelle verströmt entsprechend spröden Tenor-Charme. Weniger mädchenhaft, als mit üppig ausladendem Sopran begabt: Aga Mikolaj als Freia. Aus dem insgesamt überzeugenden Ensemble ragt der großartige Bassbariton Thorsten Grümbel heraus, der den verliebten Fasolt mit weichen, warmen Legatobögen ausstattet. Phillip Ens ist als sein Bruder Fafner auch musikalisch der härtere Widerpart. Bleiben die Rheintöchter: ein schönes, wenn auch nicht ganz homogenes Terzett, und Alberich. Eingesprungen erst vor wenigen Tagen für Wolfgang Koch, ist Johannes Martin Kränzle anfangs wild und spröde und zeigt mit dem Zugewinn an Macht durch den Raub des Goldes auch stimmlichen Biss.
Musikalisch - nicht zuletzt orchestral - darf man sich also auf eine spannende Fortsetzung freuen, szenisch ist man ratlos, frei nach den Nornen der "Götterdämmerung": "Weißt du, was daraus werden soll?"
Klaus Kalchschmid