100 junge Menschen und ein Ring

Fröhliches Kopulieren in der Ursuppe: Der Rhein als Menschenmeer Foto: W. Hösl

Mit "Rheingold" beginnt der "Ring" von Kent Nagano und Andreas Kriegenburg musikalisch überzeugend, szenisch problematisch

(München, 4. Februar 2012) Wenn das Publikum seine Plätze einnimt, und noch lange bevor das tiefe Es im Orchester den Uranfang der Welt symbolisiert, bevölkern schon über 100 junge Menschen barfuß und ganz in Weiß gekleidet die leere Bühne. Sie machen Picknick, bekommen Häppchen serviert, unterhalten sich, scheinen sich unter Gleichgesinnten wohlzufühlen. Ein paar anders gekleidete Erwachsene stoßen hinzu und verschwinden wieder. Doch dann beginnt auch in Münchens neuem "Ring" der Rhein zu fließen und auf der Bühne wird ein Paradieszustand hergestellt: Die Kleidung fällt, man malt sich gegenseitig die nackten Körper und fleischfarbene Unterwäsche blau an, ein junger Mann setzt sich an die Rampe, ein Mädchen gesellt sich in zärtliche Annäherung zu ihm, die anderen folgen, man umschlingt sich, löst und verbindet sich immer wieder tänzerisch, schließlich legen sich alle allmählich auf den Boden und bilden fortan beständig und originell sich bewegend das Fließen des Rheins, genau wie Wagner es komponiert hat. Über das ganze erste Bild hindurch bleibt dies erhalten: so poetisch, so schlüssig und so eminent theatralisch hat man das wohl noch nie jemand inszeniert und choreographiert (Zenta Haerter). 

Das ist Andreas Kriegenburgs erklärter Ansatz: bescheiden, schlicht und mit vielen Menschen einen kollektiven Mythos zu erzählen. Deshalb ist sogar Walhall eine Burg aus Menschen mit Männer-Rücken als Zinnen. Das ist durchaus nachzuvolliehen, da Wotan in seiner Burg - wie wir in der "Walküre" erfahren werden - seine Krieger sammelt. Überflüssigerweise wird auf das Menschengebirge WALHALL projeziert und später stattdessen auf die Rückwand eines neutralen, wüstenfarbenen Kastens (Bühne: Harald B. Thor), dessen Boden und Decke sich kippen lassen, eine vage Linie von Zinnen "gemalt". In der Klavierhauptprobe sah das noch viel konkreter - und schlüssiger aus. Zusammengepresst als Würfel bilden Männerleiber im blauen Overall das Bewegungsmittel der Riesen oder ihren Unterleib, wenn ihnen entsprechend große Mäntel mit Plastik-Pranken übergeworfen werden. Auch dies sind ebenso schlicht theatralische wie großartige Bilder.

Wenn "Großes" ersonnen wird, kommen u.U. ein paar unter die Räder. Thorsten Grümbel (Fasolt), Johan Reuter (Wotan), Aga Mikolaj (Freia), Sophie Koch (Fricka), Phillip Ens (Fafner) Foto: W. Hösl

Doch ab dem dritten Bild wird es problematisch: Für Nibelheim verengen sich abgesenkte Decke und angehobener Boden auf einen schmalen Spalt entlang dessen die Nibelungen ihre Lasten tragen. Kumpel mit ganzen Batterien von Grubenlampen leuchten auf dunkelroter Bühne die Gesichter aus oder blenden damit das Publikum bei der Verwandlung Alberichs in eine Schlange (vier Männer laufen mit einem lichterloh brennenden Seil über die Bühne) oder eine Kröte (ein kleiner grün angemalter Junge). Das Gold war - noch unbearbeitet - auf dem Grunde des Rheins ein goldbronzierter Junge. Später wird daraus ein Goldkäfig, in den wirr hinein und hinausgelaufen wird. Aber weil Wagner komponiert hat, wie der Schatz geschichtet wird, tun Statisten so, als würden sie beim Vorbeilaufen einen Barren in den erst halb aus dem Boden herausgefahrenen offenen Würfel hineinwerfen. Endlich ratlos macht die Ver(sinn-)bildlichung des "schwülen Gedünsts" am Ende mit den nun wieder weiß gekleideten Youngsters, die sanft geräuschvoll Gold-Bleche zittern lassen!

Anstatt die Figuren mit ihren Kostümen zu charakterisieren, verpasst Andrea Schraad ihnen schlichten blauen oder schwarzen Einheitslook, nur Loge darf als Feuergott rot sein. Und weil wir es mit Lichtalben zu tun haben, werden flugs Albinos mit durchweg weiß-blonden Haaren aus ihnen, besonders unvorteilhaft sehen die Perücken bei Fricka und Loge aus, der mit seinen langen gelockten Haaren aussieht wie die Kreuzung aus schmierigem Entertainer und zerstreutem Professor. Doch Stefan Margita tänzelt mit Stimme und Körper so herrlich, dass es bei ihm passt. Die übrigen Götter aber stutzt es auf Puppenformat und der Zuschauer langweilt sich, zumal wenigen Momenten schlüssiger Peronenregie, etwa dem ausgiebigen Spiel mit dem Speer, viele Szenen Statuarik oder beliebiger Bewegung gegenüberstehen.

Zwar legt auch Kent Nagano wenig Wert auf äußerliche Effekte, aber was für eine wunderbar filigrane Kammermusik entdeckt er dafür im "Rheingold", das ein ungewöhnlich "leichtes" Konversationsstück sein sollte. Das kommt bei Nagano wunderbar zum Tragen, und doch geht nie die Spannung verloren, bleibt der Klang von einer enormen Transparenz, die nie dünn wirkt. Nagano verschenkt auch keine Höhepunkte, sondern setzt sie umso klarer, wenn auch ganz ohne Pathos. Diese gesteigerte Kammermusik macht es den Sänger leicht, die alle keine schwergewichtigen Wagner-Stimmen, sondern feines, flexibles Material besitzen.

Selbst der Wotan von Johan Reuter singt schlank, ja am Anfang fast zu zurückgenommen, ebenso Sophie Koch als Fricka. Doch beide legen im vierten Bild mächtig zu. Donner wird bei Levente Molnár mit sattem Bassbariton seinem Namen gerecht, der Froh von Thomas Blondelle verströmt entsprechend spröden Tenor-Charme. Weniger mädchenhaft, als mit üppig ausladendem Sopran begabt: Aga Mikolaj als Freia. Aus dem insgesamt überzeugenden Ensemble ragt der großartige Bassbariton Thorsten Grümbel heraus, der den verliebten Fasolt mit weichen, warmen Legatobögen ausstattet. Phillip Ens ist als sein Bruder Fafner auch musikalisch der härtere Widerpart. Bleiben die Rheintöchter: ein schönes, wenn auch nicht ganz homogenes Terzett, und Alberich. Eingesprungen erst vor wenigen Tagen für Wolfgang Koch, ist Johannes Martin Kränzle anfangs wild und spröde und zeigt mit dem Zugewinn an Macht durch den Raub des Goldes auch stimmlichen Biss.
Musikalisch - nicht zuletzt orchestral - darf man sich also auf eine spannende Fortsetzung freuen, szenisch ist man ratlos, frei nach den Nornen der "Götterdämmerung": "Weißt du, was daraus werden soll?"

Klaus Kalchschmid


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