Die Mantovanis des 18. Jahrhunderts

Der Star der Residenzwoche München 2008: das renovierte Cuvilliés-Theater. Bild: Bayerische Schlösserverwaltung München

Zur Eröffnung der Residenzwoche: Die Lieblingskomponisten Maximilian III. Josephs im Cuvilliés Theater

(München, 13. Oktober 2008) Die Residenzwoche München hat ihren Star zurück: Das Cuvilliés-Theater. Deshalb musste die erste Veranstaltung des Residenzwoche 2008 natürlich fort stattfinden, und deshalb musste sie auch eine Hommage an diesen Ort sein, der nicht einfach ein Raum ist, sondern eine Inspiration. Inspiration für Komponisten, Künstler - und das Publikum, das sich dort einige Gedanken machen darf darüber, wie die Zeiten einmal waren und was sie heute sind.

Die Hommage am Samstag und Sonntag Abend bestand aus Sinfonien, Arien und Szenen aus Opern, die für dieses Theater in den ersten 25 Jahren nach seiner Eröffnung 1753 während der Regentschaft von Kurfürst Max III. Joseph geschrieben wurden. Sie für heute wiederbelebt hat Christoph Hammer mit seiner "Neuen Hofkapelle München" und der Sopranistin Sophie Marin-Degor. Wissenswertes über die Werke gab Wolfgang Binder als Moderator zum Besten.

Der Abend erwies sich als sehr geglückte Verbindung des Raumes mit "seiner" Kunst. Da war wirklich der "Genius loci" spürbar, wie er in der Person des Kurfürsten Max Joseph hier gewaltet hatte. Zu seiner und zur Freude seiner Freunde und Gäste hatte er sich das Theater bauen lassen und sie dann mit Musik ganz nach seinem Geschmack bestückt. In seinen Privataufführungen für den Hof erklang hier ausschließlich die italienische Oper auf der Höhe des Zeitgeschmacks.

Davon gaben die "Neue Hofkapelle" und die Solistin etliche Kostproben aus den Federn von Leuten wie Andrea Bernasconi, Giovanni Ferrandini, Pietro Sales, Antonio Sacchini, Antonio Tozzi und Carlo Monza. Dazu kamen Stars wie Gluck und Josef Myslivecek, derer man sich auch heute gerne erinnert sowie Tommaso Traetta, der sich nur schwach in Erinnerung halten kann. Wolfgang Binder war so freundlich, das Vergessen der unbekannten Namen wieder einmal als "zu Unrecht" zu bezeichnen. Und wieder mal ein bisserl schlechtes Gewissen im Namen der Kunst zu verbreiten.

Aber das schlechte Gewissen ist nicht nötig. Nein, man hat diese Leute schon zu Recht vergessen, sehr zu Recht sogar! Hammer und seine Programmauswahl haben mit Temperament und Spielfreude lauter Argumente geliefert, von den heute Unbekannten nie mehr etwas hören zu wollen und uns wohl dabei zu fühlen. Warum auch? Das war Allerweltsmusik vom Rokoko-Fließband, easiest listening von den Mantovanis des 18. Jahrhunderts. Der Kurfürst war in dem Sinne kunstsinnig, als er mit seinen Gästen unterhalten werden wollten. Mehr nicht und nur keine Anstrengung bitte. Die einzelnen Stücke sind deshalb kaum voneinander zu unterscheiden - die Komponisten beherrschten ihre Harmonielehre und hatten alle Diminutionstabellen ihrer Zeit auswendig gelernt. Speichelleckerische Opportunisten waren sie, menschliche Komponiercomputer. Der Witzbold Mozart machte aus ihrem Tun ein musikalisches Würfelspiel. So funktionierte das Komponieren damals.

Ein schöner Abend war das also zur Eröffnung, weil er auch eine Erleichterung und Offenbarung war: Genies wurden schon immer verkannt, Münchens berühmtestes Kulturopfer war Mozart. Aber im Lauf der Geschichte setzt sich Größe und Mut durch und wirft einen tiefen Schatten auf alles einst hochmütige Mittelmaß. Wir dürfen uns an der Größe Mozarts ungeschmälert freuen und brauchen uns für das Vergessen so vieler Namen absolut nicht zu schämen.

Laszlo Molnar

Die Residenzwoche München dauert noch bis zum 19. Oktober. Die Konzerte finden statt im Cuvilliés-Theater, der Hofkapelle, dem Kaisersaal, in der Allerheiligen Hofkirche sowie im Antiquarium der Münchner Residenz. Für einige Veranstaltungen gibt es noch Karten. Information unter www.residenzwoche.de