Aus Alt mach Neu mach Alt: Barockmusik auf modernen Instrumenten - Reinhard Goebel und die Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker
(Berlin, 10. Februar 2008) Heimlich, still und leise ist die Musik des Barock und der Frühklassik aus den großen Konzertsälen abgewandert: Seit einigen Jahren sind Bach, Telemann & Co. beinah ausschließlich auf den Programmen spezialisierter Ensembles zu finden. Geradezu unanständig scheint es, ihren Kompositionen Stahlsaiten und Ventilhörner zuzumuten. Das heißt: Bis vor einigen Jahren war das der Fall. Inzwischen schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung aus, Vorkämpfer der so genannten historischen Aufführungspraxis wie Nikolaus Harnoncourt und Roger Norrington arbeiten mit Sinfonieorchestern, um der Alten Musik ihren alten Platz auf den Podien zurückzuerobern. Auch der streitbare Barockgeiger Reinhard Goebel, einer der eigenwilligsten seiner Zunft und zugleich einer der besten Kenner der Musik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, namentlich der deutschen, ist schon zu Zeiten seines Ensembles Musica Antiqua Köln gelegentlich bei "modernen" Orchestern fremdgegangen. Ende 2006 hat er wegen einer Handverletzung die Geige an den Nagel gehängt und, nach einem schweren Unfall seines kongenialen Kollegen Stephan Schardt, sein Ensemble aufgelöst, nach mehr als 30 Jahren. Seither widmet er sich verstärkt der Vermittlung seines geradezu enzyklopädischen Wissens an Sinfonie- und Kammerorchester und an Nachwuchsdirigenten quer durch die Republik. Zuletzt hat Reinhard Goebel eine Woche lang mit Stipendiaten der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker ein Bach-Programm erarbeitet. Für so manchen der jungen Musiker, die in einer zweijährigen Ausbildung auf die Anforderungen internationaler Spitzenorchester vorbereitet werden, war es die erste Begegnung mit historisch orientierter Interpretation. Und das, was dann am Sonntag zum Abschluss im Kammermusiksaal der Philharmonie zu hören - nein: zu erleben! - war, konnte selbst Anhänger der Lehre von den Originalinstrumenten in Begeisterung versetzen.
Manches erinnerte an beste Musica Antiqua-Manier: die zupackende, zuweilen fast aggressive, aber ausgesprochen durchdachte Herangehensweise, auch die gelegentlich rekordverdächtig schnellen Tempi. Das Konzert bot einen eindrucksvollen Beweis für die Tatsache, dass nicht das Instrument die Musik macht, sondern der Musiker. Und es zeigte deutlich, was mit Reinhards Goebels Arbeitsweise zu erreichen ist.
Goebel lieferte den Akademisten keine gebrauchsfertigen Rezepte, er ermunterte sie vielmehr zum Denken, zur Auseinandersetzung mit dem Stück selbst und seinen historischen Hintergründen. Dementsprechend stellte er den Streichern beispielsweise frei - wie es bei Ausflügen klassisch ausgebildeter Musiker in die Alte Musik häufige Praxis ist -, barocke Bögen zu benutzen, die leichter und wendiger sind, durch die andersartige Gewichtsverteilung aber eine besondere Spieltechnik verlangen. Dabei hält Goebel selbst von solchen "Mischformen" von modernem Instrument und altem Bogen wenig; für das unter wesentlich stärkerer Spannung stehende heutige Instrument sei nun einmal der moderne Bogen "die richtige Säge", sagt er; aber die jungen Leute lernen auf diese Weise zumindest die Unterschiede kennen. Das Wissen, das er ihnen vermittelt, soll die Grundlage für fundierte musikalische Entscheidungen sein; für Interpretationen, die auf einem vagen ?Empfinden" beruhen, sieht er in der heutigen Zeit keinen Platz mehr, oder, um es in seinen Worten zu sagen: "Es gibt den Unterschied zwischen demagogischem und argumentativem Musizieren" - er zieht das argumentative vor.
Schon als Jugendlicher hat sich Goebel durch Traktate des 18. Jahrhunderts gewühlt, in späteren Jahren Archive durchforstet und Manuskripte eigenhändig abgeschrieben, um die Kompositionen intensiv zu erkunden. Die in Musikerkreisen weit verbreitete "Angst vor dem Buch" zu bekämpfen, gehört nun zu seinen Aufgaben.
Und die Arbeit mit "modernen" Musikern hat für ihn einen ganz eigenen Reiz. Reinhard Goebel genießt es, sein Wissen weiterzugeben, seine Gedanken fortleben zu sehen, nicht nur in seinen Produktionen, von denen gerade einige Aufnahmen mit Musica Antiqua, etwa die der Brandenburgischen Konzerte, Kultstatus haben. Und, so sagt er mit einem Augenzwinkern, wer weiß, was einmal aus den jungen Leuten wird? "Vielleicht sagt irgendjemand, das hat mir so gut gefallen, ich werde das zu meinem Hauptberuf machen - dann habe ich einen Nachfolger gefunden. Und das ist doch auch schön."
Eva Blaskewitz