Wahlverwandtschaften

Dirigent Reinhard Goebel Foto: Christina Bleier

Reinhard Goebel dirigierte beim WSO Werke von Johann Wilhelm Wilms, Antoine Fodor und Carl Stamitz

(Köln, 10. Februar 2012) Dass in der Reihe "Klassik heute" des Westdeutschen Rundfunks Reinhard Goebel am Pult des hauseigenen Sinfonieorchesters stand, mochte fürs Erste verwundern, kennt man den Dirigenten doch als Geiger und Leiter der Musica Antiqua Köln. Aber schon 1990 lenkte ein Schicksalsschlag Goebels Tätigkeit in eine andere Richtung. Nach einer Lähmung der linken Hand gelang es dem 1952 in Siegen geborenen Musiker zunächst, mit eiserner Disziplin seine rechte konzertreif zu trainieren. Doch in den folgenden Jahren wurde spürbar, dass der Zeitgeist dem von der Musica Antiqua gepflegten, vielleicht tatsächlich ein wenig puristischen Stil nicht länger gewogen war. 2006 beendete das Ensemble seine mehr als drei Jahrzehnte währenden Aktivitäten. Überraschenderweise wurden vor kurzem aber noch späte WDR-Aufnahmen von 2004 unter dem CD-Titel "Il giardino al piacere" herausgebracht. Ein Textbeitrag Goebels zu dieser Edition beschreibt den Auflösungsprozess der Musica Antiqua. Etwas Bitterkeit schwingt da unverkennbar mit. In einem Interview an anderer Stelle war aber auch von innerem Einverständnis mit dieser Entwicklung zu lesen: Ein Weg schien ausgeschritten.

Gleichwohl ist Goebel ein rastloser Künstler geblieben, dessen Tätigkeitfeld sich eben nur auf den Bereich des Dirigierens verlagert hat. Weltweit gibt er Konzerte; in den nächsten Monaten sind Auftritte in Paris, Wien, Padova, Seattle und Melbourne vorgesehen. Darin eingebettet ist im Juli eine Opernproduktion: Johann Christian Bachs "Temistocle" am Nationaltheater Mannheim. Auch mit den Kölner Rundfunksinfonikern wird Goebel erneut musizieren, nämlich im Juni mit einem Mozart-Salieri-Programm in Würzburg. Diese Begegnungen sind für das Orchester von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung. Zu seinen Aufgaben gehört die Musik des Barock ja eher peripher, sein Repertoire beginnt im Grunde erst mit dem Zeitalter der Klassik.

Das hier besprochene Konzert fand im Klaus-von-Bismarck-Saal statt, der als "Großer Sendesaal"  in den fünfziger, sechziger Jahren Ort vieler legendärer Veranstaltungen war. So dirigierte Igor Strawinsky hier bei der Eröffnung 1951 u.a. seinen "Ödipus Rex", Fritz Busch kehrte im gleichen Jahr für eine Produktion von Verdis "Maskenball" nach Deutschland zurück. Die Platzkapazität des Saales ist im Vergleich zur Kölner Philharmonie bemessen, aber das kann - wie jetzt - atmosphärisch von Vorteil sein. Dem prominenteren Konzertsaal fehlt beispielsweise ein intimerer Kammermusiksaal seit jeher schmerzlich.
Das von Reinhard Goebel offerierte Programm war Amsterdam gewidmet. Der Dirigent fühlt sich dieser Stadt sozusagen wahlverwandtschaftlich verbunden, war sie doch Zentrum der niederländischen Alte-Musik-Bewegung seit den sechziger Jahren. Bei Marie Leonhardt, der Gattin des kürzlich verstorbenen Gustav Leonhardt, hatte er ebenso studiert wie bei Franzjosef Maier, dem späterem Leiter des vom WDR mitbegründeten Collegium Aureum. Auch auf diesem Wege bahnten sich erste Kontakte Goebels zum Kölner Rundfunk an. Jetzt schloss sich ein Kreis.

Die ausgewählten Werke könnten vermuten lassen, dass der Dirigent - ähnlich wie René Jacobs - sein Repertoire langsam ein wenig auf das 19. Jahrhundert auszudehnen beginnt. Der Komponist Johann Wilhelm Wilms lebte immerhin 1772 bis 1847. Von ihm war das lange als verschollen geltende Klarinettenkonzert B-Dur opus 40 zu hören. Ein wirkungsvolles, gefälliges, klangreiches Stück mit hohen Ansprüchen an das Soloinstrument, die von Nicola Jürgensen, Soloklarinettistin des Orchesters seit 2001 und Schülerin u.a. von Sabine Meyer, technisch problemlos und tonlich elegant gemeistert wurden. Reinhard Goebel, wie immer enorm körperbewegt, machte die Musik aufregender, als sie mitunter ist. Wilms war übrigens kein gebürtiger Niederländer, seine Wiege stand nahe von Köln in Witzhelden, heute Stadtteil von Leichlingen. Dort veranstaltet die Internationale Wilms-Gesellschaft (www.ijwwg.com) demnächst ein "10. Taufkonzert" mit Werken für Klavierduo.

Anders als Wilms war der zeitgleich lebende Antoine Fodor (1768 bis 1846) trotz seines französisierenden Namens ein echter Holländer (Geburtsstadt: Venlo). Die Musik seiner 3. Sinfonie opus 19 erinnert stark an den frühen Schubert, namentlich an den der "tragischen" 4. Sinfonie, wobei die gemeinsame Tonart c-Moll noch die geringfügigste Assoziation bewirkt. Goebels befeuernde,  ungemein präzise Interpretation ließ den Wunsch aufkommen, er möge sich tatsächlich einmal mit Schubert näher befassen. Das "historische" Musizierprinzip müsste dabei ja keineswegs aufgegeben werden.
Den Namen Stamitz verbindet man gleichermaßen respektvoll mit Vater Johann wie auch mit Sohn Carl. Letzterer weilte lange Zeit in den Niederlanden. Der Kompositionsauftrag für die "Ouverture du Bal donné au Grand Duc de Russie à la Haye" lässt die Wertschätzung erkennen, die man ihm als Zugereistem entgegenbrachte. Überraschend und frappierend ist der unzimperliche Einsatz des Janitscharen-Schlagzeugs, normalerweise galt Stamitz ja als Vertreter eines empfindsamen Musizierstils. Reinhard Goebel explodierte geradezu am Dirigentenpult, das Orchester reagierte impulsiv.

Christoph Zimmermann