Aber es gab auch Konzerte, die ohne die Magie von Raum und Klang funktionierten: Monteverdis "Orfeo" im Theater Velodrom etwa, einer Art Kulturarena, in der vorübergehend das Theater Regensburg spielte und in dem jetzt Musicals gegeben werden. Vielleicht ist auch "Orfeo", die erste überzeitlich vollgültige Oper, eine Art Musical für die auftraggebenden Gonzagas gewesen. Die Oper handelt von Liebe, von tragischem Verlust und einer Art happy ending. Im Velodrom machte das italienische Madrigalensemble "La Venexiana" eine bunte Show daraus, halbszenisch, mit Kostümen aus dem Heute. Das hilft der Fantasie immer recht gut auf die Sprünge. Am musikalischen Teil vermißte man nichts, außer, dass in der Intrada die Pauken fehlten. "La Venexiana" hat sich ein gutes Orchester zusammengestellt; dass herausragende Sänger mitwirken, die auch Solopartien ausgestalten können, hat die Gruppe schon immer bewiesen. Ohne exponierte Stars zu beschäftigen, führte das Ensemble die Oper zu ihren Wurzeln zurück, zum Madrigal. Jene, die in Mantua die Madrigale Monteverdis aufführten, mussten auch in der Lage sein, diese Oper überzeugend herüberzubringen. Was für "La Venexiana" zu beweisen war.
In diesem Raum mit seiner trockenen, aber sympathischen Akustik hätte auch das andere große Konzert der Regensburger Tage gut gepasst: der niederländische Fortepianist Arthur Schoonedewoerd führte mit seinem Orchester "Christofori" zwei Werke Ludwig van Beethovens auf. Ist das noch alte Musik, fragten da etliche. Allein wegen ihres Alters von 200 Jahren kann die Antwort nur "ja" lauten. Und auch wegen ihrer ursprünglichen Aufführungsbedingungen. Man gab Beethovens Orchesterwerke im Saal des Palais Lobkowitz in Wien, der etwa so groß ist wie das obere Foyer am Treppenaufgang des Herkulessaals in München. Oder im Theater an der Wien, das an die tausend Zuschauer in die Höhe stapelt und mit trockenster Akustik versorgt. Also durfte Beethoven damit gerechnet haben, seine Transkription des Violinkonzerts für Hammerflügel und sein drittes Konzert für Fortepiano und Orchester (c-Moll) unter Bedingungen aufzuführen, die praktisch jedes Instrument wie auf dem Präsentierteller darboten. Schoondewoerd zog daraus den Schluss, dass es genügen muss, jedes Instrument des Orchesters solistisch zu besetzen, auch die Streicher. Das wurde in Regensburg in der Dreieinigkeitskirche in hinreichend präziser Akustik vorgeführt. Dennoch hätten es jeweils ein bis zwei Streichinstrumente mehr sein dürfen, um eine dort wirklich zufriedenstellende Balance zu erzielen.
Im Velodrom wäre das Verhältnis zwischen den Bläsern, den Streichern und dem Hammerklavier sicher mit mehr Spannung zu erleben gewesen. Eine Ermutigung, jenen ungewohnten und stilistisch nicht korrekten Raum für Orchesterkonzerte in Zukunft in Betracht zu ziehen. Er könnte als zeitgenössischer Ersatz für all jene Konzertsäle in Schlössern und Kaufmannshäusern dienen, die Regensburg bisher nicht aufbieten konnte. Dazu bietet er eine echte Seltenheit bei den Austragungsorten der Tage Alter Musik: großzügige Pausenräume, Auslauf für das Publikum.