Gegen das Verwildern des Denkens

Gabriele Forberg und Alex Ross Foto: Jakob Ganslmeier

In ihrer Rede zur Vergabe des Belmont-Preises an den amerikanischen Musikjournalisten und Musikschriftsteller Alex Ross Ende Januar in München plädierte die Preis-Stifterin Gabriele Forberg für qualitätsvollen Musikjournalismus als wichtigen Bestandteil und Voraussetzung für ein lebendiges Musikleben. KlassikInfo veröffentlicht die Rede.

"Was für ein großes Privileg, mit Ihnen allen, liebe Anwesende, liebe Gäste, liebe Freunde - heute Abend hier im schönen Gartensaal des Prinzregententheaters die Verleihung des Belmont-Preises an Alex Ross feiern zu dürfen! Stilvolleres als Münchens "Grünen Hügel" hätten wir unserem Preisträger gar nicht bieten können: Er arbeitet gerade an seinem dritten Buch über das Thema: "Wagnerism". "Wagnerism: How a Composer shaped the Modern World" in seinen Bezügen zu zeitgenössischer Dichtung Film, Popmusik, Entertainment...
Anwesende Verleger - und nicht nur sie - mögen die Ohren spitzen! Ich begrüße Alex Ross sehr herzlich und danke ihm, dass er den 60 Stunden Trip New York - München und zurück nicht gescheut hat, und den Belmont-Preis für zeitgenössische Musik nicht nur annimmt, sondern auch persönlich abholt.

Für die Forberg Schneider Stiftung ist es nach ihrer Gründungsveranstaltung 1999 das erste Heimspiel hier in München: Diese glückliche Fügung verdanken wir dem Münchner Kammerorchester (MKO), mit dem wir heute nicht zum ersten Mal zusammenarbeiten. Das Kuratorium hat beraten und klug entschieden: Ich begrüße Eric Denut  und Markus Fein. Auch sie konnten sich der Faszination von Alex Ross' grenzenlosem Wissen und seiner Erzählkunst nicht entziehen. Ihnen Beiden, aber auch dem Vorstand der Stiftung, Ingeborg Krause, danke ich für ihre Solidarität und Mitarbeit. Auch all denen möchte ich danken, die geholfen haben, den heutigen Abend zu gestalten und durchzuführen: der immer heiteren Susanne Römer, Uli Schirmer, und nicht zuletzt dem schlagkräftigen Team des MKO mit seiner Kreativität, Spontaneität und ihrem umwerfenden Humor.
Last, but not least, danke ich meiner großzügigen Schwester für ihre Spende, die einer kleinen Stiftung wie der unseren einen so luxuriösen Rahmen wie am heutigen Abend überhaupt ermöglicht. Ich begrüße den Generalkonsul der Vereinigten Staaten in München, Mr. Conrad Tribble, aber auch die Damen und Herren Verleger vom Piper Verlag, die einen hervorragenden Riecher hatten, als sie den Bestseller "The Rest is Noise - das 20. Jahrhundert hören" 2009 in München herausbrachten.

Doch was wäre der Abend ohne das geschätzte MKO mit seinem künstlerischen Leiter Alexander Liebreich. Ich freue mich sehr und danke auch ihm, dass er nach der nun gleich folgenden Verleihung des Preises statt einer Laudatio in einem Gespräch mit Alex Ross der Veranstaltung die Krone aufsetzen wird. Ohne seinen Fragen vorgreifen zu wollen, möchte ich gerne ein paar Worte zu unserer Wahl des Preisträgers sagen: Es ist das erste Mal, dass die Stiftung keinen ausübenden Musiker auswählt - vorherige Belmont-Preisträger waren: Jörg Widmann, Florent Boffard, Bruno Mantovani, Carolin Widmann, das Quatuor Ebène und Marino Formenti. Warum also diesmal ein Mann des Wortes? Ein Autor? Ein Kritiker?

Alex Ross brilliert tatsächlich auf der Klaviatur der Sprache: er ist mit seinen 43 Jahren eine Berühmtheit. Er ist Literatur- und Musikwissenschaftler, Autor und Musikkritiker. Er hat ein 800seitiges Buch geschrieben, das Furore gemacht und diverse Auszeichnungen erhalten  hat. Bisher wurden, in 15 Sprachen übersetzt,  250 000 Exemplare verkauft.
Im kommenden Jahr, 2013, programmiert das Londoner Southbank Center, Heimat der drei großen Londoner philharmonischen Orchester, ein einjähriges Festival unter Ross' Motto: "The Rest is Noise", chronologisch nach 12 Kapiteln des preisgekrönten Buches, mit 100 Konzerten, Filmen, Gesprächsrunden. Aber nicht nur hier ist Ross allgegenwärtig:
Er veröffentlicht regelmäßig im "New Yorker" Essays und Rezensionen über aktuelle und auch übergreifende musikalische Themen aus Konzert- und Operngeschehen.

Der New Yorker: eines der wenigen verbliebenen US Printmedien, das der Musikkritik überhaupt noch Raum gibt: eines der wenigen verbliebenen überhaupt in den riesigen Vereinigten Staaten, seit 1925 Inbegriff von "Manhattan Sophistication" und intellektuellem Glamour mit seinem breitgefächerten thematischen Spektrum: Derzeit schreibt Alex Ross im Zuge seiner Wagnerism-Recherchen an einem Artikel über Harry Graf Kessler und Walter Rathenau, für mich persönlich rare Lichtgestalten des Liberalismus aus dem Deutschland der Vornazi-Zeit, - der eine verkannt, der andere ermordet - wie das eben so ging, zu dieser Zeit. In seinem Interview im Feuilleton der SZ beklagt Ross selbst den Niedergang der Musikkritik, das Fehlen von Leuten, die ihre Leser begeistern, ihnen aber auch mit ihrem musikalischen Wissen Nachhilfe geben können.

Genau das treibt auch uns um, dazu aber auch Sorge und Ärger um die zunehmende Verwahrlosung unserer geschriebenen Sprache - von der gesprochenen gar nicht zu reden. Es ist ein Gemeinplatz, dass mit der Sprache auch das Denken verwildert. Die aus der Zeit der Aufklärung überkommenen Denk- und Schreibformen der Musikkritik und Musikschriftstellerei gehorchen heutzutage zunehmend Formeln, wie sie die Musikindustrie für ihre Werbekampagnen gebraucht: hochkarätig, Ausnahmemusiker...
Operierten die Metaphern der Musikkritik im 19.Jahrhundert mit Begriffen aus der Tierwelt ( die berühmte Katzenmusik), so verschiebt sich das metaphorische Vokabular im 20. Jahrhundert in die Welt des Sports -  "53 Sekunden schneller als Rubinstein" - und der Kochkunst. "Genießerisch tapsen wir von "raffinierter Mischung  hin zu "süffigem Ton", wanken dann von"schlanken Koloraturen" geradewegs hinein in ein ziemlich unschlagbares "Sound Soufflée"...
So verwandelt sich Musikkritik schmissig in Interpretationskritik - von Musik bleibt kaum mehr übrig als die Werksbezeichnung. Schreiben über Musik ist schwer, ist immer eine Gratwanderung, denn "in der Sprache ist das, was man sagen kann, immer etwas mehr oder etwas weniger als das, was man sagen möchte. Aber in der Musik ist das Gesagte immer das, was es ist", so der John Coltrane Biograph Karl Lippegaus.

Lapidarer kann man das nicht ausdrücken. Und auf dieser Reibungsfläche zwischen dem MEHR und dem WENIGER liegt das Feld von Musikjournalismus und Musikschriftstellerei.
Wir alle lernen lesen. Aber HÖREN lernen wir nicht. Und hört man nicht auch besser, was man weiß?? Dabei hilft uns nun Alex Ross: kein Autor hat mir Musik in ihrer jeweiligen Zeitgenossenschaft anschaulicher und eloquenter beschrieben. "Zeitgenössische Musik" ist auch die Charakterisierung unseres BELMONT-Preises; bedeutet aber keineswegs nur "Im Hier und Heute", sondern bezeichnet ebenso den Stellenwert, den das Werk zur Zeit seiner Entstehung besaß. Beispielsweise: Georg Friedrich Haas' (DARKNESS AUDIBLE), John Cage (SEARCHING FOR SILENCE), sind Meisterwerke der Essayistik. Ross CD Kritik über Thomas Larchers "Böse Zellen" ein differenziertes Loblied - auch - des MKO!

Sein wunderbares Buch mit dem ironischen Titel :THE REST IS NOISE - DAS 20. JAHRHUNDERT HÖREN" - ein auch Geschichtsbuch, kein E-Buch und kein U-Buch, sondern ein Meisterwerk, ein Panorama der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Brüchigkeit. Denn nicht nur die Melodienseligkeit fand im Europa  zweier Weltkriege ihr Ende: die gesamte ästhetische Wahrnehmung konnte nicht mehr die gleiche sein. "The Rest is Noise" - wie der Titel sagt. "Wo wir auch sind, wir hören meistens Lärm. Ignorieren wir ihn, stört er uns. Lauschen wir ihm, finden wir ihn faszinierend", soweit John Cage.

Um das Faszinosum kunstvollen Lärms, um den " Skandal der Atonalität" dreht sich also dieses kluge Buch, ein Buch vor allem für musikalische Laien, denen Ross die geistig-politische Entwicklung des 20. Jahrhunderts durch seine Musik mit Hör- und Lesevorschlägen im Anhang des Buches zusätzlich erfahrbar macht. Ein Novum im Publikationswesen war bei Erscheinen des Buchs auch, dass er auf seiner Homepage zahlreiche Hörbeispiele eingestellt hat, die den Leser das Gesagte kostenlos und unmittelbar akustisch nachprüfen lassen. Eine wahrlich demokratische Praxis, die ihre Herkunft aus Amerika nicht verleugnet.

Stichwort Amerika. Mir persönlich hat Ross eine längst fällige Neuorientierung auf den Weg gegeben: er hat mir die schillernde, farbenfrohe, aber auch pragmatische Welt der amerikanischen Komponisten zum Leben erweckt, den Spanienkämpfer Conlon Nancarrow und seine maximale Musik mit hyperkinetischer Energie, den verrückten Vagabunden und Instrumentenerfinder Harry Parch, den Schoenberg-Schüler und Pionier des ökologischen Bauens Lou Harrison, den Gelegenheitstaxifahrer Steve Reich, Terry Riley, Phil Glass, den smarten John Adams, den Mark Rothko der Töne und Klänge: Morton Feldman, den Entzauberer europäischer Tiefsinnigkeit: John Cage, der, wie ja auch Stockhausen, die Beatles inspirierte..., und und und...
Den Charme und die Vitalität dieser zutiefst und aus tiefer Überzeugung unbürgerlichen Musikszene mit ihren Zweiflern, ihren Spinnern, ihren Spielern und ihren Grüblern hat Ross so anschaulich wie liebevoll beschrieben. Und ich habe mich in diese Musik, die hier auf dem alten Kontinent leider kaum je aufgeführt wird, verliebt.

Heute Abend haben wir nun alle dazu Gelegenheit dazu: - Wir werden Musik von Elliott Carter, Aaron Copland und Charles Ives hören: der neugierige Joseph Haydn hätte gewiss auch seine Freude daran. Dass so mancher der hier Genannten das künstlerische Überleben einzig und allein der - auch finanziellen - Unterstützung der unvergeßlichen amerikanischen Mäzenin Betty Freeman verdankt, daran möchte ich mich an dieser Stelle  dankend erinnern.

Aber auch im Nachkriegs-Deutschland hat sich nach der Zerschlagung und Ausrottung der bürgerlichen Kultur durch die Nationalsozialisten zum Glück wieder - als Ergänzung des Sozialstaats - eine allmählich unverzichtbare, vielfältige Kultur der privaten Stiftungen und Bürgervereine entfaltet, deren Träger - wir - in der Öffentlichkeit manchmal mehr als nützliche Idioten angesehen werden, wenn nicht gar als miese kleine Steuerhinterzieher. Das tut gelegentlich etwas weh. Wir täten das doch alles nicht, das Stiften, Schenken, Fördern, wenn wir nicht daran glaubten, dass es noch ein anderes Recht gibt als das der ökonomischen Vernunft: das unverlierbare Naturrecht des Menschen nämlich auf gewisse Urgüter, auf Leben, Eigentum, Meinungs- und Gewissensfreiheit, wie es sich auch in den Werken der Kunst manifestiert.
Unsere Verfassung von 1949 formuliert diesen Gedanken als Grundrecht des Menschen, daneben aber auch den Grundgedanken unseres Handelns als Bürger in seiner besonderen Ausformung als Stifter: "Eigentum verpflichtet".
Aber vergessen wir nicht: Am Anfang des Sozialen stand nicht das Geld, sondern das Geschenk, die Gabe. In diesem Sinne möchte ich jetzt den Preis vergeben: den Belmont-Preis für zeitgenössische Musik an Alex Ross."

Gabriele Forberg