Flehend vor dem Konzertmeister

Foto: A.Knapp/Berliner Philharmoniker

Simon Rattle dirigiert und Peter Sellars inszeniert Bachs Matthäuspassion mit den Berliner Philharmonikern, dem Berliner Rundfunkchor und exquisiten Solisten wie Mark Padmore und Magdalena Kozená

(Berlin, 10. April 2010) Es hat schon mancherlei Experimente gegeben, Bachs "Matthäuspassion" szenisch umzusetzen. Erinnert sei etwa an die Inszenierung von Götz Friedrich und Günther Uecker an der Deutschen Oper Berlin oder an die Ballett-Choreografie John Neumeiers.
Peter Sellars hat jetzt in Berlin gezeigt, dass eine dritte, weitaus dezentere, elegantere Umsetzungsmöglichkeit möglich ist, treffend "Ritualisierung" genannt.
Dies überrascht umso mehr, als der punkig-rockige US-Regisseur in den 1980er Jahren mit abstrusen Operninszenierungen aufschreckte. Zunächst bei den Salzburger Osterfestspielen, nun auch in Berlin war diese Produktion mit den Berliner Philharmonikern, dem Berliner Rundfunkchor und dem Berliner Staats- und Domchor unter Simon Rattle zu erleben. 

Dabei kommt die Philharmonie mit ihren räumlichen Möglichkeiten in besonderer Weise zur Geltung: Im Gegensatz zu konventionellen Aufstellungen sitzen sich die beiden Chöre und Orchester gegenüber. Die Knaben des Staats- und Domchors (Einstudierung: Kai-Uwe Jirka) singen zum Eingangschor hoch oben von der Empore. Beim Rezitativ "Da verließen ihn alle Jünger und flohen" stürmen  alle Chorsänger vom Podium, in die Blöcke des Zuschauersaals, von wo aus sie den Chorus "O Mensch, bewein dein Sünde groß" anstimmen. Dadurch entsteht ein ungemein imposanter, aufwühlender Raumklang,
Auch die Rezitative von Jesus (Christian Gerhaher), Pilatus (Axel Scheidig) oder den Hohepriestern (David Stingl. Thomas Pfützner) erklingen  aus dem Publikum heraus, wodurch es zu raffinierten Stereoeffekten kommt. 

Sellars' "Ritualisierung" drückt sich vorrangig in einer plastischen Gebärdensprache aus, die Text und Gehalt der Rezitative und Arien intensiviert. Die Solisten knien oder liegen auf dem Podium, fassen sich bei den Händen oder tauschen intensive Blicke aus.
Allen voran der hervorragende Mark Padmore als Evangelist durchleidet Verrat, Geißelung, Martyrium und Tod schmerzensreich mit jeder Faser seines Körpers, auch deutet er immer wieder gestisch an, was mit Jesus geschieht. Seine letzten Sätze singt er liegend auf einem sargähnlichen Holzkasten.  
Bei alledem ist Padmore, der mit hervorragender Textverständlichkeit, einem Höchstmaß an Expressivität singt und jedes Wort mit Ausdruck füllt, auch musikalisch ein Evangelist par exzellence. An die Nieren geht sein Bericht vom Sterben Jesu. Fast tonlos lässt er dessen Leben aushauchen. Danach eine Pause und völlige Stille, bevor Rattle ganz leise und zart den a-capella-Choral "Wenn ich einmal soll scheiden" folgen lässt.

Die zweite hervorragende Gesangssolistin des Abends heißt Magdalena Kozená. Wer hätte das gedacht: Vor vielen Jahren bezauberte sie als glockenheller Koloratursopran, seit einigen Jahren nun schon widmet sie sich verstärkt dem Mezzofach, aber selten so überzeugend wie in dieser Passion! Offenbar hat sich die Stimme in der Tiefe enorm entwickelt. Ihren größten Moment hat sie beim "Erbarme dich": Kniend und nach vorne gebeugt wie eine Pietà fleht sie um Gnade, im intimen Dialog mit Konzertmeister Daniel Stabrawa, der sein Violinsolo so seidig spielt wie selten gehört.
Überhaupt sind die Instrumentalsolisten, die ebenso wie die Gesangssolisten und Chorsänger ohne Noten spielen (!) eine Wucht: der immer wieder phänomenale Albrecht Mayer mit seinen liebreichen, samtenen Klängen nicht weniger als der Flötist Emanuel Pahud oder die grandiose Gambenvirtuosin Hille Perl.

Mit solcher Exklusivität können Thomas Quasthoff, der bei seine Bass-Arien in den Höhen etwas ungeschmeidig moduliert, die hochschwangere Camilla Tilling, der es an engelsgleicher Strahlkraft fehlt, oder auch der mitunter etwas forcierende finnische Tenor Topi Lehtipuu nicht ganz mithalten.
Eine Klasse für sich sind der vorzüglich singende und agierende Berliner Rundfunkchor (Einstudierung: Simon Halsey), mit schlafwandlerischer Sicherheit über den Notentext erhaben, gespenstisch dramatisch in den Kreuzigungsrufen, aufs Trefflichste transparent im polyphonen Einganssatz, ungemein anrührend und zart im Ausdruck bei den Chorälen.   
Ihm stehen die stilsicheren, hoch motivierten Berliner Philharmoniker in nichts nach, die unter Simon Rattle zu einer veritablen Konkurrenz für so etablierte Spezialensembles wie die Akademie für Alte Musik geworden sind.
Lange hat man nicht mehr einen vergleichbar stimmigen grandiosen Abend mit den Berlinern unter ihrem Chefdirigenten gehört.
Kirsten Liese