Die dritte Sinfonie von Brahms und die Zehnte von Schostakowitsch zur Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle
(Berlin, 29. August 2008) Ein Auftakt wie mit einem Paukenschlag: Wir sind wieder da! So stellte sich das Programm dar, mit dem Simon Rattle die neue Spielzeit der Berliner Philharmoniker eröffnete. Den sinnfälligen Startschuss lieferte die 3. Sinfonie von Johannes Brahms; dessen sinfonisches Oeuvre gehört schließlich zum Kernrepertoire des Orchesters, die Dritte spielten die Philharmoniker schon im Jahr nach ihrer Uraufführung, im Januar 1884, damals unter der Leitung des Brahms-Freundes Joseph Joachim. Diese kürzeste und bei aller Kunstfertigkeit und aller Dramatik auch unbeschwerteste unter den vier Sinfonien (die Rattle im Oktober und November übrigens komplett aufführen wird) ermöglichte einen ebenso programmatischen wie schwungvollen Einstieg in die neuen Saison. Das zweite Werk des Abends dann war eine der gewichtigsten Sinfonien des 20. Jahrhunderts: die Zehnte von Dmitrij Schostakowitsch, ein dunkles, eruptives, sehr persönliches Stück Musikgeschichte.
Die Zehnte ist eine Abrechnung mit der Stalin-Ära, wenige Monate nach dem Tod des Diktators 1953 komponiert. Wie kaum ein anderer Komponist war Schostakowitsch hin und her geworfen von den wechselnden Urteilen der sowjetischen Kulturpolitik, mal hochgejubelt, dann wieder verfemt und seit der scharfen Verurteilung seiner Oper "Lady Macbeth" im Jahr 1936 in ständiger - und nicht unbegründeter - Todesangst lebend. Nachdem in einem zweiten Scherbengericht 1948 auch seine achte und neunte Sinfonie des "Formalismus" und "volksfremder Tendenzen" beschuldigt worden waren, enthielt sich Schostakowitsch des sinfonischen Schreibens - bis zu Stalins Tod.
Zwar hat sich der Komponist selbst mit sprachlichen Deutungen des Werkes zurückgehalten, aber dass der zweite Satz, ein aggressives, lawinenartig vorbeidonnerndes Scherzo, ein musikalisches Porträt des Diktators enthalte, hat er selbst angedeutet. Die ganze Sinfonie durchzieht ein düster-tragischer Grundton, aufgebrochen von grellen Farbklecksen und von todesstarrer Ruhe nach dem Sturm etwa im dritten Satz. Selbst beim nach außen hin heiteren Finale, in dem die ganze Orchester-Maschinerie völlig entfesselt erscheint, kann einem das Lachen im Halse stecken bleiben angesichts dieser bizarren, gewaltsamen Jahrmarkts-Fröhlichkeit.
Simon Rattle arbeitet die scharfen Gegensätze der Partitur deutlich heraus. Wie in Stein gemeißelt wirken die unerbittlichen Rhythmen, ohrenbetäubend, aber präzise die dunklen Klangwände, die sich vor allem im ersten und zweiten Satz auftürmen. Atemberaubend die beinahe unhörbaren Passagen im dritten. Dass der ein oder andere Holzbläser-Einsatz, das ein oder andere Pizzicato der Streicher nicht ganz exakt zusammen waren, mag man den Philharmonikern im ersten Konzert nach der Sommerpause nachsehen; die Vielschichtigkeit dieser dunklen Sinfonie kam jedenfalls hervorragend zur Geltung.
Und sie schien irgendwie abgefärbt zu haben auf die Brahms-Sinfonie vor der Pause. Die im Kern heitere, 1883 in der Sommerfrische bei Wiesbaden entstandene F-Dur-Sinfonie lebt vom Wechsel zwischen Gefühlsausbrüchen und innigen, lyrischen Passagen; aber Rattle betont insbesondere im ersten Satz die dynamischen, agogischen und emotionalen Kontraste so sehr, dass vom unbeschwert tänzerischen Impetus, wie er etwa im "grazioso" überschriebenen zweiten Thema steckt, kaum noch etwas zu spüren ist. Beinah ingrimmig kommt dieses "Allegro con brio" daher - ein loderndes Feuer. Und das zieht sich durch die ganze Sinfonie, die den Zuhörer in dieser Interpretation ganz in ihren Bann zieht. Wie bei Schostakowitsch sind am eindrucksvollsten auch hier die völlig zurückgenommenen, ungeheuer intensiven Passagen, in denen einem fast der Atem stockt. Die Wirkung offenbart sich nach dem Schluss-Akkord des Finalsatzes: sekundenlange Stille, bevor stürmischer Beifall aufbrandet. Ein Saison-Auftakt, der Lust macht auf mehr.
Eva Blaskewitz