Oper als Paartherapie

Trautes Heim mit Gästen in Schönbergs "Von heute auf morgen" Foto: Opera Lyon/Stofleth

Die Oper in Lyon kombiniert in ihrem Festival "Puccini Plus" dessen "Il Trittico" mit Einakter-Opern von Schönberg, Hindemith und Zemlinsky - Eindrücke von zwei der insgesamt drei Opernabende

(Lyon, 9.-11. Februar 2012) An diesem Opernabend geschehen gleich drei Eifersuchts-Morde auf der Bühne. Wobei zwei immerhin nur imaginär sind. Regisseur John Fulljames treibt das Groteske, Surreale in Arnold Schönbergs Vierecks-Beziehungskomödie "Von heute auf Morgen" auf die Spitze, indem er den Hausherrn und die Hausherrin den jeweiligen lästigen Widersacher gepflegt mit dem Buttermesser beim trauten Frühstück um die Ecke bringen lässt. Danach setzt das Ehepaar das gemeinsame Frühstück fort. 

Der schöne Tenor, der der Dame des Hauses zuvor den Kopf verdreht hat, und seine hübsche Begleiterin, die selbiges beim Herrn des Hauses praktizierte, sind entzaubert - Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Auf diesen Nenner könnte man Schönbergs Ehe-Oper aus dem Jahr 1928/29 bringen. Der Reiz des anderen, Unbekannten, dem Paare mitunter erliegen, ist doch eben nur ein flüchtiger im Vergleich zur Qualität einer gewachsenen Beziehung. Schönberg hat sich mit diesem Werk gewissermaßen seine eigene Paartherapie komponiert unter Mithilfe seiner Frau, die das Libretto schrieb, und das Ganze ist durchaus komisch-ironisch eingefärbt.  

Ganz anders, nämlich blutig ernst, geht es bei Puccinis Dreiecksdrama "Il Tabarro" zu, das die Opera Lyon mit Schönbergs Einakter zu einem Opernabend zusammenpackte. Dort das gewitzte, musikalisch hochartifizielle Zwölfton-Konversationsstück als moderne Zeitoper, hier bei Puccini das Melodram im spätromantischen Breitwandsound, wenngleich ebenfalls in Kurzfilmlänge, dabei in der annähernd gleichen musikalischen Intensität wie "Tosca" oder "La Boheme". Mit einer Wendung aus "La Boheme" zitiert Puccini sich hier sogar selbst, um die sehnsuchtsvolle Liebe der Frau des Lastschiffkapitäns Giorgetta zu ihrem jungen Liebhaber Luigi zu illustrieren. In diesem Werk stirbt der Tenor ganz echt und landet auch noch vor den Füssen seiner Geliebten - Entsetzen, Schlussakkord, Blackout.

So knapp, so drastisch hat Puccini das in seinem Einakter von 1913 komponiert. David Pountney versucht erst gar nicht, die Geschichte nicht realistisch zu inszenieren. Ja, er aktualisiert sie sogar, indem er statt eines Lastkahns einen riesigen Stahlcontainer zeigt. Auch Puccinis "Schwester Angelika", die anrührende Geschichte um eine Klosterschwester, die von ihrer Familie wegen ihres unehelichen Kindes verstoßen und ins Kloster verbannt wurde und sich dort umbringt, als sie vom Tod ihres Kindes erfährt, bietet Pountney in bestem, gar nicht plattem Opernrealismus - unterstützt von einer mehrdeutigen Kulisse von Johan Engels, der auch die Schönberg-Oper grandios in fließendem Epochenwechsel gestaltete - als zeitlos gültige Parabel. 

Den Puccini-Einakter "Suor Angelica "bekommen die Besucher in Lyon im Gespann mit Hindemiths skurriler Klostergeschichte "Sancta Susanna" von 1921 zu sehen. Steht bei Puccini die vermeintliche Verfehlung am Beginn und hat eine ins Unglück führende Sühne zur Folge, ist bei Hindemith die Verfehlung, wenn man so will, als grotesker sexueller Ausbruch am Ende der Oper - als Akt der Befreiung aus verordneter Keuschheit. Sancta Susanna vollzieht den Liebesakt mit Jesus am Kreuz.  

Wer glaubte, Schönbergs und Hindemiths expressionistische Tonsprachen würden sich nicht mit Puccinis illustrierend, eingängiger Musik vertragen, der sah sich in Lyon eines Besseren belehrt. Klar, prallen hier starke Kontraste aufeinander, aber durch die thematischen Klammern werden sie nicht als störend, sondern als anregend empfunden. Das Publikum jedenfalls war nach Schönberg nicht minder begeistert wie nach Puccini, was auch mit den großartigen gesanglichen Leistungen in dem Schönberg-Werk zusammenhing. 

Die auf die beiden Dirigenten Bernhard Kontarsky und Gaetano d'Espinosa aufgeteilten Opern waren musikalisch fast durchweg auf hohem Niveau, mit viel Gespür für die jeweiligen stilistischen Eigenheiten und Besonderheiten. Unter den Sängern sind besonders hervorzuheben Thiago Arancam als fantastischer Belcanto-Tenor in Il Tabarro und Magdalena Anna Hofmann als die Ehefrau in "Von heute auf morgen".
Ein mutiges Projekt, das auch einem traditionellen Publikum Ohren für experimentelles Musiktheater des 20. Jahrhunderts öffnet.

Robert Jungwirth

 

 


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