Das Kölner Gürzenichorchester debütiert bei den BBC Proms in der Londoner Royal Albert Hall - und wird enthusiastisch gefeiert
(London, 22. August 2008) Was ist bei einem Proms-Konzert im plüschrot bezogenen Konzertoval der Royal Albert Hall schon normal? Ein Springbrunnen plätschert mitten im Parkett. In bester Parkettlage gibt es die billigsten Karten, Stehplatzkarten für 5 Pfund. An die 500 Zuhörer drängeln sich um den Brunnen bis an den Rand der Bühne. Über dem Parkett steigen die Sitzränge hoch auf. Darüber Logen, die auf 999 Jahre im Voraus von Familien angemietet sind. Sogenannte "boxes" - allesamt mit Tischen für die Pausenverpflegung ausgestattet. Und in der obersten Galerie im vierten Stock ist die 'sit-in' Etage. Hinter Rundarkadenbögen werden Decken ausgebreitet, Picknickkörbe ausgepackt, Schuhe ausgezogen und liegend, sitzend oder stehend, mit oder ohne Blick aufs tief unten liegende Podium zugehört. Familien mit Kindern kuschelten in Kissenlandschaften. Ein Radler in Sportoutfit, Sonnenbrille auf dem Kopf und den Kopfhörer vom Walkman noch um den Hals, lehnt sich mit ausgestreckten Beinen bequem gegen die hintere Rundwand. Ein junges Pärchen hat zum entspannten Hören ein Scrabble-Spiel ausgepackt. Ein hoch betagtes Paar, sie mit dicker Perlenkette und Gehstock in der Hand, machte es sich auf einigen der raren Kinosessel bequem. Seit 30 Jahren seien sie Dauergäste bei den 'lovely Proms'. Und früher hätte sie auch auf dem Boden gesessen oder gelegen. Jetzt sei sie dazu ja wohl zu alt!
Wer aber meint, es ginge zu wie weiland bei Barockopernaufführungen in Venedig, wo während der Vorstellung lauthals gesprochen und geräuschvoll getafelt wurde, hat sich getäuscht sich. Mucksmäuschenstill war es, wenn die Musik spielte. Korkenknallen und Chipsknabbern wurde auf die Pausen verlegt. Die konnte sich jeder genau ausrechnen. Dazu dienten unter anderem die genauen Zeitangaben im Programm.
Dieses ungewöhnliche und dennoch oder vielleicht deswegen weltweit erfolgreiche Sommerfestival startete 1895. Sir Henry Wood rief die Promenadenkonzerte ins Leben. Und in der Queenshall, so erzählen ältere Jahrgänge, sei das Promenieren um den Konzertsaal herum auch Usus gewesen.
Im zweiten Weltkrieg wurde die Queenshall durch Bomben zerstört. Als Zeichen für eine unerschütterliche Geisteshaltung sei man noch im gleichen Jahr, 1941, in die Royal Albert Hall umgezogen. Seitdem teilen sich die Proms das Pantheon im Nobel-Viertel Kensington mit Tennisveranstaltungen, Eislaufveranstaltungen, Boxkämpfen oder James Bond Premieren. Der Brunnen wird angeblich nur für die Konzerte aufgestellt - fürs bessere Luftklima. Einige Nachbesserungen an der Decke haben die akustischen Bedingungen auf den meisten Plätzen extrem verbessert. Dafür sorgen tief blau angestrahlte pilzschirmartigen Platten und Wellen überm Konzertpodium vor der mächtigen Proms-Orgel. Die besten Hörplätze haben die "Promers" - jene, die für umgerechnet sieben Euro im Parkett stehen oder auf der Galerie lagern.
Aber auch auf der Bühne herrschen für die Musiker ideale Hörbedingungen, erzählen die Musiker des Gürzenichorchesters. Beste Voraussetzung, um das Mammutprogramm mit Mahlers fünfter Symphonie, Karlheinz Stockhausens "Punkte", vier Schubert-Liedern in der Orchestrierung von zeitgenössischen Komponisten und Beethovens dritter Leonorenouvertüre durchzustehen. Ursprüngliche Idee von Markus Stenz, dem Chefdirigenten des Kölner Traditionsorchesters, war es, ein historisches Konzert zu wiederholen. Gustav Mahler hatte am 18. Oktober 1904 am Pult vor dem Gürzenichorchester Köln (damals hieß es noch Städtisches Orchester zu Cöln) seine Fünfte Sinfonie mit dem berühmten Adagietto aus der Taufe gehoben. Dazu wurden das Ständchen für Sopran und Chor, D 920b, "Bei dir allein, D 866 Nr.2, "Nacht und Träume" D 827 und "Das Lied im Grünen" D917 - ebenfalls für Sopran - nur mit Klavierbegleitung - und zum Abschluss Beethovens Ouvertüre "Leonore" Nr. 3 - wieder mit Orchester - gegeben. Aus Köln konnte man an diesem 22. August aber nicht ohne aktuellen Tagesbezug anreisen. Karlheinz Stockhausens 80. Geburtstag war ein Gebot für die Kölner. So beschied Markus Stenz, Stockhausen mitten ins Aufführungsgeschichtenkonzert zu platzieren. Denn so, wie Mahler damals in sinfonisch neuartiges Terrain aufbrach und das Kölner Publikum zugleich enthusiasmierte und irritierte, so verstörte Kölns berühmtester Avantgardekomponist 60 Jahre später mit einem Werk ohne Melodie, das sein Geschehen aus Klangpunkten und Punktschwärmen im Sinne einer Sternenkarte entwickelte.
Zu einer Sternstunde wurde der ganze Abend. Die Trompetenfanfare am Anfang von Mahlers fünfter Sinfonie, die inzwischen ein Referenzstück im Gürzenich-Repertoire geworden und auch auf CD eingespielt ist, blies es gleich in den Hallenhimmel. Das Orchester entfesselte Klangsinnlichkeit in dynamischen Extremen, ohne je an Durchhörbarkeit oder Tragfähigkeit zu verlieren. Die Aufmerksamkeit des Publikums schien die Musiker zu inspirieren. Der Trauermarsch, im streng geführten Kondukt, wurde von verrückt aufdrehenden Ländlerartigen Passagen wie weggeblasen. Das Pizzicato der Kontrabässe begleitet mit samtig glänzenden Tupfern die unerbittlich wiederkehrende Trauermusik. Im zweiten Satz - von Mahler "mit größter Vehemenz" überschrieben - meinte man die Olympischen Ringe aufsteigen zu sehen. So hymnisch geriet dem Orchester der triumphierende Choral. Die unendliche Melodie entwickelte im sehr langsamen aber mit großem Bogen musizierten Adagietto, nur mit Streichern und Harfe besetzt, suggestive Sogwirkung. Keine Zeit blieb zum sentimentalen Nachzelebrieren. Das Horn blies zum abschließenden Rondo mit heftigen Streicherfugen.
Karlheinz Stockhausens "punktuelle Musik" nahm man "very british" als Herausforderung an. Und es schienen auch viele aus der Londoner Stockhausen Gemeinschaft anwesend zu sein. Das Riesenorchester symmetrisch um zwei Flügel aufgebaut, hauchte oder schmetterte in der von Stockhausen 1962 überarbeiteter Fassung Scharen von Punkten ins Hallenrund, türmte sie auf, ließ sie verhallen. Und Punkte, Pausen und verfremdete Klänge formten sich zu einer neuen Erfahrung. Das Stück wurde in den Proms zum ersten Mal gespielt.
Munter sprudelten die sinfonisch neubearbeiteten Schubertlieder mit der österreichischen Sopranistin Angelika Kirchschläger hinterher. Auch wenn sie im Mezzopiano schon nicht mehr so ganz durchkam. Vielleicht lag es daran, dass die BBC zwei englische, die Brüdern Colin und David Matthews, und zwei deutsche Komponisten, Manfred Trojahn und Detlef Glanert, zu neuen Orchesterfassungen aufgefordert hatte. Damit hatten die Komponisten offensichtlich ein Luxusproblem. Zu keinem Zeitpunkt wurde man den Verdacht los, dass ein Riesenorchester in die Intimität dieser Lieder nicht zu zwingen sei. Klarinetten dudelten Albertibässe. Das Ständchen bekam von David Matthew auch ein Nachspiel. Manfred Trojahn arrangierte Holzbläser und nachschlagende Streicher in die Klavierbegleitung. Colin Matthew trat mit Tuba, Bassklarinette oder Kontrafagott die Flucht in dunkle Grollregister an, um die Holzbläser nebst Horn im unisono mit einer Melodie zu beschäftigen. Als die Trompete sich auch noch im unisono mit Angelika Kirchschläger in die Melodie teilte, war es ein wenig des Guten zuviel.
In der Leonorenouvertüre sorgte noch einmal eine Trompete aus dem off für bühnenwirksame Effekte. Mit rhythmischem Applaus forderten die unersättlichen Londoner dann tatsächlich noch eine Zugabe. Die Kölner packten die "Verwandlungsmusik" aus Richard Wagners "Parsifal" aus. Danach war restlos alles aus dem Häuschen. Die rund 6000 Hörer feierten "Cologne?s oldest orchestra". Und die Kölner auf der Bühne, zwar völlig erschöpft, strahlten. Um 19 Uhr hatte das Konzert begonnen, um 22.30 Uhr verließ man beglückt die Hallen. Diejenigen, die kein Picknick dabei hatten, stürmten die umliegenden Lokale.
Sabine Weber